Cranberries


Alles dreht sich um Dolores. Der Rummel dreht sich um Dolores, die Fans verlangen nach Dolores, die Band spricht gern über Dolores. Und auch Dolores redet ziemlich gern über Dolores. Beim ME/-Sounds-Talk in Dublin jedoch blieb die treibende Kraft der Cranberries tatsächlich auf dem Teppich.

„Ich persönlich“, sagt Dolores O’Riordan. „Ich persönlich“, das sind so ziemlich ihre Lieblingsworte. Die Cranberries sind Dolores persönlich, und ihre Musik ist die Person Dolores: „My personal feelings, my personal emotions.“ Wem das nicht reicht, der kann sich packen.

Wenn man die Frontfrau der Cranberries und den Rest der Band in irgendeinem Hotelzimmer irgendwo in Dublin trifft, vergißt man blitzartig all die bunten Bilder, die man sich gemeinhin von Rockstars macht. Da sitzt man vier frischgewaschenen jungen Menschen gegenüber, die grinsend erklären, sie seien ein bißchen müde, weil sie – mit Ausnahme von Dolores, die dann und wann ein kleines Häuschen in Dublin bewohnt – den Morgenzug in Limerick erwischen mußten. Und das hat seinen Grund. Denn immer noch wohnen die drei männlichen Cranberries in der 40.000 Einwohner zählenden Provinzstadt am Shannon, die dem gleichlautenden Querreim ihren Namen geliehen hat; und immer noch lebt man brav bei den Eltern, wenn man nicht gerade irgendwo in der weiten Welt riesige Konzerthallen mit lärmenden Kids und sensiblen Erwachsenen füllt oder goldene Schallplatten an sich nimmt. Rock’n’Roll Lifestyle? „Pah“, sagt Fergal Lawler, der nickelbebrillte Drummer, „der macht dich doch nur kaputt. Und wir wollen alle ziemlich lange leben.“

Nein, die Cranberries, Kinder, die sind nicht so. Es ist nicht der Trick der vier Iren, möglichst große Töne zu spucken. Statt dessen becircen sie ihre Umwelt damit, daß ihre Töne reichlich leise sind. „Wir waren nie eine Band, die vorwiegend laute, beschwingte Songs angestimmt hat“, fällt Fergal zu diesem Thema ein. Und Dolores stimmt summa summarum gerne zu, wenn man ihre Songs auf dem neuen Album ‚To The Faithful Departed‘ als „melancholisch und emotional“ bezeichnet: „Es geht um Gefühle“, sagt sie, „und um die Zeit vor zwei Jahren, als es mir persönlich wirklich ziemlich mies ging.“

Dolores trägt ihre Haare derzeit mal wieder schwarz – und kurz wie immer. Auch die Klamotten, die sie beim Interviewtermin anhat, sind à la mode in Schwarz gehalten, mit netten, kniehohen Schnürstiefeln und einer aparten Stretchhose. Sie ist auffallend dünn, und ihre Hand ist mager, sensibel und feingliedrig. Sie gibt ihre Interviews konzentriert und geduldig, zieht sich manchmal in ein nachdenkliches Flüstern zurück. Der Rest der Band hüllt sich in abwartendes Schweigen.

Dolores selbst erklärt entspannt, derzeit gehe es ihr durchaus blendend: „Ich bin eine glückliche Frau.“ Und sie unterstreicht diese mutmachende Aussage mit einem lauten „Whoo!“ und einem fröhlichen „Love!“ und einem kleinen, feinen, charmanten Lächeln.

Überhaupt ist Dolores O’Riordan ergreifend nett und offen, spricht von ihrem gewachsenen Selbstbewußtsein und redet dann wieder sehr leise und sehr schnell über vergangene Zeiten depressiver Selbstquälereien, als sie an sich selbst litt und an der Welt insgesamt: „Damals mußte ich mit einer Menge sonderbarer, negativer Gefühle fertigwerden. Ich war verwirrt davon, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Und vor allem fragte ich mich, wie es nun weitergehen würde. Wir waren ständig auf Tour, und die Sache wurde größer und größer. Ich wußte nicht, was das alles bedeutete und was weiter geschehen würde. ‚Was‘, fragte ich mich, ‚hat das alles überhaupt mit mir persönlich zu tun?‘ Ich war ziemlich unglücklich. Das war sehr sonderbar. Mir ging es immer schlechter, aber die Karriere lief immer besser. So entstanden dann diese Songs, die sich mit dem Tod beschäftigen und mit schlechten Stimmungen, aber dann auch wieder mit dem Zustand des Glücks.“

Da saß sie dann also herum, in irgendwelchen Hotelzimmern, und klagte der Klampfe ihr Leid. In orthodoxen, relativ schlichten Songs, die stark in den Moll-Bereich läppen und selten mal ein bißchen lärmender oder gar so richtig wütend werden. So kennen wir die Cranberries, so kennen wir Dolores: „Weißt behaupten wirklich nicht, den Rock neu erfunden zu haben. So lief das nie: neue Band, neuer neuer Stil.“ Und Fergal ergänzt: „Die Stimmung unserer Songs ist eben eher ruhig.“ Klar doch, warum, auch nicht. Die Cranberries sind eben die Cranberries und sonst nichts, basta. Die neue Platte darf denn auch jeder lieben können, der den . Vorgänger ‚No Need To Argue‘ je geschätzt hat.

Es ist ganz offensichlich db, daß die vier lrern von ihrem irre plötzlich einsetzenden Erfolg selbst einigermaßen überrascht waren. So richtig los , ging es Ende 1993 mit der Single ‚Linger‘. Was folgte, waren Album- und Single-Erfolge rund um den Erdball. Die Cranberries tourten ununterbrochen, spielten bei Woodstock II und vor 12.000 Leuten in der Londoner Wembley Arena . Sie wurden geliebt. Und dennoch hatte Delores dann und wann Probleme damit, rauszugehen und dem Publikum ein gutes Gefühl zu vermitteln, während sie selbst doch im Grunde ihres Herzens an einem  Haufen persönlicher Probleme zu kauen hatte. So was macht nachdenklich.

Doloresdie von sich selbst sagt, sie müsse „unbedingt und gar nicht selten einfach allein sein, um Ruhe zu haben“, die die Eimkeit braucht wie andere Leute gesalzene Erdnüsse zum Fernsehen, grübelt und grübelte – und grübelt auch heute noch. So entstehen schließlich ihre Lyrics: Nachdenklichkeiten im Hotelzimmer. Ein amerikanischer Kritiker behauptete einmal, ihre Texte seien wohl eher umgestrickte Tagebuch-Eintragungen. Fest steht, daß Dolores sehr häufig über völlig abstrakte Dinge singt und allerlei philosophische Betrachtungen anstellt. „Meine Art, Texte zu schreiben, ist im Grunde recht einfach“, glaubt sie. „Bei politischen Themen wie in ‚War Child‘ (ein Text über die .Sinnlosigkeit des Kriegs; Red.) stellt sich die Frage: Wer hat den Schlüssel zu all dem? Es gibt da viel Blabla. Am Ende sage ich nur: Was immer wir tun, die Kinder leiden darunter. Als Erwachsener schämt man sich, was Kindern alles angetan wird. Da sagen die erwachsenen Leute ‚Mach dieses nicht, tu jenes nicht‘, und dann sind da die Erwachsenen, die Bomben auf Kinder werfen… Bomben! Ich frage mich: Wie fühlen sich Kinder in Kriegsgebieten?“

Wohl wahr, die Welt ist schlecht. Und auch Dolores weiß nicht so recht warum. Aber warum sollte sie auch. Dolores ist ein irisches Mädchen, das immer nur singen wollte, das in der Tat wunderbar singen kann, das ein bißchen mehr in der Welt herumgekommen ist als andere Frauen in diesem Alter und das sich die richtigen Fragen stellt. Und Beobachtungen anstellt wie diese: „Wir trafen da vor einiger Zeit diesen Typ in New York. Es war schon reichlich spät, etwa 3 Uhr morgens. Er saß mit anderen in einer Ecke, und wir sprachen ihn an. Er war irgendwie verrückt, sprach dauernd vom Vietnam-Krieg und war immer noch mittendrin. Ich fragte ihn, warum er auf der Straße lebt, und es schien so, als könnte er sein eigenes Leben einfach nicht wiederfinden. Irgendwann öffnete er sein Hemd und zeigte mir seine Narben aus dem Krieg. Er war völlig am Ende. Und das ist etwas, das mich traurig macht: Die Regierung eines Landes beschließt: ‚Wir machen jetzt Krieg mit einem anderen Land, schickt die Armee dorthin!‘, und wenn dann alles zu Ende ist, sagen sie: ‚Okay, Jungs, das war’s, und ’nen schönen Tag noch.‘ Was bleibt, sind zerstörte Menschen.“

Menschen eben, die Dolores gedanklich beschäftigen, auch wenn sie selbst einen im Grunde einfachen Weg gegangen ist: „Wenn ich auf mein Leben als Teenager zurückschaue, stelle ich fest, daß ich nie so richtig gekämpft habe. Wenn man jung ist, will man ein rebellisches Leben führen, gegen die Eltern und so, aber wir saßen nur an einer Brücke am Shannon, tranken Cider, rauchten und sprachen über Jungs – oder Mädchen. Eigentlich waren das glückliche Tage.“ Seither hat sich für Dolores und die Ihren viel verändert. „Wir waren drei Jahre lang mehr oder weniger nur unterwegs, auf Tour und so weiter. Vor allem das vergangene Jahr war ziemlich tough“, meint Fergal. Deshalb hat die Band ihre neue Platte in Dublin aufgenommen, in der Hauptstadt der heimischen Insel, und deshalb haben alle vier erst einmal Urlaub gemacht und heftig relaxt. Dolores war längere Zeit in Kanada, wo sie mit ihrem Ehemann irgendwo im hohen Norden mit dem Schneemobil unterwegs war: „Es war alles so ruhig und einsam. Kaum Leute unterwegs. Nur irgendwelche Trapper.“ Derzeit baut sie ein Haus in der Nähe von Limerick. Auch dort ist es ruhig. Sehr ruhig sogar.

Die Einsamkeit und die vergangenen, dunklen Gedanken gaben dem neuen Album seinen Namen: ,,’To The Faithful Departed‘ ist eine Platte über den Tod und über die Gefühle, die man mit dem Tod verbindet – wenn man alles hinter sich läßt“, erklärt Dolores. „Der Tod ist vor allem für die schlimm, die zurückbleiben. Als ich diese Songs schrieb, dachte ich sehr viel über den Tod nach – ob er gut ist, ob er schlecht ist. Irgendwie zelebrieren die Songs auch jene Leute, die heute tot sind.“ Damals entstanden Stücke wie ‚Free To Decide‘, in dem es um Selbstmord geht („Wenn du das tust, kehrst du nie mehr zurück.“). Und es entstanden Songs, die sich Freunden und Verwandten, Kollegen und Legenden widmen, die in Dolores‘ Leben einmal wichtig waren. Wie zum Beispiel Großvater Danny Cordell, der die Cranberries 1991 auf den Sprung brachte und im Oktober 1995 starb. Aber auch wie John Lennon oder Kurt Cobain, mit dessen Tod eine ganze Rock-Ära zuende ging: „Wann immer ich Kurt sah, sah er so schwach aus, so müde und abgearbeitet. Es schien, als wolle er wirklich sterben. Ich hoffe, daß er jetzt irgendwo ist, wo es ihm besser geht. Irgendwie können wir alle von den Toten etwas lernen.“ – und wenn es nur die Freude am Leben ist. Genau vor diesem Hintergrund ist denn auch ‚Salvation‘ zu sehen, ein Song zum Thema ‚Drogen‘ aus dem neuen Album: „To all those kids with heroine eyes, don’t do it, don’t do it.“ Macht Dolores es sich mit dieser Aufforderung nicht ein bißchen einfach? „Nun, es ist ein sehr einfaches Statement zu etwas sehr Ernstem. Eigentlich ist es sogar ein sarkastischer Song.

Wenn etwas schlecht läuft, dann geschieht das in der Wirklichkeit. Du kannst nicht flüchten, da helfen auch irgendwelche Drogen nicht. Wenn du dir den Kopf vollpumpst oder dich besäufst oder was auch immer, dann verschlimmerst du die Situation nur noch.“ Und wieder kann man nur nicken.

Wann immer Dolores Statements abgibt, die für sie eine besondere Bedeutung haben, spricht sie schneller und angespannter als sonst. Fast als ob sie fragen will, ob ihre Songs nicht ohnehin alt das aussagen, was sie nun noch mal erklären soll. Überhaupt spricht Dolores viel lieber von Dingen, die sie zur alltäglichen Frau machen. Die Cranberries unternehmen alles, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren – oder sich wenigstens als möglichst bodenständig darzustellen. Mike Hogan: „Wir machen einfach nur unsere Musik, das ist alles.“ Wie diese Musik zu klingen habe, so Hogan, bestimme man selbst. „Da hat uns noch nie jemand reingeredet. Wir haben sehr früh sehr viel gelernt und nie das Business bestimmen lassen, was wir zu tun haben. Es gibt da viele Leute, die einfach nur Geld abzocken wollen. Wir aber bestimmen unsere Linie selbst.“

Allen vier Cranberries ist es gleichermaßen wichtig zu betonen, daß die neue Platte, fertiggestellt in knapp sechs Wochen, wesentlich rauher produziert sei als die beiden Vorläufer: „Wir haben vor allem versucht, ein Live-Feeling rüberzubringen, ein AI bum mit Ecken und Kanten zu machen, – drei Aufnahmen, und die beste wurde dann genommen.“ Und was ist mit den Streichern und den Keyboards, die ebenfalls zum Einsatz kamen? So rough und anders ist das neue Album also auch nicht. „Naja, stimmt schon“, räumt Dolores ein, „aber darüber bin ich wirklich nicht unglücklich, denn zu große Veränderungen sollte es nicht geben. So viele Bands versuchen, mit dem Follow-up zu einer Platte etwas völlig Neues zu machen, und am Ende klingen sie dann nicht mehr nach sich selbst. Wir haben versucht, diesen Fehler zu vermeiden.“ Einmal, erzählt Dolores, sei man sogar losgezogen, um für den Song ‚Electric Blue‘ irgendwo in Dublin irgendwelche Kirchenglocken aufzunehmen. Gibt es ein englisches Wort für ‚Kitsch‘? Die Cranberries wissen nicht, was sie mit dieser Frage anfangen sollen.