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dEUS live in der Kölner Kulturkirche

„Sag, dass es ein gutes Konzert war”, gibt mir meine Mitbewohnerin mit auf den Weg. Ist hiermit geschehen, denn sie hat recht. Es war ein guter, gelungener Abend in der Kulturkirche in Nippes.Mitten in einem Wohngebiet gelegen und 1889 erbaut, gilt sie als eine der schönsten evangelischen Kirchen Kölns. Sonntags finden hier immer noch Gottesdienste statt. Gehobenes Musikambiente war gewährleistet. Leider mit dem kleinen Nachteil, dass man als Auswärtiger mit dem Fahrzeug ewig lange nach einem Parkplatz suchen darf. Aber so lernt man die Einbahnstraßensysteme der Nachbarschaft kennen. Kann auch unterhaltsam sein, ist aber eher vertrackt; ein Parkplatz fand sich trotzdem.dEUS, der Inbegriff von Indierock, gastieren in der Stadt.dEUS, die belgische Band aus Antwerpen, ist eigentlich Tom Barman. Nach wechselnden Formationen in den Anfangsjahren, fünf Musiker kamen und gingen, legte der Frontmann die Band von 2000 bis 2004 auf Eis. Seit 2005 und dem Album A POCKET REVOLUTION sind dEUS in unveränderter Besetzung beisammen. Da will, nein muss man dabei sein. Das denken auch andere, und so wundert es nicht, dass die Kulturkirche ausverkauft ist.Um kurz vor acht ist das Kirchenschiff noch relativ leer. Wir positionieren uns im vordersten Bereich und warten. Der dritte Konzertbesuch vor Ort lässt Normalität aufkommen. Wir kennen die Kuppel, den Altarraum und die Liedertafeln an der Wand. Darüber müssen wir uns nicht mehr staunend unterhalten. Das machen die anderen. Die anderen sind ein durchmischter Haufen zwischen 25 und 40 Jahren. Das typische Indiepublikum, eher Understatement als Fashionwahn. Sehr angenehm. Wir warten einfach. Warten auf die Vorband. Die entert um kurz nach 20 Uhr die Bühne. Black Box Revelation ist eine 2-Mann Combo, ausgestattet mit Schlagzeug und Gitarre, und macht das, was man erwartet. Viel Gitarrenlärm mit scheppernd klingenden Drums. Mal mehr bluesig, mal nur rockig, mal Gitarrensoli. „Noch eine dieser vielen neuen 2er Kombinationen”, denke ich. Nett, aber nicht spannend. Unterhaltend, aber nicht interessant. Der Unterschied zu den White Stripes und den Blood Red Shoes ist die Besetzung. Hier sind zwei Jungs am Werk, der weibliche Part fehlt. Jan Paternoster (guter Name!) und Dries van Dijck kommen aus Belgien und haben gerade ihr erstes Album SET YOUR HEAD ON FIRE veröffentlicht. „Live the duo is a runaway train that combines the best ingredients of idols like Led Zeppelin, The Datsuns, The Rolling Stones, Black Rebel Motorcycle Club and The Stooges.” Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ach doch, übernächste Woche supporten sie die Blood Red Shoes. Na, das wird dann ein Abend ohne Bass.Es ist laut. Die Kulturkirche scheint für diese Art von Musik nicht geeignet zu sein. Da es gerade mal halb voll ist, stimmt die Akustik noch nicht. Es scheppert ordentlich. Später am Abend ist das anders. Dann ist es voll, der Sound zwar immer noch laut, aber allerbest. Doch bis dahin wird noch eine gute Stunde vergehen. Warum Umbaupausen mitunter so lange dauern müssen wie sie dauern, bleibt für immer ein Geheimnis, als um nach neun Uhr endlich vier Taschenlampenlichter dem Mischpultmann mitteilen, dass das Licht auszugehen hat und die 5 dEI die Bühne betreten.Die Band startet mit einem neuen Stück in den Abend. Von der neuen CD kenne ich nur die neue Single „The Architect”, sonst nichts. Im Raum steht aber die eine, leicht negative Meinung, die ich zur neuen Platte gelesen habe. Ich nahm mir daher vor, heute Abend die neuen Stücke genauer zu behören. Die nächsten Minuten verliefen so, dass einem neuen Stück ein altes Stück folgte. „Sun Ra” war der zweite Track und erste bekannte des Abends. Es ist eines dieser typischen dEUS-Stücke. Langsam und unschuldig schleicht es sich, um durch die immer stärker gesteigerte Unruhe und Zappeligkeit weiter und weiter nach vorne gepeitscht zu werden. Ein wundervolles Build-up-Stück, das gestern leider nicht so recht in Fahrt kommen wollte, weil Tom Barman zwischendurch zweimal seine Gitarre wechseln musste und so ein entscheidendes Element im Song zeitweise fehlte.Es sollte der einzige technische Defekt bleiben und den Abend nicht negativ beeinflussen. dEUS zelebrierten eine gute Show, die Kulturkirche war außer sich und ließ sich nur zu gerne begeistern. „Instant Street”, „Bad Times”, „For The Roses” (traditionell das letzte Stück des regulären Sets) ließen das Gotteshaus in seinen Grundmauern erschüttern. Dabei überrascht und fasziniert die Eigendynamik dieser Build-up- Stücke jedes Mal aufs neue. Es ist schwer in Worte zu fassen, diese Stücke besitzen die Nervosität, Zittrigkeit und Hektik eines Junkies, die von Anfang an spürbar da ist, die man merkt, aber erst nach ein paar Minuten realisiert. Die sich immer stärker zeigt und vordergründiger wird, bis sie nicht mehr zu halten ist und vollständig ausbricht. Bis dahin vergehen Minuten unendlicher Spannung. Man wartet und wartet, denkt „nun mach schon, hau’s raus”, wird immer wieder zurückgespult und auf Pause gesetzt, bis der Play-Knopf entgültig gedrückt wird und es kein mehr Halten gibt.Diametral dazu die Bühnenshow. Ist Tom Barman sonst eher der exaltierte Hampelmann, so verfällt er wie die gesamte Band in Bewegungsminimalismus, untermalt das Klangbild nicht mit Gesten. Die vier stehen nebeneinander. Von hinten mit hellem Scheinwerferlicht angeleuchtet erscheinen sie im Bühnennebel wie die apokalyptischen Reiter. Ein grandioses Bild. Diese Momente sind die Höhepunkte des Konzertabends. Hier zeigt sich, welch gute Liveband dEUS doch sind.Neben den alten Smashern wurden eine Vielzahl neuer Stücke gespielt. Und tatsächlich, man hörte einen Unterschied, einen Stilbruch zum alten. Die neuen Sachen kommen eher poppiger und luftiger daher. Nicht so vertrackt und nervös. Nicht so energetisch und ruhelos. Nicht so gut wie die alten Stücke? Mal schauen, vielleicht ändert sich ja alles beim Hören der CD und es war nur ein Eintagsfliegeneindruck. Live erzeugten sie zumindest nicht den großen Aha- Effekt. In einigen Tagen weiß ich mehr. Ich bin gespannt auf das neue Album VANTAGE POINT.Als letztes Lied der Zugabe das unvermeidliche „Suds & Soda”. Immer noch hörbar, immer noch gut, immer noch frisch. Der Hit, der dEUS damals im Rest Europas bekannt machte und es auf MTV in die Heavy Rotation schaffte. Diese Geige! Einmalig! Jedes Mal, wenn ich dieses Stück höre, muss ich an ein Interview von Ray Cokes mit dEUS denken. Es war ihr erstes Live-englisch- Fernsehinterview, dEUS verstanden alles, konnten sich nur noch nicht so doll in Englisch ausdrücken. Verstehen ja, sprechen na ja, das kennt wohl jeder. Es wurde ein sehr einfaches Frage- Antwort-Spiel. „MTV’s Most Wanted” hieß die Sendung damals.Nach guten 90 Minuten war das Konzert vorbei. Glücklich und leicht erschöpft strömten wir aus der Kulturkirche. Es war warm und voll geworden im Laufe des Abends. Die frische Luft tut gut. Nicht wenige fahren jetzt noch Richtung Belgien nach Hause. Hey, es hat sich gelohnt, den Weg auf sich zu nehmen! Wir sehen uns auf dem Melt!

Frank Struwe – 21.04.2008

Kooperation

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