Buden Zauber Künstler


Ganz Paris träumt von… „Es ist laisächlich ein in Erfüllung gegangener Traum, daß ich hierher komme, den ganzen Tag ‚rumsitze und nur erzähle, was ich so mache. Für einen Künstler ist das doch das non plus ultra.“ Der Mann, der im übergroßen Anzug und mit zerfranstem Hut in der Pariser Straßenidylle selbstzufrieden seinen Kaffee schlürft, ist nicht etwa, wie sich den Worten nach vermuten läßt, ein aufgeregter Neuling im Geschäft. Er heißt Tom Waits und betreibt seine ureigene Kunst bald schon seit zwanzig Jahren.

Überzeugte Gegner seiner rauchverhangenen Bar-Lyrik sind seit jeher der Meinung, Toms verstaubte Stimme hätte schon vor der ersten seiner zwölf Studio-LP’s den Geist aufgegeben. Blicke französischer Tischnachbarn beim hektischen Mittagshappen bestätigen die Theorie. Wenn Tom Waits auch nur zum Sprechen den Mund aufmacht, zählt jeder absichtliche und unabsichtli->

ehe Zuhörer in Gedanken Zigaretten-Schachteln und Whisky-Flaschen der Vomacht.

Die faktische Antwort auf wüste Vermutungen heißt: null! Kaum mehr Alkohol, keine Zigaretten — Tom Waits ist seit zwölf Jahren verheiratet und glücklicher Vater zweier Kinder. Seine Liebhaber sehen ihn anders: als kauzigen Barpoet im Dämmerzustand, der Geschichten singt, die sein Leben schrieb. Doch Toms wilde Jahre sind definitiv vorbei. „Frank’s Wüd Years“ (1987) schien sein Abgesang an das alter Ego zu sein, die folgenden fünf Jahre widmete er Film, Theater und musikalischen Auftragsproduktionen.

Jetzt erzählt er auf einem neuen Studioalbum wieder die alten Geschichten. Folgen einer ersten Ehekrise?

„Quatsch, ich hatte einfach Lust dazu, es war kein besonders dramatischer Moment oder zwanghafter Trieb, der mich dazu gebracht hat.“

Die logische Folgerung: „Bone Machine“ offeriert Waits, wie man ihn hören will: Kauzig komisch, lustvoll leidend und manchmal bösartig brutal schwankt er mit seinem Minimal-Blues am Rande des Abgrunds. Absurdes Theater fürs Ohr — nur, fühlt sich der Hauptdarsteller nach all den Jahren nicht wie eine Fehlbesetzung im eigenen Possenspiel?

„Ein festes Image zu liaben, ist Fluch und Segen zugleich: Wenn du keines hast, hättest du gerne eines, und wenn du eins hast, versucht du es loszuwerden. Immerhin haben so die Leute wenigstens ein Bild von mir im Kopf, und das ist besser als nichts. “ Das Bild ,Tom Waits‘ hat sich in den Köpfen längst verselbständigt, schon lange ist er mehr Ikone, denn bloßer Musiker, und seine Koketterie zum Thema Imagepflege („Ich mache mir keine großen Gedanken darüber.“) ist unter Vorbehalt zu sehen. Schließlich hat Waits die Posen im Rotlicht immer bereitwillig eingenommen. Kein Wunder also, daß der „grand acteur“ einer der wenigen Sänger ist, der auch auf der Leinwand zu anerkannten Ehren gelangte.

Bei soviel Selbstdarstellung ist die eigene Wahrnehmung dennoch nicht getrübt: ^Ab ich mich das erste Mal im Kino sah, dachte ich nur .Mein Gott, bist du Iwßlich‘.“ Das entsprechende Filmambiente dazu hat er jüngst wieder einmal gefunden: Demnächst wird er in Francis Ford Coppolas Dracula-Verfilmung zu bewundern sein.

Auch sonst ist der von seiner Frau Kathleen Brannan („Ohne sie wäre ich wohl am Alkoholtod gestorben.“) strikt verwaltete Terminkalender bis zum Ende des Jahres prall gefüllt. Noch vor Weihnachten soll nach „Black Rider“ seine zweite Ko-Produktion mit dem amerikanischen Avantgarde-Regisseur Robert Wilson am Hamburger Thalia-Theater Premiere feiern. Für „Alice in Wunderland“ in einer von beiden gemeinsam erarbeiteten Musical-Version muß Waits im Moment regelmäßig über den Atlantik jetten. Die bunte Bilderwelt der Bühne kommt seiner bubenhaften Lust am wilden Fabulieren offensichtlich entgegen. „I Don’t Wanna Grow Up“ heißt entsprechend ein ungewöhnlich fröhlicher Song auf ,.Bone Machine“.

Doch trotz aller Nebenaktivitäten setzt sein neues musikalisches Werk für ihn eindeutige Zeichen: “ Musik ist meine große Liebe. „Und liefert im jüngsten Fall „Bone Machine“ den Stoff, aus dem die wahren Heldensagen sind: Keith Richards schrieb und spielte mit Waits in trauter Zweisamkeit. „Der Mann ist ein Pirat. Er kommt um vier Uhr morgens ins Studio, sieht aus wie eine Hyäne auf Beutezug, und du weißt nicht, ob er dir als nächstes die A ugen auskratzt oder dir um den Halsßllt. Er macht alles, was er will, direkt vor deinen Augen. Er ist ein Stripper, ein Kind, eine Hure. Er ist Musik, bei ihm würde keiner auf die Idee kommen, zu fragen, ob seine Kinder, seine Limousine und sein Chauffeur seine Kunst verändert haben. „Warum auch?“