Bescheidenheit ist eine Zier. Nicht so beim Frankfurter Rödelheim Hartreim Projekt


Wir schreiben das Jahr 1996, das Rödelheim Hartreim Projekt ist Alleinherrscher der deutschen Sprechgesangsszene“, hieß es vollmundig auf dem Debütalbum des hessischen Duos. 1996 ist angebrochen. Zeit für eine Realitätsüberprüfung. Die Vision ist formuliert. Bundesreimer Nr. 1 wollten sie werden. Zwar hat das Duo Pelham/Hofmann Konkurrenten wie Advanced Chemistry und Fettes Brot kommerziell ausgebremst, aber von den Umsatzzahlen der Fantastischen Vier sind Moses P. und Thomas H. derzeit in etwa so weit entfernt wie der Frankfurter Campanile vom Stuttgarter Rathaus. Bundesreimer Nr. 1. Zwei Jahre danach. „Das war damals nicht so ernst gemeint“, wiegelt der glatzköpfige Hartreimer Pelham ab, „klar, du willst deinen Platz haben, klar denken wir, wir sind die geilsten. Und es gibt noch ein paar andere Leute, die das auch so sehen!“ Und ein paar, die das nicht so sehen. „Fick die!“, brüllt der bullige Sänger und lacht dröhnend. 100 Kilo Resonanzkörper stehen ihm dabei zur Verfügung. Moses will Erfolg, „wie man Erfolg definiert, ist dann wieder ’ne andere Baustelle.“ Und die befindet sich in Stuttgart. Das neue Album ist da. Zurück nach Rödelheim. 13 Tracks voll harter Reime. Doch während man im süddeutschen HipHop-Hauptquartier zielsicher auf einprägsame Hooklines setzt, legt man in Rödelheim eher Wert auf Reimakrobatik. Und die hat es in sich. „Der erste, der abstreßt, wird aufgeschlitzt/Damit du das raffst, nehm ich als ersten dich/Ich wisch mir dein Blut an meine Jacke/Damit die Jungs sehn, das ist ein harter Kanacke.“ Und weiter: „Ich handel ohne Skrupel, tu was ich tu/Weil ich’s tun muß und endlich geben die Fotzen Ruh“, heißt es in ‚Fluchtweg‘. „Es ist dein gutes Recht, das zu interpretieren, wie du möchtest“, bietet Moses an und zieht lässig an seiner Zigarette. Ist das die Vision? Frankfurt, Mainhattan, das Gesetz der Straße? Demnächst auch in eurer City? Für Moses längst Realität: „Das ist das Gesetz in der Welt, in der Du und ich leben! Das kann Dir doch nicht entgangen sein! Es geht nicht darum, daß Thomas und ich hardcore-krasse Mörder sind.“ Ob die Kids das auch so verstehen? Was ist mit der latenten Gefahr des Nachahmungseffekts? „Eh, keine Ahnung“, raunt Moses. „Ich sehe da von meiner Seite überhaupt keine Verantwortung. Ich bin nicht Sozialarbeiter oder Pädagoge, sondern ich schreib meine Gefühle auf Papier. Das heißt nicht, daß ich so sein will.“ Thomas schaltet sich dazu: „Es geht um die Hemmschwelle. Ob du bereit bist, die zu nehmen. Das ist der letzte Fluchtweg. Das letzte Mittel. Aber grundsätzlich möchte ich nicht so sein.“ Für die einen ist Sprache eine Qual, für die anderen ein Genuß. Moses gehört zu den Genießern. „Ich spiele gern mit Sprache“, sagt er jedem, der es hören will. Auf ‚Zurück Nach Rödelheim‘ spielt er jedoch mit dem Feuer. Texte und Inhalte des neuen Albums bewegen sich bisweilen hart am Rande der Jugendfreiheit und wären in den USA mit dem ‚Parental Advisory‘-Sticker noch gut bedient. Da wird satt ausgeteilt. Mit dem Einstecken ist das schon schwieriger: Über Rückschläge redet Moses nur ungern. Nur soviel: „Es beißt.“ Zum Beispiel, wenn zurück-gedisst wird. So meinte kürzlich Zoppo von Megavier, Moses täte immer so, als stünden in Rödelheim an jeder Ecke brennende Ölfässer, dabei gäbe es dort die teuersten Eigentumswohnungen. Das sitzt. „Zoppo, fick dich!“, lautet die knappe Antwort. So sind sie, die Gangstas aus Rödelheim.