An der Bar: Chet Faker über die Sehnsucht nach mehr Verbindung
Ein Gespräch mit Chet Faker über das Schöne an Fremden, über Fotografieren fürs Wohlfühlen und den Trost in der Musik – draußen im Tante Emma sitzend, mit Schal, Zuckerkaffee statt Alkohol und Deep Talk statt gelallter Affirmation.
Chet Faker: Du heißt Hella? Warte, dann habe ich einen Sticker für dich … [kramt in seiner Tasche, packt Polaroids aus, bis ein angeknickter Hellas-Sticker gefunden und mir übergeben ist]
Toll, jetzt kann das ja nur gut laufen mit unserem Gespräch. Ich habe dafür ein Kompliment für dich: Ich mag deinen Smiley-Button.
Der ist super, oder? Einen weiteren Pin habe ich neulich leider verloren. Da stand drauf: „Wenn du das lesen kannst, bist du zu nah dran.“
Ist das deine Art, um Leute von dir fernzuhalten?
Na ja, ich will nichts erzwingen. Ich mag es schon gerne, Menschen aus der Ferne zu beobachten. Wenn ich fürs Touren unterwegs bin, setze ich mich in freien Momenten am liebsten in ein Café und lasse alles an mir vorbeiziehen. Ich habe dann ein Notizbuch dabei, schreibe Sachen auf, verschwende Zeit im besten Sinne.
Wo ist da die Verbindung mit anderen Menschen, die du dir laut deiner neuen Platte A LOVE FOR STRANGERS so wünschst?
Ich bin nicht besonders gut darin, das gebe ich zu. Aber ich arbeite daran. Ich versuche, weniger im Autopilot-Modus zu sein, präsenter zu sein. Auch wenn es vorher vielleicht anders klang: Ich sehne mich wirklich nach mehr Verbindung.
Ist eine Bar ein Ort, an dem du in ein Gespräch mit neuen Leuten kommen kannst?
Nein, weil ich nicht trinke und mich komisch fühle, wenn ich allein an der Theke sitze und nur ein Wasser bestelle. Dann denke ich zu viel über mich selbst nach. Aber mit Freunden kann ich gut in Weinbars abhängen. Da gibt es meist eine solide Auswahl an unalkoholischen Getränken und ich kann mich mehr entspannen.
Mit welchen Artists – tot oder lebendig – würdest du gerne mal entspannt irgendwo länger rumhängen und reden?
Mit Van Gogh würde ich gerne Zeit verbringen – also bevor er sich das Ohr abschnitt. Ich mag an ihm, dass er keine klassische Ausbildung hatte und sich trotzdem spät in seinem Leben für den Weg als Maler entschieden hat. Das war eine rein emotionale und gar keine intellektuelle Wahl. Die Idee mochte ich schon als Kind: Irgendeine Person kann mit Leidenschaft nach den Sternen greifen und so etwas erreichen – selbst, wenn sie vorher etwas ganz anderes gemacht hat.
Du willst also nur auf Van Gogh treffen, sonst niemanden?
Wenn ich so darüber nachdenke, wäre auch Jeff Buckley der Wahnsinn. Er war mein Held, als ich Teenager war.
Und was ist nach der Teenagerzeit passiert?
Nichts, ich mag seine Musik immer noch. Aber Helden hat man nur als Teenager – und dann wird man erwachsen und merkt, dass es keine Helden, sondern nur Menschen gibt. Ich will niemanden mehr auf ein Podest stellen.
Ok, ok. Ich bin abgelenkt. Du kippst dir gerade noch mal ordentlich Zucker in den Kaffee. So schlimm ist der?
Ich weiß ja auch nicht … Ich mache das normalerweise nicht. Seltsamerweise brauche ich aber heute Zucker.
Und was brauchst du sonst aktuell?
Ich will Struktur. Mein Leben als Musiker ist chaotisch und ich sehne mich nach einer Art regelmäßigem Leitfaden. Ich probiere, mir den selbst zu erschaffen, mit kleinen Dingen wie Tagebuchschreiben. Das erdet mich. Genauso wie das Fotografieren. Ich habe immer eine oder mehrere Kameras dabei. Fotos zu machen ist auch eine schöne Art, Dingen ein Kapitel zu geben. [holt eine Knipse hervor und blitzt mir ins Gesicht]
Ah, du hast eine Einwegkamera. Sehr Hipster.
Ja, ich bin der Original-Hipster! Ich hatte schon einen Bart, bevor es cool war! [lacht, hält dann inne] Das war Sarkasmus, nur fürs Protokoll. Sonst denken die Leute: „Was für ein Idiot.“ Aber mal im Ernst: Dank der Fotografie fühle ich mich unter Menschen wohler. Es legitimiert auch, einfach so, ohne Sinn, herumzulaufen. Vorher war ich dabei nervös. Und mit dem Entdecken der Fotografie habe ich auch so langsam die Liebe zum Fremden für mich gefunden. Ich musste mich erst zugehörig fühlen, um Vertrauen in Fremde fassen zu können. Durch die Kamera habe ich angefangen, Menschen richtig anzusehen. Damit geht auch einher, dass ich seitdem das Beste und nicht das Schlechteste von Menschen annehme. Das hat mein Leben verändert. Ich bin jetzt glücklich. Und das sage ich nicht leichtfertig.
Macht dich das Glück satt oder was möchtest du noch erreichen?
Ich will schon immer weiter Kunst machen. Gute Musik. Und das nicht nur für mich, denn als Künstler:in hat man eine Verantwortung, wie ich dank Kandinsky und seinem Buch „Über das Geistige in der Kunst“ gelernt habe. Wenn man etwas erschaffen hat und es einem geholfen hat, dann sollte man es zeigen. Man weiß nie, welchen Unterschied es für eine andere Person machen könnte.
Welchen Zweck sollte Kunst haben?
Vielleicht ist es das Radikalste, was Kunst derzeit machen kann, den Menschen Trost zu spenden.
Mehr über Chet Faker
Eigentlich heißt der Australier ja Nick Murphy und hat unter diesem Namen auch schon zwei Alben veröffentlicht. Doch aktuell ist der 37-Jährige mal wieder als Chet Faker unterwegs und bringt unter diesem Pseudonym auch die Platte A LOVE FOR STRANGERS am 13. Februar heraus, die wie zuvor schon HOTEL SURRENDER wie ein Suhlen in einer Electro-Soul-Badewanne daherkommt. Es ist seit 2014 die vierte Platte, die er als Chet Faker releast.
Mehr zu „An der Bar“
In unserer „An der Bar“-Serie finden sich Künstler:innen mit ME-Host Hella Wittenberg in gemütlicher Atmosphäre am Tresen für einen Deep Talk zusammen.






