Chris Neuburger über Theater


Die Band Slut brauchte Veränderung, das wußte sie selbst am besten. So wagte sie den Sprung in die Hochkultur und spielte in der "Dreigroschenoper". Dabei konnten Sänger Chris Neuburger und seine Jungs einiges lernen - über Disziplin und Distanz, Willkür und inhaltliches Gewicht.

Ihr wart für eine komplette Spielzeit am Theater eurer Heimatstadt Ingolstadt engagiert. Das war sicherlich eine große Umstellung. Habt ihr noch der Anfrage des Theaters lange überlegt, ob ihr zusagen sollt?

Ja. Wir hatten uns vor allem zuvor nie irgendwelchen fremden Liedguts bedient. Das Thema haben wir nur mit der Beißzange angefaßt. Man weiß ja, daß es von vielen Liedern, die viele Leute kennen, viele schlechte Versionen gibt. Also haben wir uns erst einmal umgehört, was es so an Versionen der Dreigroschenoper gibt, und festgestellt, daß zwar Bands Bühnenmusik gemacht haben, aber an Aufnahmen wurde in unserem Segment noch nichts versucht. Wir hingegen hatten von Anfang an auch eine Plattenaufnahme im Auge – wenn’s denn gut werden würde.

In welchem Maß habt ihr euch mit dem Inhalt des Stücks, mit Bert Brecht und Kurt Weill auseinandergesetzt?

Brecht kennt jeder, der die Oberstufe besucht hat. Weill weniger, ein paar Lieder vielleicht, aber vorher hat er uns nicht so wahnsinnig beschäftigt. Dann schon, aber auch nicht in einem Maß, das uns irgendwelche Möglichkeiten und Wege verbaut hätte. Wir haben nicht jeder einzelnen Note gelauscht, sondern die Musik einfach angehört und überlegt, wie es gemeint sein könnte. Wir konnten die Stücke auch gar nicht kanonisch nach der Partitur spielen, das erlaubt unser Instrumentarium nicht. Allerdings hatten wir den Anspruch, etwas entstehen zu lassen, was Melodie und Harmonie nicht verändert, aber dennoch eine eigene Konnotation hat.

Wieso veröffentlicht ihr nur eine „Kleine Dreigroschen- oper“ mit fünf Stücken? Waren nicht 13 geplant?

Wir stecken in juristischen Querelen mit der Kurt-Weill-Foundation, bei der man vor einer Veröffentlichung anfragen muß. Das haben wir auch getan, lange kam nix, deswegen ging alles seinen Gang: Wir haben die Platte aufgenommen und gepreßt. Jetzt kam aber doch ein Veto aus New York. Ich weiß nicht, ob dies aus reiner Willkür geschieht, aber die haben uns nur fünf Stücke erlaubt, ohne einen Ton gehört zu haben. Wir haben einen Brief geschrieben, aber es sieht wohl so aus, als müßte die Platte in zwei Teilen erscheinen: eist fünf, dann acht Songs.

Was für ein Gefühl war es eigentlich für euch, die ihr als Rockband sonst immer im Rampenlicht der Bühne steht, als Theatermusiker nur am Rande zu agieren ?

Die Dreigroschenoper besteht fast zur Hälfte aus Musik, und es wird über diese oft mehr erzählt als über die Dialoge, also standen wir gar nicht so sehr am Rand. Außerdem mußten wir auch schauspielern, wir waren nicht nur die Musiker, sondern auch die Bettler und die Hochzeitskapelle … Das war anfangs etwas hart, da wir nicht über so großes schauspielerisches Talent verfügen, (lacht) Was allerdings wirklich sehr ungewohnt war: Zwischen dir und dem Publikum steht das Stück. Da kannst du nicht so wie duwillst.daistes nicht so leicht, die Leute für dich zu gewinnen.

Wie groß ist der Unterschied zwischen der Arbeit, die ihr live und im Studio gewohnt seid, und der im Theater?

Im Theater geht es um Präzisionsarbeit, Vereinbarungen, die eingehalten werden müssen. Das ist bei 30 Leuten anders als bei fünf. Das Arbeiten erforderte eine Disziplin, die wir nicht gewohnt waren: den ganzen Tag stillsitzen und warten bis man drankommt, keinen Lärm machen dazwischen…

Ist der Perfektionsanspruch hoher, wenn man Musik für ein Theaterstück macht, öfter spielt, mit Schauspielern zusammen ? Probt man mehr, anders ?

Viel mehr. Die Schauspieler mußten sich auf uns verlassen können. Deswegen hat sich die Probenarbeit über drei Monate hingezogen: in Einzelklausuren mit den Schauspielern Gesang einstudieren, üben und Tonlagen anpassen, mit 30 Leuten auf der Bühne proben. Und wir haben ja schon vorher beginnen müssen, uns die Musik draufzuschaffen. Insgesamt hat uns die Dreigroschenoper ein Jahr Arbeit gekostet.

Und – hat sich das gelohnt?

Ja, schon der Theaterzeit wegen, die sehr intensiv, sehr schön war. Wir sind leider noch nicht so weit, sagen zu können: Auch die Aufnahme hat sich gelohnt. Das ist zwar schon der Fall, weil wir damit superzufrieden sind und die Möglichkeit hatten, mit Tobias Levin in Hamburg zu arbeiten. Aber daß wir nicht in vollem Umfang veröffentlichen können, ist ein Dämpfer.

Wie waren eigentlich die Reaktionen im Publikum ?

Durchweg positiv, bis auf den einen oder anderen betagten Abonnenten, der seine Probleme mit der Lautstärke hatte. Als wir auf Einladung der Kurt-Weill-Gesellschaft im Bauhaus Dessau gespielt haben, vor handverlesenem Publikum, das zum Großteil aus dem hochkulturellen Bereich kam, hatten wirkeine Lieder mehr für Zugaben. Es war zwar neu für die, aber auch herzerfrischend, glaube ich.

Im Vorfeld der Auffuhrungen ist ja auch gezielt mit eurem Namen geworben worden. Hat man gemerkt, daß da Leute extra wegen euch gekommen sind?

Ja, das ging auf. Es war immer voll. Gerade gegen Ende, als es keine Karten mehr gab, waren sogar Feuer wehrund Regieplätze besetzt. Und es ist auch mal nett, im Theater Ingolstadt Leute sitzen zu sehen, die man stehend aus Berlin oder sonstwo kennt. Daß wir dann andere Leute nichtnur ins Theater, sondern eben auch nach Ingolstadt holen konnten, die das Ganze mit so einem Städte-Trip verbunden haben. Also, im Dienste der Kultur waren wir sehr erfolgreich (lacht). Normalerweise haben Slut englische Texte – in der Dreigroschenoper mußtest du deutsch singen … Die Tatsache, daß es keine eigenen Texte sind, hat es uns überhaupt erst ermöglicht, deutsch zu singen. Du hast ein Textbuch vor dir und verrichtest eine ganz andere Arbeit, mußt wie ein Schauspieler oder Interpret an diesen Texten feilen und sie dann so singen, daß dir die Leute das abkaufen. Irgendwann hat mir das richtig Spaß gemacht… Es kommt dennoch für uns darüber hinaus nicht in Frage, deutsche Texte zu singen.

Habt ihr als Band einen Bezug zur politischen Einstellung Brechts?Seht ihr euch als politische Band?

Hm. Das Wort „politisch“ ist mir in diesem Zusammenhang etwas fremd. Es geht da vielmehr um eine Haltung, die vielleicht auch damals ein Herr Brecht aus einer ganz anderen Motivation heraus einzunehmen versucht hat, und die ist uns nicht so fremd. Spätestens bei der Beschäftigung mit dem Textmaterial haben wir gemerkt, daß, das Zeitgeschehen mal raussubtrahiert, Brechts Texte noch so allgemeingültig sind, daß wir als fünf Personen damit umgehen und leben können. Und daß er in manchen Punkten leider verdammt recht hat. Es ist bemerkenswert, was für eine Gewalt diese Texte haben, nicht nur sprachlichphonetisch, auch inhaltlich. Das scheppert gewaltig, wenn man gewisse Textzeilen singt, und das macht was mit einem, auch als Sänger.

Wie hat euch der Theater-Exkurs insgesamt verändert?

Inwiefern das unsere Arbeitbenügelt, weiß ich nicht. Wir haben bisher immer aus sogenannten Seitenprojekten was mitnehmen können. In dem, was wir jetzt planen, eine neue Platte nämlich, wird sich das bestimmt bemerkbar machen, von der Haltung her, aberauch musikalisch.

Ein neues Album ? Hattet ihr nicht mal live eure Auf losungangekündigt?

Nicht die Auflösung, (zögert) … aber eine letzte Platte, all we needissilence war eine finale Angelegenheit, das hört man auch. Ob das nun einfach mißverstanden wurde oder ich mich auch mißverständlich ausgedrückt habe – jedenfalls ging die Kunde um, daß das jetzt die letzte Platte war. Aber ich glaube, sie war die letzte eines Zyklus. Was jetzt kommt, muß anders sein. www.slut-music.de