Blondie – Erfolg Ist Vi Deo!


1979 war für Blondie in England ein Rekordjahr. Die Band lag dort an der Spitze der bestverkaufenden Bands und verwies somit Abba auf den zweiten Rang. Giovanni Dadomo traf das Sextett aus New York im Laufe der Blondie-Englandtour im Londoner Montcalm Hotel, einer beliebten Herberge für erfolgreiche ausländische Popstars. Erfolg bedeutet das „Montcalm“ und mehr. Geld bedeutet freie Auswahl, und im Foyer verkündet Bassist Frank Infante, er spiele ernsthaft mit dem Gedanken, sich in London ein Apartment zu nehmen. Schlagzeuger Clem Burke hat Ähnliches im Sinn. Debbie Harry und der Gitarrist Chris Stein teilen eine zweistöckige Suite im „Montcalm“. Harry taucht in grünen Overalls auf und hat sich mit einem Minimum-Makeup zufrieden gegeben. Stein, mit kräftiger Hornbrille und vollen Lippen, erinnert an eine auf smart gemachte Selbstkarikatur von Robert Crumb. Vor ein paar Tagen hatte ein Geschäftspartner vermerkt, Debbie sähe schon ganz okay aus, wenn man sich daran gewöhnt habe, daß ihr Kopf zu groß für ihren Körper sein, wie bei vielen oft fotografierten und fotogenen Menschen, besonders Models. Mag schon sein. Jemandem, der den Großteil der vergangenen Stunde damit verbracht hat, bewegte Bilder zu betrachten, die immer wieder dieselbe Dame präsentieren, und dazu gewiß nicht immer vorteilhaft, erweist sich die Realperson als überraschend entspannt, hübsch und makellos. Deborah Harry in Großaufnahme und Bombardements von Harry-Schnappschüssen sind nicht wegzudenkender Teil von Blondies visuellem Image, und in diesem Fall entstammten sie der eben fertiggestellten Video-Disc-Version von Blondies „Eat To The Beat“-LP, die in England Anfang März im Handel sein dürfte. Wann dieses Video-Tape den deutschen Markt erreichen wird, ist hingegen noch immer ungeklärt. Das Tuning scheint nicht besonders clever, denn schließlich ist die LP schon seit mehreren Monaten auf dem Markt, aber dennoch zählt diese Video-Disc zu den ersten innerhalb eines Marktbereichs der Unterhaltungsindustrie, der in den nächsten Jahren wahrscheinlich sehr wichtig werden dürfte. Stein und Harry sind nicht besonders bereitwillig, sich zu dem Film zu äußern, der die LP Titel für Titel präsentiert und in der Hauptsache aus Auftritten zusammengestellt ist. Debbie hat die Endfassung noch nicht gesehen, und ich kann nach einmaligen Anschauen auch noch keine endgültigen Schlüsse ziehen. Im Vergleich zu ersten Versuchen im Video-Promotion-Bereich, die von Devo, den Boomtown Rats und sogar den Buggles stammen, wirkt „Eat To The Beat“ jedoch reichlich orthodox und harmlos, und ein Großteil des Films präsentiert nichts als die Band beim Spielen der Album-Titel. Andererseits handelt es sich hierbei in erster Linie um eine kommerzielles Unternehmen (Stein zum Beispiel äußert sich erfreut darüber, daß die Band nicht jedesmal wieder einen neuen Film machen muß, wenn irgendein Titel an diesem oder jenen Ort als Single ausgekoppelt wird), angeregt und finanziert von Blondies Schallplattenfirma Chrysalis. Es handelt sich überdies schließlich um ein neues Medium. Und, so sagt Stein, der Film ist sehr schnell produziert worden. Stein selbst hat seine Erfahrungen mit visuellen Dingen. Er ist ehemaliger Kunststudent und zudem ein exzellenter Fotograf. Zu den zahlreichen Nebenprojekten, denen er sich widmete, zählt die Covergestaltung von Robert Fripps „Exposure“-LP. Es gibt keinenZweifel, daß ein Großteil des Blondie-Materials thematisch ‚ geradezu nach filmischer Aufbereitung schreit (Drive-ln Titel wie „Rifle Range“, „Contact In Red Square“ und „Attack Of The Giant Ants“ sprechen für sich selbst), und eben daher wäre vielleicht zu erwarten gewesen, daß man das Potential des neuen Video-Mediums etwas fantasiereicher und gewagter ausgenutzt hätte. „Uns kam der Gedanke eigentlich erst hinterher“, sagt Stein. „Ursprünglich war es als Promotion-Gimmick gedacht, aber inzwischen ist es zum richtigen Gimmick geworden“, erklärt Harry. „Aber wir waren nicht auf Kunst aus“, fährt Stein fort. „Die Blondie-Videotapes entsprechen der Blondie-Sensibilität, und die ist auf ,Tops Of The Pops‘ ausgerichtet, auf Singles, aus Losgehen, auf die Kids und die ganze Pop…Kultur.“ Seit den Anfängen Mitte 1975 war Blondie ein kommerziell orientiertes Unternehmen, zusätzlich jedoch ein ehrlicher und in gewisser Weise unorthodoxer Schritt innerhalb der der New Yorker Szene – mit starken ,,Kunst“-Ambitionen. Der revolutionärste Aspekt an Blondie war die Rückwendung zu Singles, und unter den frühesten Demos der ersten Besetzung war bezeichnenderweise eine Cover-Version des Jeff Barry-Ellie Greenwich Songs „Out In The Streets“, klassischer Brill Building-Pop von jener Art, die fast vollständig in Vergessenheit geraten zu sein schien, nachdem Leute wie Dylan, die Beatles und Cream mit unkonventionellen Experimenten begonnen hatten, d.h. mit langen Songs und noch längeren Soli, und damit eine Entwicklung einleiteten, die sich immer mehr in endlosen Dudeleien verlor. „Als wir anfingen, war es meine Absicht, das Beste aus dem Rhythm & Blues und dem Rock’n’Roll zu entnehmen und daraus eine richtige Mischung zu machen“, sagt Debbie. „Und ich glaube, inzwischen sind eine ganze Menge Leute darauf gekommen, sowas zu machen.“ Was Blondies Zukunft betrifft, so hat man zahlreiche Ausflüge in die verschiedensten Bereiche angepeilt. „Persönlich bin ich daran interessiert, mich vom Rock’n Roll fortzuentwikkeln“, sagt Chris Stein und zählt auf, welche Vorlieben im Spiel sind, darunter Big Bands, Marlene Dietrich und ursprünglicher R & B. Debbie Harry wird demnächst als Hausfrau der Mittelklasse im Amerika 1953 zu sehen sein. Sie spielt diese Rolle in einem Film, der mit niedrigem Budget von dem Regie-Neuling Mark Reichert gedreht wurde. „Es ist kein Rock’n‘-Roll-Film, und ich würde Rock-Fans nicht raten nur darum reinzugehen, weil ich mitspiele“, sagt Harry.“Für mich ist es wirkliches Neuland. Und überdies eine traurige, wirklich traurige Geschichte.“ Sie sieht in der Filmarbeit jedoch keine neue Karriere, die etwa die von Blondie beeinträchtigen könnte. „Wenn sich da etwas ergibt, würde es mich höchstens noch Rock-interessierter machen. Denn wenn man ständig auf Tournee ist, sechs Wochen, und dann zurückkommt, Promotion macht, eine TV-Show, dann ins Studio und dann wieder auf Tournee – das wird nach ein paar Jahren schon langweilig. Also können Impulse aus Filmarbeit nur nützlich sein. Ich hab’s gemacht, weil es eine Herausforderung war, eine neue Erfahrung. Ich habe ständig Drehbücher von den großen Studios bekommen und immer gedacht, nun, so mancher ist schon schwer auf die Fresse gefallen, weil er sich zuviel zugemutet hat. Also habe ich erstmal etwas kleiner angefangen, und ich hoffe, es kommt was dabei raus. So hab ich’s beim Rock’n’Roll auch gemacht, erstmal klein angefangen und ein Gefühl dafür bekommen, ein gewisses Training durchgemacht, damit die Anspannung nicht zu schlimm wurde.“ Chris Stein sagt, das nächste Mal würde er gern eine Blondie-LP machen, auf der nicht von vornherein mehrere Single-Titel seien. „Vielleicht sogar eine Art Freistil-Jazz-Album versuchen.“ Offensichtlich ist der Jazz in der New Yorker Szene im Kommen, und davon sieht er sich inspiriert. Fühlt er sich also nicht unter dem Zwang, ständig Hits zu produzieren? „Nicht besonders. Wir können doch sowieso nicht ständig dieselbe Chose weitermachen, oder?“