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Die letzte heroische Phase der Moderne: Brutalismus ist derzeit angesagt wie nie


Das Publikum zählte laut mit: Zehn, neun, acht! Als die eins erreicht war, wurde es für einen kurzen Moment still, nur ein paar Passanten lachten. Dann zerfiel der AfE-Turm der Universität Frankfurt am Main zu Staub. Erst rieselte die Fassade herunter, dann der restliche Bau. Nach wenigen Sekunden war dort, wo eben noch ein 116,4 Meter und 32 Geschosse hoher Betonturm stand, nur noch eine baumhohe Staubwolke zu sehen. Wie dem Turm der Universität Frankfurt an jenem Tag im Februar 2014, ergeht es seit einiger Zeit vielen Beton-Gebäuden in Deutschland, Europa und der Welt: Sie werden abgerissen.

HANDOUT - Das Handout des Technischen Hilfswerk (THW) zeigt die Sprengung des ehemaligen Uni-Turms in Frankfurt am Main (Hessen) am 02.02.2014. Die Fassade wurde dabei frŸher gesprengt als der Kern des GebŠudes. Dabei entstand eine riesige Staubwolke. Mit 116 Metern Hšhe war es das hšchste je gesprengte Haus in Europa. Foto: Kai-Uwe WŠrner/THW/dpa (ACHTUNG: Verwendung nur mit dem Hinweis auf die Quelle: Kai-Uwe WŠrner/THW) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Sprengung des AfE-Turms in Frankfurt.

Die Birmingham Central Library: durch einen knallbunten Neubau ersetzt. Das Historische Museum in Frankfurt am Main: weg. Der Busbahnhof im englischen Preston: dem Erdboden gleichgemacht. Die Robin Hood Gardens in London: trotz des Protestes von namhaften Architekten wie der verstorbenen Zaha Hadid: für den Abriss freigegeben.

Die offen und klar strukturierten Gebäude sollten sozial, demokratisch und selbstbewusst modern sein

Über 90 brutalistische Gebäude weltweit sind derzeit von entstellenden Umbaumaßnahmen oder gar dem Abriss bedroht – mehr als zehn Prozent der Bauten dieser Epoche überhaupt, schätzen die Macher von SOS Brutalism. Das gemeinsam vom Architekturmagazin „Uncube“, der Wüstenrot Stiftung und dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main betriebene Projekt ist so etwas wie ein Artenschutzprogramm für brutalistische Bauten. Auf sosbrutalism.org haben die Kuratoren mit Hilfe von Usern über 900 Bauten des Brutalismus gesammelt, daraus eine Weltkarte und einen Überblick über aktuell gefährdete Gebäude zusammengestellt.

, Chamberlain Square, Birmingham, West Midlands, United Kingdom, Architect: John Madin Design Group, 1974, Birmingham Central Library John Madin Exterior Chamberlain Square Entrance (Photo by View Pictures/UIG via Getty Images)
Birmingham Central Library

Das, was heute unter dem Namen Brutalismus versammelt wird, war einst der Versuch, die Moderne mit kühnen, klaren Entwürfen in die vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Städte zu bringen. Die Idee war so schlicht wie ambitioniert: Die offen und klar strukturierten Gebäude sollten sozial, demokratisch und selbstbewusst modern sein. Die Bunker aus Beton, die neben Wohnungen oft Kulturinstitutionen beherbergten, sollten neue Formen des Zusammenlebens etablieren. Die Entwürfe waren nicht nur maximal pragmatisch geplant – sondern ein politisches Projekt. Der Name Brutalismus leitete sich dabei, anders als man denken würde, zunächst nicht vom Begriff Brutalität ab, sondern vom französischen „brut“, also dem rohen, unverputzten Material. Doch der Name wurde im Verlauf immer mehr Programm. Und damit zum Problem.

Kai-Uwe WŠrner picture alliance / dpa
View Pictures UIG via Getty Images


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