Die Hits der Avantgarde


The Flying Lizards

The Flying Lizards/Fourth Wall

Cherry Red/Rough Trade

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Electronica, innovativ, subversiv und zeitlos: David Cunninghams visionäre Impulse aus der Post-Punk-Ära kamen sogar in die Charts.

Wer sich via Internet, Plattenbörse, Trödelladen oder Flohmarkt durch die Jahrzehnte der Musikgeschichte pflügt auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, weiß nur zu genau: Schier unerschöpflich ist der Vorrat an noch ungehobenen musikalischen Schätzen, die bislang noch nicht auf CD veröffentlicht worden sind. Vor allem das Material aus der Post-Punk-Ära auf kleinen britischen Labels gleicht einem gigantischen Heuhaufen mit diversen Nadeln darin. Da verwundert es schon, dass ausgerechnet zwei Albenklassiker der Firma Virgin zum letzten Mal Mitte der 90er-Jahre als CD zu kaufen waren – und das lediglich als teure Japanimporte. Für die aktuelle Edition der beiden ersten Werke des experimentellen britischen Kollektivs The Flying Lizards zeichnet das einst vom heutigen Abenteurer und Milliardär Richard Branson aus der Taufe gehobene Label Virgin erst gar nicht verantwortlich – Schirmherrschaft über das 2-CD-Set The Flying Lizards/Fourth Wall mit diversen Bonusgaben von raren 12-Inches sowie Singles-A- und -B-Seiten übernahm der britische Backkatalogspezialist Cherry Red.

Es wäre zu einfach, das von dem Produzenten und Avantgardemusiker David Cunningham im Jahr 1978 aus der Taufe gehobene Projekt als One-Hit-Wonder abzutun, um es hiernach bequem im gleichen Endlager wie Lene Lovich und John Cooper Clarke zu entsorgen. Tatsächlich hinterlassen The Flying Lizards „nur“ einen einzigen Hit. 1979 platzierte sich die verwegene Elektro-Minimal-Version des R ’n‘ B-Klassikers „Money (That’s What I Want)“ auf Rang fünf der britischen Charts. Wenige Wochen später kam der Erfolg in den USA – in der Post-Punk-Ära schien nichts mehr unmöglich: Immerhin auf Position 50 der Charts kam der einstige Ghetto-Aufschrei, den Berry Gordy in Zusammenarbeit mit Janie Bradford 1959 für Barrett Strong komponiert und der seinerzeit dem noch jungen Label Tamla Motown den ersten nationalen Hit beschert hatte. Bei der Version der Flying Lizards bestimmte maliziöse Demontage das Konzept: Es klingt, als rumple ein überfüllter Küchenbesteckkasten arhythmisch vor sich hin, begleitet von der kindlichen, monotonen Stimme eines naiven jungen Mädchens: „Your love give me such a thrill, but your love won’t pay my bills.“ Die eigentliche Sensation ist, dass so etwas überhaupt in die Hitparaden gekommen ist.

Aus dem Virgin-Vertrag über lediglich zwei Singles, den David Cunningham 1978 abgeschlossen hatte, machte das Geldtrüffelschwein Richard Branson flugs einen über zwei Alben. Wenige Monate nach dem Überraschungshit folgte im Herbst 1979 das nicht minder erstaunliche LP-Debüt The Flying Lizards: Eingespielt mit geringem Budget innerhalb weniger Wochen in zwei kleinen Londoner Privatstudios, verblüfften die zehn eigenwilligen Stimmungsbilder nicht nur die kritische britische Musikpresse. Auf gleicher Augenhöhe mit David Cunningham leisteten befreundete Künstler wie die Vokalistinnen Deborah Evans-Stickland, Patti Palladin und Vivien Goldman, die Multiinstrumentalisten David Toop und Steve Beresford sowie Kunstmaler Michael Upton Schützenhilfe. In seiner visionären Konzeption steht The Flying Lizards Seite an Seite mit Joy Divisions Unknown Pleasures, Wires 154, Gang Of Fours Entertainment! und The Scream von Siouxsie & The Banshees.

Atemberaubend schrill und überdreht der Auftakt mit „Mandelay Song“ (im Original „The Mandalay Song“) aus dem Proto-Musical „Happy End“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Kompositionen des deutschen Duos zählten ja spätestens, seitdem sich The Doors den „Alabama Song“ einverleibt hatten, zum Nonplusultra des subversiven Querdenkens. Auf dem Fuße folgt der selbst verfasste visionäre Dreiteiler „Her Story“, „TV“ und „Russia“ im Rundumschlag aus Dub, Trance, Elektro, Pop und New Wave. Gleiches gilt im Prinzip auch für den exzessiven Experimentierrausch von „The Flood“, „Trouble“, „Events During Flood“ und „The Window“ auf Seite zwei, die mit „Money (That’s What I Want)“ beginnt. The Flying Lizards massakrieren einen weiteren Evergreen, der 1978 als Debütsingle nicht in die Charts kam: Eddie Cochrans „Summertime Blues“.

Noch experimenteller wurden The Flying Lizards zwei Jahre später auf dem Nachfolgealbum Fourth Wall. Hinzu kam eine illustre Gästeschar: Pianist, Minimalist und Filmkomponist Michael Nyman, Gitarrist Robert Fripp, Posaunist Steve Saunders, Keyboarder Julian Marshall sowie die Saxofonisten Gareth Sager und Peter Gordon kreisen majestätisch um das Epizentrum David Cunningham. Versponnene Klangavantgarde, die trickreich Sampletechnik (mit per Hand zusammengeschnittenen Bandaufnahmen!) vorwegnimmt und wohl auch deshalb ein Jahrzehnt später als Quelle von der Detroit-Techno-Szene genutzt wurde. Schlicht überirdisch die Kernstücke „A-Train“ und „Hands 2 Take“ mit Patti Palladin als laszivem und sonorem Gegenentwurf zu Grace Jones. Curtis Mayfields Disco-Funk „Move On Up“ deuten David Cunningham, Patti Palladin und Julian Marshall komplett um – ein Vorgeschmack auf den dritten Longplayer Top Ten, der im Jahr 1984 veröffentlicht wurde – ein Album voller schräger Coverversionen, doch das ist eine andere Geschichte.

Name The Flying Lizards

Gegründet 1978

Aufgelöst 1984

Mitglieder (Auswahl)

David Cunningham

(Gitarre, Synthesizer)

Deborah Evans-Stickland (Vocals)

David Toop

(Multiinstrumentalist)

Inspiriert von Kraftwerk

Amon Düül II

Can

Cabaret Voltaire

Bertolt Brecht, Kurt Weill