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Blog des Monats: Interview mit WhiteTapes

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Unser aktueller „Blog des Monats“ heißt WhiteTapes und wird von sechs kreativen Köpfen unter der Leitung von Matthias und Ariane betrieben. In unserem Interview erklärt uns Bloggerin Ariane die Website, ihre Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen – und wie Musik-Journalismus der Zukunft aussehen könnte.

Seit wann gibt es „WhiteTapes“ und wie seid ihr auf die Idee zu diesem Blog gekommen?

WhiteTapes gibt es seit dem 12. Juli 2008. Durch die Liebe zur Musik, aber dem Unvermögen selbst wirklich Gute zu machen, bestand bei Mattias und mir schon immer der Drang danach die Musik noch mehr in unser Leben zu integrieren. Über die Jahre hinweg geschah dies dann auf anderen, aber auch auf eigenen Seiten. Wir sind an verschiedenen Stellen allerdings an Grenzen gestoßen, bei denen wir uns nicht sicher waren, ob diese wirkliche Grenzen waren oder ob etwas komplizierter dargestellt wurde, als es ist. Schließlich gibt es schon viele Jahre Leute, die erfolgreich online ihre Lieblingsmusik mit der ganzen Welt teilen. Daraufhin haben wir uns beide zu WhiteTapes zusammengeschlossen und konnten tatsächlich sehr viele Grenzen aufheben, vielleicht auch dadurch, dass man nun sein eigener Chef war. Mittlerweile sind Matthias und ich die Chefredaktion, wenn man das so nennen will und arbeiten mit vier weiteren lieben Menschen zusammen. Im Februar hat sich unser ältester, im Sinne von längster, Mitarbeiter mit einem eigenen kleinen Team selbstständig gemacht und betreibt nun das Soulseller Mag (www.soulseller-mag.com), wo es um alles geht, was mit Rock und Punk zu tun hat.

Welcher Gedanke verbirgt sich hinter dem Namen der Webpage?

Bei einem Brainstorming mussten wir feststellen, dass alle Namen beziehungsweise Domains, die wir im Kopf hatten, bereits gesichert waren und so nicht mehr zu freien Verfügung standen. Der Ansatz musste also umgedreht werden. Schnell konnten wir uns darauf einigen, dass wir etwas im Namen haben wollten, was direkt auf Musik hinweist. Compact Disk ist schwer verwertbar und Vinyl zu abgelutscht und noch offensichtlicher als die gute, alte Kassette. Die zweite Komponente des Namens sollte etwas Reines und Unschuldiges ausdrücken. Die Farbe Weiß ist plakativ und drückt genau das aus. Anglophil, wie wir sind, war der Name WhiteTapes schnell einer ganz oben auf der Liste.

Was unterscheidet Euren Musik-Blog von ähnlichen Pages? Was ist das Besondere an WhiteTapes?

Das ist eine schwierige Frage, denn ich denke, wir tun alle genau das, was wir mögen und das aus purer Freude an der Sache. Das Besondere hinter jeder Seite sind ganz einfach die Menschen. Klar, der Musikgeschmack, wenn wie bei uns nach diesem gegangen wird, natürlich auch. Allerdings macht den Charme aller Seiten der Mensch dahinter aus.

Wir haben ein paar interne Prinzipien. Ehrlichkeit steht dort an erster Stelle mit dicken, roten Ausrufezeichen. Das ist vor allem bei Plattenbesprechungen wichtig. Wenn einen das neue Werk eines Künstlers, den man eigentlich mag, leider enttäuscht, dann ist das so und wird auch geschrieben. Bedingung ist jedoch, dass diese Meinung nicht nur geäußert, sondern auch begründet wird. Dies gilt natürlich für positive Besprechungen gleichermaßen. Der Respekt vor der Sache selber, der Arbeit, die geleistet wurde, dem Menschen, also dem Künstler, muss unter allen Umständen gewahrt werden. Die private Person des Künstlers steht nicht zur Diskussion, sondern seine Arbeit. Aber so hat, denke ich, jede Seite Ansprüche und Prinzipien, nach denen gehandelt wird.

Blogging wird gerade im Netz als Journalismus der Zukunft beschworen. Wie sieht ihr das?

Blogging und Journalismus werden oft in einen Topf geschmissen. Für mich ist ein Journalist immer noch jemand, der zum Beispiel Journalismus/Kommunikationswissenschaften studiert hat beziehungsweise seine Erfahrungen in dem Bereich über Jahre hinweg auf andere Weise erlangt hat. Und nicht etwa jemand, der Spaß an etwas hat und sich dazu entschließt, dies auf einem Blog der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Also nein. Das gemeine „blogging“ ist meiner Meinung nach kein Ersatz für den richtigen Journalismus. Etwas anderes sind zum Beispiel natürlich die Blogspalten der Tageszeitungen auf deren Internetseiten. Dort gehe ich davon aus, dass durchaus Journalisten da dran sitzen und nicht der Volontär aus der 7. Klasse, der sich in seiner Freizeit auf seiner eigenen Seite austobt. Ob das Online-Angebot von Tageszeitungen und Magazinen wie dem „Spiegel“ auf lange Zeit nicht immer wichtiger und die Printversion ersetzen wird, ist schwer zu sagen. Ich fände dies sehr schade und hoffe, dass eine solche Verschiebung, sollte sie denn kommen, noch lange auf sich warten lässt.

Was unterscheidet in Euren Augen Musik-Pages – wie Ihr eine betreibt – von den Print-Erzeugnissen der heutigen Zeit?

Es hat sich im Bereich Musik alles ein wenig verlagert. Die schnellen Infos kommen von den Musikseiten, und sicherlich wird auch viel mehr Musik heute über Seiten wie uns entdeckt, als noch wie bei mir früher, über Musikmagazine. Musikmagazine haben im Moment noch die Möglichkeit einfach größere Projekte aufzuziehen. Cover-Stories und Ähnliches. Das ist für Musikseiten genauso leicht, denke ich, und würde auch genauso gut angenommen werden, aber es ist noch nicht wirklich angekommen „in der Szene“. Wenn man mich fragen würde, warum wir das nicht machen, wüsste ich nicht mal eine Antwort. Ich würde wahrscheinlich sagen „Gute Frage! Lass uns das mal in Angriff nehmen demnächst“.

Worin seht Ihr selbst den größten Vorteil von Blogs und Social Media?

Das ist ganz eindeutig die Aktualität. Ein Printmagazin kann vom Grundgedanken her schon nicht sieben Mal am Tag eine neue Ausgabe herausbringen. Inhalte werden im Internet schneller verbreitet und erreichen so das Publikum viel leichter. Man klickt „gefällt mir“ oder denkt es sich eben nur, wenn man ein Musikvideo sieht, das einem gefällt. Im besten Fall hat man eine neue Band für sich entdeckt und das innerhalb von Sekunden, weil jemand gesagt hat: „Hey, schaut mal, das hier ist gar nicht so übel, richtig gut sogar“. Im Idealfall finde ich noch mehr über diese Band heraus und in einer der nächsten Ausgaben eines Printmagazins finde ich eine Cover-Story oder die Band wird vorgestellt. Beides hat seine Vor- aber auch Nachteile. Hand-in-Hand gehen und sich nicht grundsätzlich abwenden ist der Schlüssel, wie ich finde! Es geht doch immer noch darum gute Musik zu unterstützen. Da sollte man zusammenarbeiten und sich nicht gegenseitig anfeinden oder denken, man sei etwas Besseres – auf beiden Seiten und auch unter den Blogbetreibern selber.

Wie finanziert ihr euch? Wie privat oder kommerziell ist die Seite?

WhiteTapes ist rein privat. Es gibt keine Werbung bei uns (außer Tourplakate und den Konzertankündigungen für den Klub „Amp“ in Münster, mit dem wir eine einfache „eine-Hand-wäscht-die-andere-Kooperation“ haben). Es gibt immer wieder Angebote, die auch gar nicht schlecht sind. Auf WhiteTapes geht es aber um Musik, nicht um Hersteller von Sportschuhen und das neueste Modell. Auch Werbung von Anbietern wie Spotify haben wir bisher ausgeschlagen, aus einer ganzen Reihe von Gründen, um ehrlich zu sein. Es steht einfach das ungeschriebene Gesetz bei uns, dass die Seite unkommerziell ist und auch bleiben soll. Allein schon, weil mich Werbung auf anderen Seiten manchmal zu sehr vom Wesentlichen ablenkt. Ich möchte einen Beitrag lesen und dabei kein farbiges, blinkendes Etwas im Augenwinkel haben.

Ihr habt Präsentationen, Gewinnspiele, MP3, Interviews mit Künstlern. Wie schwierig ist der die Zusammenarbeit mit Plattenfirmen, wenn ihr selbst keine Firma im Hintergrund habt? Worin liegen gerade hier die Chancen, Herausforderungen und Vorteile?

Das ist eine der angeblichen Grenzen, mit denen Matthias und ich uns vor WhiteTapes konfrontiert gesehen haben. Ganz ehrlich, die Zusammenarbeit ist super, und oft habe ich sogar das Gefühl, dass man ein wenig aufeinander achtet. Man respektiert sich und wie ein Sprichwort schon sagt: „Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch wieder heraus“. Wir hatten noch nie Probleme, weil wir keinen Verlag im Rücken haben. Wenn man eine Frage hat, dann fragt man freundlich. Mehr als ein „Nein“ kann man auch hier nicht bekommen – wobei ich gestehen muss, dass man wahrscheinlich von uns öfter ein „Nein“ zu hören bekommt, als wir von unseren Partnern. Man muss sich aber auch seinen Charakter bewahren, als Mensch sowieso, aber auch als Seite. Wir sind keine „Allesschlucker“, dafür aber immer ehrlich. Vielleicht macht das eine gute Zusammenarbeit hier aus. Es ist alles doch sehr anonym. Man hat über Soziale Netzwerke zwar den Eindruck, man würde sich kennen, aber letztendlich wollen Plattenfirmen nun mal ihre Künstler unterbringen. Da ist es egal, wie nett man bei dem großen „F“ kommuniziert. Und da kommt die Ehrlichkeit wieder ins Spiel, die Respekt auf beiden Seiten fördert. Die Herausforderung besteht vielleicht darin, dass man erst einmal schauen muss, an wen man sich wegen welchem Anliegen wenden kann und muss. Das ist natürlich vor allem am Anfang undurchsichtig. Aber wie ich auch schon sagte, man fragt einfach jemanden, mit dem man schon Kontakt hat. Jeder hat mal klein angefangen, in jedem Bereich des Lebens und muss erst herausfinden, wie der Hase läuft.

Welches der Interviews, die auf Eurer Seite zu finden sind, war für Euch besonders spannend zu führen?

Auf diese Frage hat sicherlich jeder von uns sechs seine ganz eigene Antwort. Für mich persönlich war mein allererstes Interview, dass ich noch für eine andere Seite mit Anni Clark aka St. Vincent geführt habe, ein ganz besonderes. Ich bin ein eher schüchterner Mensch, denkbar ungünstig für Interviews mag man denken. Allerdings wird einem die Schüchternheit recht schnell genommen, wenn das Mädel, was einem gegenüber sitzt, die ersten zehn Minuten innerlich genauso zu zittern scheint, wie man selber, und sich das auf  zwanzig Minuten angesetzte Interview zu einem tollen Gespräch über vierzig Minuten entwickelt und man nicht unterbrochen wird.

Nervös bin ich immer noch, wenn Interviews anstehen, das ist einfach so bei mir. Aber manchmal springt einfach ein Funke über. Das war zum Beispiel im vergangenen November im Gespräch mit Conor J. O’Brien von Villagers und Paul Smith der Fall. Zwei Künstler, die ich sehr schätze! Wenn Augen blitzen, und das nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Interviewpartner, er oder sie sich also offensichtlich nicht langweilt, kommt man sich mit seiner Musikseite gar nicht mehr so klein vor – für ein paar Minuten jedenfalls. Schön ist auch mit kleinen Bands zu sprechen, die noch nicht viele kennen und oder die auch noch gar keinen Vertrag in Deutschland haben.

Gibt es Lieblingskünstler der „WhiteTapes“-Crew?

Da ist es wieder unmöglich, dass sechs Menschen sich auf nur eine Band einigen. Bright Eyes haben einen hohen Stellenwert bei uns als Seite. Die Band hat mindestens Matthias und auch mich das gesamte letzte Jahrzehnt begleitet und geprägt.

Owen Pallett ist ein ganz persönlicher Liebling von mir. Danach werden die Übergänge fließend. Patrick Wolf, Frightened Rabbit, The Lake Poets, Frankie & The Heartstrings, Let’s Buy Happiness, The Pains Of Being Pure At Heart, um nur ein paar zu nennen. Bei Matthias darf man nicht vergessen Ryan Adams und Endor noch zu erwähnen. Mehr würde den Rahmen hier einfach sprengen, denn es ist ja auch mit nur einem Genre nicht getan. Ich liebe zum Beispiel schrammelige Gitarren und Grunge genauso sehr wie zerbrechliche, verkopfte Sounds und wunderschöne Stimmen. Seitdem wir auf Quu.fm eine wöchentliche Radiosendung haben, muss ich gestehen, mag ich gar nicht mehr über Genres nachdenken. Indie ist nicht gleich Indie und Singer Songwriter hören sich nicht immer gleich an, genauso wenig wie Elektro immer gleich ist. Ein guter Musiker, egal welchen Genres, kann auch Blues mit Techno mischen und es wird sich im Idealfall fantastisch anhören oder etwas Neues kreieren, mit dem niemand erst einmal etwas anfangen kann, aber was trotzdem in den Bann zieht!

Welche Blogs klickt Ihr persönlich besonders bevorzugt?

Im deutschen Raum eigentlich gar keine und nicht fernab der Musik. Da bekomme ich eher am Rande etwas mit, aber bewusst steht nichts auf der „lesen muss“-Liste. Auf dieser sind eher die üblichen, großen Verdächtigen wie Pitchfork, Stereogum, Drowned In Sound und Spinner. Aber die habe ich auch schon immer gelesen. This Is Fake DIY (http://www.thisisfakediy.co.uk) ist in letzter Zeit auch immer häufiger eine Anlaufstelle. Sehr zu empfehlen sind da unter anderem auch die Sessions. Ansonsten sind wir eher auf britischen und schottischen Blogs unterwegs. The Music Slut (http://themusicslut.com), Peenko (http://peenko.blogspot.com), The Pop Cop (http://thepopcop.co.uk), Song By Toad (http://songbytoad.com) und Chromewaves (www.chromewaves.net) sind nur einige der sehr guten Seiten der internationalen Kollegen.


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