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„Dopesick“ gucken auf Disney+: Warum die us-amerikanische Opioid-Krise in Deutschland nicht denkbar gewesen wäre

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Seit wenigen Tagen läuft das Serienfinale zu „Dopesick“ auf Disney+. Mit unter anderem Michael Keaton, Will Poulter und Kaitlyn Dever ist sie prominent besetzt. Die hochdramatische Thematik über die Opioid-Krise in den USA, die durch das aggressive Vermarkten eines Schmerzmittels in den 1990er-Jahren losgetreten wurde und seitdem Millionen von Menschen in die Drogenabhängigkeit getrieben hat, verspricht hohe Spannung und überraschende Wendungen. Seit 1996 sind in den USA beinahe eine Million Menschen an einer Überdosis durch Opioide gestorben. Die Serie erzählt also vor allem von der Gier eines Pharmakonzerns, der eine bis dato nie dagewesene Drogen-Krise auslöste. Wir sprachen mit Serien-Autor Danny Strong, sowie den beiden Hauptdarsteller*innen Will Poulter und Kaitlyn Dever über die Hintergründe der Drogen-Epidemie, den Umgang mit Drogensucht und die Zusammenarbeit am Set.

 

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„Dopesick“-Interview mit Serien-Autor Danny Strong: „In Deutschland wäre eine derartige Opioid-Krise nicht denkbar gewesen“

Danny Strong (auf deutsch): Hallo, wie gehts?

Musikexpress (ebenfalls zunächst auf deutsch): Hallo! Gut soweit, und selbst? Du kannst deutsch sprechen?

Danny Strong (immer noch auf deutsch, jetzt allerdings etwas stockender): Ähh, ja… sehr gut. (wechselt ins Englisch) Okay, erwischt. Nicht wirklich. Wo steckst du gerade?

Ich bin in Berlin. Unsere Redaktion befindet sich hier. (Das Interview wurde per Videoschalte geführt, Anm).

Danny Strong: Ach, ich wollte schon immer mal nach Berlin. Ich war schonmal in München, aber noch nie in Berlin.

Dann wird es höchste Zeit. Lass uns derweil über Deine Serie „Dopesick“ sprechen. Was hat Dich dazu bewegt, eine TV-Adaption von Beth Macys Buch „Dopesick“ zu machen?

Danny Strong: Ich habe schon ein Jahr bevor ich erfahren habe, dass das Buch existiert, angefangen daran zu arbeiten. John Goldwijn, der Produzent, kam zu mir und schlug mir vor, eine Geschichte zu schreiben und einen Film über die Opioid-Krise zu drehen. Als ich anfing zu recherchieren, war ich schockiert und fassungslos über die kriminellen Machenschaften. Da wurde ein stark süchtig machendes Betäubungsmittel vermarktet, von dem es hieß, es sei kein Risiko zu befürchten, abhängig zu werden. Das Ausmaß, in dem Ärzte und Patienten getäuscht wurden, war so diabolisch und so durchgeplant, dass ich die Story einfach aufgreifen musste. Ich wollte den Leuten zeigen, was diese Firma getan hat.

Du hast im Grunde eine Kriminalgeschichte mit einer Tragödie über Suchterkrankungen kombiniert. Was sind die Stärken der Serie und was können die Zuschauer*innen erwarten?

Danny Strong: Ich denke, die Zuschauer werden erstmal schockiert sein. In späteren Folgen gehen wir auch auf Therapien und Behandlungen von Opioidmissbrauch ein. Ich habe die Hoffnung, dass das eventuell dazu beitragen könnte, Auswege und Wege für die Zukunft aufzuzeigen. Es geht nicht nur um Vergeltung für die begangenen Verbrechen und die größere Verantwortung der Sackler-Familie (Inhaber-Familie von Purdue, der Firma, die das Schmerzmittel OxyContin herstellte und vertrieb, Anm.), sondern auch um Wege aus diesem Alptraum, den sie geschaffen haben.

Eine Szene zeigt, wie Purdue das Schmerzmittel Oxycontin in Deutschland einführen will, mit dem Ziel Marktführer in ganz Europa zu werden. Dabei heißt es, dass es unterschiedliche Auffassungen zwischen Deutschen und Amerikanern über den Gebrauch von Schmerzmitteln gäbe. Worin besteht diese Meinungsverschiedenheit?

Danny Strong: Deutschland hat eine viel stärkere Aufsicht über Arzneimittel als die Vereinigten Staaten. In den USA gab es zahlreiche politische Kampagnen, die die Natur des Schmerzes sowie den Gebrauch von Opioiden neu definieren sollten. Zuvor galten Opioide als hochgradig süchtig machend. Eben als etwas Gefährliches. Schmerzmittel sollten ja zu Recht vernünftig eingesetzt werden, zur Behandlung am Lebensende, für die voroperative Behandlung, bei Krebsbehandlungen, starken Schmerzen und so weiter. Es wurde also diese Kampagne gestartet, um die ursprüngliche Auffassung zu verändern. Es wurde behauptet, dass der Konsum von Schmerzmitteln zu Unrecht stigmatisiert werden würde und dass sie in Wirklichkeit viel sicherer seien, als wir je gedacht hatten. Von wegen, dass weniger als ein Prozent der Menschen abhängig werden würde. Diese Täuschung war unfassbar wirksam. Es stellte sich schließlich heraus, dass die Unternehmen, die diese Ideen propagierten, teilweise oder sogar vollständig von der Pharmaindustrie finanziert wurden.

Und dann?

Danny Strong: Als die Neudefinition Wirkung zeigte, begannen die Leute plötzlich die Schmerzmittel einzufordern. Sie wollten keine Schmerzen mehr haben, auch keine milden beziehungsweise alltäglichen. Im Internet wurden Ärzte und Krankenhäuser schlecht bewertet, wenn deren Schmerzbehandlung in den Augen der Patienten unwirksam war, sodass sich der Druck auf die Ärzte erhöhte, Opioide zu verschreiben. Es wurde sogar in Mediziner-Kreisen zunehmend als legitim angesehen.

Nur dort?

Danny Strong: In Deutschland und vielen anderen Ländern lassen Aufsichtsbehörden so etwas nicht zu. Es könnte nicht einmal annähernd so weit kommen, aufgrund der strikten Regulierung. Der Inhaber von Purdue, Richard Sackler, war regelrecht besessen von dem Gedanken, sein Produkt OxyContin auf den deutschen Markt zu bringen, was ich sehr interessant fand. Ich fand das einfach spannend. Ich habe eine befreundete, deutsche Ärztin dazu befragt und sie hatte einen großartigen Satz dafür parat. Sie sagte: In Deutschland glauben wir nicht an Opioide, wir glauben, dass das Leiden Teil des Heilungsprozesses ist. Ich dachte, das muss ich in die Serie einbauen, weil es mit einigen der größeren Themen der Serie zusammenhängt: Wenn wir unseren Schmerz betäuben, dann heilen wir den Schmerz nicht wirklich. Wir machen ihn nur noch schlimmer.

Die Szene war tatsächlich spannend. Ebenfalls hervorzuheben wäre da auch die schauspielerische Leistung von Kaitlyn Dever.

Danny Strong: …Das war unglaublich!

Wie hast Du das vor Ort am Set erlebt?

Danny Strong: Kaitlyn Dever ist wahrscheinlich eine der liebenswertesten jungen Frauen, die man je trifft. Und sie hat die herausforderndste Rolle in der Serie, emotional gesehen. Ich kann so viel verraten, als dass das gegen Ende der Serie noch tiefgehender wird. Wir haben immer extra Zeit für Kaitlyn eingeplant, weil die Szenen emotional so herausfordernd waren. Dann tauchte sie am Set auf und hat es jedes Mal beim ersten Take perfekt hingekriegt. Wir haben aufgrund der verbleibenden Zeit jedes Mal mehrere Takes gemacht, aber das war gar nicht nötig. Sie war einfach eine Schauspielerin auf höchstem Niveau. Sehr talentiert. Am Set haben wir sie irgendwann angefangen scherzhaft „kleine Meryl Streep“ zu nennen. So hat es sich angefühlt. Wir waren richtig ehrfürchtig gegen Ende (lacht). Aber im Ernst, es war eine starke Besetzung. Und jeder von dieser Besetzung gibt da sein Bestes, nur damit die kleine Kaitlyn auftaucht und alle in den Schatten stellt. Das war ziemlich magisch.

Man merkt die Spielfreude auch in der Serie. Die kann schon durchaus süchtig machen. Wir durften die ersten drei Episoden vorab schauen, aber wenn die nächsten Folgen veröffentlicht werden, kommt man wohl nicht drum herum die „Dosis zu verdoppeln“.

Danny Strong (lacht lauthals): Haha, da hast du es! Spread the word. Besonders bei euch in Deutschland! Der deutsche Handlungsstrang ist in Folge drei noch nicht zu Ende. Richard Sackler ist weiter auf dem Weg, den deutschen Markt zu erobern.

Serien-Autor Danny Strong

„Dopesick“-Interview mit Darsteller Will Poulter: „Ich hätte dieses Schmerzmittel auch nicht hinterfragt“

Du verkörperst Billy, einen jungen, aufstrebenden Pharmavertreter. Was ist Billy für ein Typ?

Will Poulter: Oberflächlich betrachtet, ist Billy ein Pharmavertreter für „Purdue“, und er wird zusammen mit anderen Teilnehmern eingesetzt, eine Verkaufsmannschaft aufzubauen, die für Oxycontin als nicht-süchtig machende Form der Schmerzlinderung wirbt. Dabei stellt sich heraus, dass es sich in Wirklichkeit um eine Kampagne zur Förderung eines hochgradig süchtig machenden Narkotikums handelt, um finanziellen Gewinn zu erzielen. Was der Zuschauer sieht, ist also ein junges, relativ beeinflussbares, eher mäßig intelligentes Kind. Was ihm dann widerfährt, ist dass er mit den ethischen Aspekten dessen ringt, woran er da beteiligt ist. Er beginnt schließlich, seinen Platz in der Firma und seine Motivation, dort aufzusteigen, in Frage zu stellen.

Du deutest an, dass Billy im Laufe der Serie seinen moralischen Kompass zu hinterfragen beginnt. Ab welchem Punkt überschreitet er die Grenze?

Will Poulter: In diesem Fall überschreitet Billy ziemlich früh eine Grenze. Anstatt umzukehren, macht er noch eine ganze Weile so weiter wie bisher, und, obwohl er weiß, dass bei dieser Kampagne nicht alles so ist, wie es scheint, dass die Droge vielleicht mehr Suchtpotenzial hat, als er behauptet, oder als man ihn zu sagen ermutigt, macht er trotzdem weiter. Ich glaube er macht das aus Eigennutz und wegen des finanziellen Erfolgs. Und diese Art von moralischem Versagen auf der Leinwand zu spielen war wirklich spannend und auch notwendig zu zeigen. So wie die Charaktere zusammengestellt sind, repräsentiert er also keine bestimmte Person, sondern er ist eine eher Verschmelzung der Firma „Purdue“. Ich halte es für notwendig, die Realität der dortigen Firmenkultur zu beleuchten. Die wurden ermutigt, zu täuschen, zu manipulieren und letztendlich zu lügen.

 

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Das Schreckliche an der Geschichte ist, dass sie auf wahren Begebenheiten basiert. Es hätte jedem passieren können, im Unwissen dieses stark abhängig machende Schmerzmittel verschrieben zu bekommen.

Will Poulter: Das ist das Interessante. Das wirklich Verheerende an den Auswirkungen des Schmerzmittels Oxycontin war, dass es als legitimes, sicheres und von der FDA (Federal Drug Agency, Anm.) zugelassenes Medikament eingestuft wurde. Es ist in dieser Hinsicht wirklich beispiellos. Nie zuvor wurde so ein gefährliches Narkotikum so fehlerhaft bewertet, wie in diesem Fall. Ich würde sagen, wenn ich in der Lage gewesen wäre, wie einige Leute, die zum ersten Mal mit diesem Medikament in Berührung kamen, ohne vorher über Gefahren in Kenntnis gesetzt worden zu sein, hätte es gar keinen Grund gegeben es zu hinterfragen, ob ich es genommen hätte oder nicht. Wir schauen doch alle mit einem gewissen Vertrauen auf medizinische Einrichtungen. Purdue hat dieses Vertrauen missbraucht.

Hat Dein Vertrauen gegenüber der Pharmaindustrie oder medizinischen Einrichtungen im allgemeinen Schaden erlitten, mit dem Wissen um die Purdue-Machenschaften?

Will Poulter (schüttelt den Kopf): Nein, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, um ehrlich zu sein. Wenn ich mir anschaue, wie das von statten ging, dann wird mir klar, dass das echte kriminelle Ausreißer in einer Welt waren, der wir ansonsten vertrauen können, und das hat meinen Glauben an die Wissenschaft und an eine gut praktizierte, ethisch vertrauensvolle Medizin nur noch mehr bestärkt.

 

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Du trittst in vielen Szenen gemeinsam mit Michael Keaton auf. Wie war das, mit ihm zu arbeiten?

Will Poulter: Es ist wirklich ein wahr gewordener Traum. So ein phänomenaler Schauspieler! Eine meiner größten Hoffnungen bei den Dreharbeiten war, dass Michael so nett sein würde, wie er talentiert ist. Er hatte eine sehr schwierige Rolle und die Tatsache, dass er Zeit fand, mich so zu ermutigen und zu unterstützen, kam unerwartet und war nahezu liebevoll. Ich bin ihm wirklich dankbar und finde, dass er ist phänomenal in der Serie ist. In so vielen Szenen mit ihm zu spielen, war einfach überragend.

„Dopesick“: Zwei Fragen an Darstellerin Kaitlyn Dever

Kaitlyn, Deine Rolle in Dopesick wurde von der Kritik außerordentlich gelobt. Wie war das für Dich, Betsy zu spielen? Es handelte sich dabei ja um eine sehr intensive und emotionale Rolle.

Kaitlyn Dever: Ich kann mich für die Kritiken eigentlich nur bedanken. Das war eine wunderbare Erfahrung, die Show zu drehen. Da waren nur Menschen um mich herum, die mich unterstützt haben und denen die Geschichte echt am Herzen lag. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich in guten Händen war. Ich habe mir selbst eine Menge Druck gemacht und war anfangs auch nervös, weil ich der Figur unbedingt gerecht werden wollte. Betsy ist zwar eine fiktive Figur, aber sie repräsentiert die Opfer, die zu Beginn der Opioid-Krise von Purdue ins Visier genommen wurden, das war echt ein riesengroßes Ding. Hinter der Geschichte steckt so viel, dass ich das Gefühl hatte alles geben zu müssen. Es gab Momente, in denen ich mich selbst ein Stück weit vernachlässigt habe aber das war es wert. Das war hart und schwierig aber das war nichts im Vergleich zu dem, was die Leute, die tatsächlich mit dieser Sucht zu kämpfen hatten, durchmachen mussten. Ich war mir dessen bewusst. Es war trotzdem eine anstrengende Rolle und ein anstrengender Dreh. Da hat jeder auf seine Art und Weise in seiner jeweiligen Rolle sehr hart dran gearbeitet. Nicht nur die Darsteller, auch die Crew. Wir hatten alle das Gefühl zusammen zu kommen, um etwas Besonderes zu schaffen.

Du hast bereits erwähnt, dass Betsy eine große Gruppe von Menschen repräsentiert. Neben den Betroffenen der Opioid-Krise repräsentiert Betsy auch Angehörige der LGBTQ+-Community, da sie queer ist.

Kaitlyn Dever: Betsys Queerness ist eines der Elemente der Geschichte, auf das ich im Vorfeld sehr gespannt war. Es ist gut, dass queere Personen in der Serie vertreten sind. Was sie in ihrer Geschichte mit ihrer Familie durchmachen muss, ist brutal. Alles, was sie will, ist, akzeptiert zu werden und sich gegenüber ihrem Vater zu beweisen. Sie arbeitet hart und engagiert und das macht ihre Geschichte in meinen Augen so fesselnd. Es gibt viele Wendungen in der Serie, und sie macht viel durch, vor allem für jemanden, der so jung ist. Ihre Geschichte handelt von wahrer Resilienz und Stärke. Gerade wenn man denkt, dass sie nicht mehr weitermachen kann, kämpft sie sich weiter durch. Ich finde, sie ist eine sehr inspirierende Figur.

 

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Leon Bennett Getty Images

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