Leonard Cohen

Der Prophet, der seine Vorahnungen noch erleben durfte – im Bösen wie im Guten

Als junger Dichter erfindet er in einem Brief an einen Verleger sein Publikum. Erreichen will er die „introvertierten Jugendlichen, Liebhaber in allen Stadien der Pein, enttäuschte Platoniker, Konsumenten von Pornografie, Mönche und Papsttreue, franko-kanadische Intellektuelle, unveröffentlichte Schriftsteller, neugierige Musiker“. Sie alle wird er erreichen. Und, vor allem, die Frauen.

Gleich seine ersten beiden Gedichtbände machen ihn berühmt, vor allem „Let Us Compare Mythologies“ von 1956. Vier Jahre später kauft er sich vom Erbe seiner Großmutter ein Haus auf der griechischen Insel Hydra, abseits der Zivilisation, und spannt dort einem schwedischen Touristen die Freundin aus: Marianne Ihlen, die auf der ikonischen Rückseite des Albums SONGS FROM A ROOM auf Hydra an seiner Schreibmaschine sitzen und die er später in „So Long, Marianne“ verewigen wird – die B-Seite der Single „Suzanne“, die Cohen wiederum einer anderen Frau gewidmet hat, dem Model Suzanne Verdal, mit der er eine platonische Beziehung pflegte.

Der Text zu dem Song erschien schon 1966 als „Suzanne Takes You Down“ in dem Gedichtband „Parasites Of Heaven“. Es ist eine andere Freundin, die Folksängerin Judy Collins, die „Suzanne“ erstmals singt – und den schüchternen Dichter am 30. April 1966 überredet, sich auf einem Konzert gegen den Krieg in Vietnam mit seiner Gitarre selbst auf die Bühne in New York zu stellen.

In ihren Memoiren erinnert sie sich, dass Cohen mitten in der ersten Strophe abbricht und hinter der Bühne verschwindet. Er habe wie ein weinerlicher Zehnjähriger ausgesehen und bereits seinen Gitarrengurt abgelegt: „Ich kann das nicht, ich kann da nicht raus.“ Das Publikum ruft nach ihm, und Collins berührt ihn an der Schulter: „Doch, du kannst.“

Und so geht Cohen, inzwischen 33 Jahre alt, auf die Bühne – kurz darauf auch beim legendären Newport Folk Festival. Dort stellt ihm Judy Collins die 24-jährige Joni Mitchell vor, die zu Cohen aufschaut: „Die Buddhisten nennen Leute wie ihn hungrige Geister“, erzählte sie später. Ihre Affäre ist leidenschaftlich, aber kurz.

Mitchell kommt sich ungebildet vor, bittet ihn um eine Leseliste. Er empfiehlt Camus, Hesse, Salinger, Lorca. Mitchell liest und stellt fest, wie stark Cohen von diesen Autoren beeinflusst ist. Seitdem nennt sie ihn nur abfällig einen „boudoir poet“, was mit „Gossendichter“ nur unvollständig übersetzt ist. Noch 2012 sagt Mitchell, nachdem sie ein Konzert seiner Comeback-Tournee gesehen hat, in einem Interview unversöhnlich: „Er ist ein solcher Verführer. Er glaubt wohl wirklich, die Leute sind alle verliebt in ihn!“

Legendär auch Cohens Begegnung mit Janis Joplin, die er in „Chelsea Hotel #2“ festgehalten hat – zusammen mit dem pikanten Detail, sie habe ihm „head“ gegeben auf dem „unmade bed“. Immerhin hat Cohen oft öffentlich bedauert, diese Indiskretion begangen und den Namen der geheimnisvollen Fremden preis­gegeben zu haben.

Als singender Dichter oder dichtender Sänger hat Cohen bald einen festen Platz, wenn schon nicht im Popgeschäft, dafür ist er mit seinen Anzügen zu sehr aus der Zeit gefallen, so doch im Kulturbetrieb der späten Sechzigerjahre. Immer wieder zieht er sich nach Hydra zurück, wo er die Künstlerin Suzanne Elrod heiratet und weiterarbeitet. Mit Skepsis beobachtet er, wie ihn die moderne Welt auf seiner Insel einholt, wie Telefonkabel verlegt werden und, versöhnlich, sogleich die Vögel sich daraufsetzen – er schreibt „Bird On The Wire“.

Er wird Vater, aber nicht gesetzt. Sein Sohn ist gerade mal ein Jahr alt, da zieht der Vater nach Israel in den Krieg. Als 1974 NEW SKIN FOR THE OLD CEREMONY erscheint, sitzt Cohen wieder zwischen allen Stühlen. Ihm liegt das Ausufernde der Ära ebenso fern wie die radikale Reduktion, die sich im frühen Punk ausdrückt. Seine Arrangements verlieren das Spartanische, werden opulenter. Und er greift immer häufiger auf Drogen zurück, neben dem üblichen Cannabis und Alkohol auch Opium, Mandrax, Amphetamine.

Im berüchtigten Produzenten Phil Spector begegnet er – wie er anfangs meint – einem Bruder im Geiste. In einem einzigen Rausch schreiben die Saufkumpane die Songs für sein nächstes Album, DEATH OF A LADIES’ MAN. Im Studio erst zeigt Spector sein wahres, wahnsinniges Gesicht. Musiker bedroht er mit der Waffe, und eines Tages hält er auch Cohen einen Revolver in den Nacken: „Ich liebe dich, Leonard“, sagt Spector. „Das hoffe ich sehr“, antwortet Cohen, dem da bereits dämmert, dass Spector nicht zu kontrollieren ist. In seine Arbeit, das Aufschichten seines typischen „Wall of Sound“, mag sich Spector nicht reinreden lassen. Und so entwendet er eines Tages die Bänder und vollendet das Album im Alleingang, Cohens Stimme – wenn auch nicht seine Songs – unter Bergen von Instrumenten begrabend.

RECENT SONGS, zwei Jahre später, zeigt Cohen auf dem Rückzug ins Akustische, Sparsame, wenn auch angereichert mit jazzigen und orientalischen Elementen. In künstlerischer Hinsicht gilt der Mann aber längst als erledigt. So sehr, dass seine Plattenfirma das nächste Album, VARIOUS POSITIONS von 1984, gar nicht erst in den USA veröffentlichen will – und das, obwohl sich mit „Hallelujah“ sein vielleicht größter Hit darauf findet.

Hinzu kommt, dass seine Stimme sich ab 1982 wegen, wie er selbst sagt, „12 000 Zigaretten und mehreren Swimmingpools voll Whiskey“, hörbar verdunkelt. Er klingt nun endlich so tief, wie er seine Texte immer verstanden wissen wollte. In „Tower Of Song“ verbeugt er sich vor dem Country in Person von Hank Williams „a hundred floors above me“ und singt 1988 zusammen mit Jennifer Warnes über Terrorismus („First We Take Manhattan“), ohne dass es jemand merkt. Spürbar hingegen ist, dass der Altmeister sich in musikalischer Ziellosigkeit dem Synthie-Pop, stellenweise sogar dem Eurodance in die Arme geworfen hat.

Cohen tappt also in die Falle, die das Jahrzehnt noch ganz anderen Größen aller Genres gestellt und sie alle erwischt hat, von Bob Dylan bis Paul Simon. Ein letztes Lebenszeichen ist 1992 das prophetische THE FUTURE, das lyrisch zwischen Charles Bukowski und, erneut, Lorca oszilliert. Seine Themen sind unverändert, das Rauschhafte, das Sexuelle, das Spirituelle. Diesmal sind die Arrangements noch technoider, die Inhalte düster. Während alle Welt das Ende des Kalten Krieges feiert, duckt sich Cohen vor möglichen „things to come“.

Und das Ducken ist wörtlich gemeint. In den Neunzigerjahren zieht er sich, schon immer spirituell interessiert, als einfacher Mönch in ein buddhistisches Kloster in der Nähe von Los Angeles zurück, meditiert, trinkt Tee, schippt Schnee – und wird, in Abwesenheit, endgültig zur mythenumrankten Kultfigur neuer Generationen, für die seine alten Lieder unterdessen immer wichtiger werden.

Fünf Jahre verbringt Cohen in, wie es scheint, finaler Abgeschiedenheit – bis sich 2004 herausstellt, dass seine zeitweilige Liebhaberin und Managerin für 17 Jahre, Kelley Lynch, ihn um rund fünf Millionen Euro betrogen hat. Als Buddhist macht Cohen rasch seinen Frieden mit der Tatsache, dass er komplett ruiniert ist.  Nicht so das Finanzamt, das horrende Steuernachforderungen stellt.

Und so sieht er sich gezwungen, auf seine sehr alten Tage noch einmal auf Tournee zu gehen – und es wird ein so umfänglicher weltweiter Triumph, wie er keinem seiner Altersgenossen jemals zuteil geworden ist.

Er lebte unter uns als Prophet, dem es vergönnt war, die Wahrheit seiner Prophezeiungen noch zu erleben, im Bösen wie im Guten. In Krieg und Frieden. Was auch damit zu tun hat, dass Cohen sich bis zuletzt kaum verändert zu haben scheint. Der Anzug, die Eleganz, die Weisheit – das war alles schon da. Und wenn er zuletzt mit YOU WANT IT DARKER sein 14. Studioalbum veröffentlicht hat, war auch der Tod wieder als Thema dabei. Er überschattete nicht sein Werk, er saß stumm und geduldig in der Ecke von Anfang an. „Der einzige Moment“, sagte Leonard Cohen einmal, „in dem man es inmitten all dieser absolut unlösbaren Konflikte bequem aushalten kann, ist der Moment, in dem du alles umarmst und dir sagst: Schau, ich verstehe rein gar nichts – Hallelujah!“


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