Engin: Wie klingt eigentlich ein blauer Mercedes W126?
Völlig selbstverständlich bringen Engin zwei Kulturen zusammen – und spielen endlich, was viel zu lange fehlte: deutsch-türkischen Indie-Rock. Wir haben die Band getroffen.
Wer es ganz genau wissen will: Der blaue Benz, vor dem Engin auf dem Cover ihres neuen Albums posieren, ist ein W126. Gebaut wurde der vor allem in den 1980er-Jahren, und zwar massenhaft: Der Mercedes-Benz W126 gilt als meistgebaute Luxuslimousine aller Zeiten. Ein vergleichsweise schlichtes Gefährt, jedenfalls im Vergleich zu seinem S-Klasse-Vorgänger, dem W116. Wer trotzdem ein wenig Bling brauchte, leistete sich damals die sogenannten Barockfelgen. Die waren aber nicht nötig, um die gut zweitausend Kilometer, die zwischen Deutschland und der Türkei liegen, zurückzulegen. Und die der W126, das darf man annehmen, öfter bewältigt haben dürfte als jedes andere Automobil.
Denn der W126 ist mehr als ein Fortbewegungsmittel. Er ist ein Symbol. Für ein Aufstiegsversprechen. Für einen viel zu verdrängten Teil bundesdeutscher Geschichte. Aber auch für gelungene Integration. Jene in Deutschland lebenden Türken, die damals immer noch Gastarbeiter genannt wurden, liebten den W126. Wer mit einem W126 in der alten Heimat ankam, signalisierte, dass sein Aufenthalt in der neuen Heimat ein erfolgreicher war. Noch heute ist der W126 aus dem Straßenbild türkischer Städte nicht wegzudenken; in Spezialwerkstätten werden die Oldtimer fit gehalten für die Gegenwart.
Eine Gegenwart, in die Engin ihr drittes Album SAG MIR ALMANYA schicken. Ein Album, das man als Kommentar zu aktuellen Zuständen lesen kann. Das aber auch eine Leerstelle formuliert, gerade weil es eine deutsch-türkische Selbstverständlichkeit in Töne fasst, die noch nie wirklich selbstverständlich war und in diesen Zeiten immer weniger selbstverständlich wird – in der Gesellschaft, in der Politik, aber ganz profan auch in der Popmusiklandschaft der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2026.
Von der Popakademie zum Anadolu-Rock
Gegründet wurden Engin 2021, als Gitarrist und Sänger Engin Devekiran, der dem Projekt den Namen geben sollte, nach einem Master der Psychologie ein Zweitstudium an einer denkbar deutschen Einrichtung absolvierte: an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Zwei Jahre später erschien das Debütalbum. NACHT war Indie-Rock mit deutschen Texten, geschult an der Hamburger Schule, kompatibel mit deutschem Mainstream-Pop. Dass Devekirans Vater aus Istanbul gekommen war, bevor er eine Badenerin lieben lernte, war nur an einzelnen, wenigen Worten zu hören.
2024 folgte mit MESAFELER ein Statement. Engin coverten Klassiker des Anadolu-Rock, türkische Volkslieder und Songs von Baris Manço, Erkin Koray, Özdemir Erdogan oder Cem Karaca. Das Album war Ergebnis eines Prozesses, in dem Devekiran nicht nur die türkische Popkultur entdeckte, sondern auch einen verschütteten Teil seiner Identität.
Devekiran ist 1993 geboren und in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen. Als kleines Kind hatte er noch Türkisch gelernt, dann aber wieder verlernt; auch sein Vater sprach längst „ein astreines Badisch“. Als er während des Studiums in Mannheim begann, sich in die türkische Popvergangenheit und -gegenwart zu versenken, verstand er kaum, was da gesungen wurde. Sein Türkisch war nicht mehr gut genug. Doch als er zum ersten Mal „Resimdeki Gözyaşları“ hörte, das berühmte Lied von Cem Karaca, „musste ich weinen, obwohl ich kaum ein Wort verstanden habe“.
„Das hat einen Prozess ausgelöst“, erinnert sich Devekiran, „einen Prozess, der bis heute anhält.“ Einen Prozess, in dessen Verlauf der Psychologie-Master Devekiran eine „innere Entfremdung“ überwand und „einen Identitätskonflikt auflöste“ – und in dessen Verlauf die Band Engin zur einzigen wahrhaft deutschtürkischen Rockband dieses Landes wuchs. Ein Prozess, der schlussendlich zu „SAG MIR ALMANYA“ führte, dem neuen Album von Engin, auf dem Deutsch und Türkisch gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Manche der Songs haben türkische Texte, manche deutsche – und manche sind zweisprachig. Nicht zuletzt wurde die Poesie von Devekiran mit der Wiederentdeckung des Türkischen gefühliger und üppiger.
„Ich hatte alles, was mit Türkisch zu tun hatte, verdrängt und weggeschoben. Ich habe mich für mein schlechtes Türkisch geschämt“, erinnert sich Devekiran. „Deswegen war es extrem befreiend, dass ich durch die Musik einen Teil von mir, der abgespalten war, wieder integrieren konnte – so wie der Anadolu-Rock traditionell türkische Elemente in westliche Rockmusik integriert hat und dabei etwas super Cooles herausgekommen ist.“
Heilung durch Musik
Die Musik wurde für Devekiran zu einem „Weg der Heilung, der interkulturellen, aber auch der eigenen Heilung“. Eine wichtige Rolle auf diesem Weg spielten Bassist David Knevels und Schlagzeuger Jonas Stiegler, die musikalisch dieselbe Faszination für den Anadolu-Rock entwickelten wie ihr Bandkollege. Wie intensiv Tipps und Entdeckungen zwischen den dreien hin und her gingen, ist auf SAG MIR ALMANYA nun deutlich zu hören. Engin haben ihren klassischen Indie-Pop-Sound mit schwerblütiger Psychedelia kräftig angedickt. Ein Song wie „Dopamin“ steht programmatisch für die Weiterentwicklung: Im Text wechselt Devekiran auf die Meta-Ebene und hinterfragt, wie es überhaupt zum Schreiben der zweiten Strophe kam, während die Musik arabeske Schleifen zurück in die 70er-Jahre dreht.
„Warum sollten nicht türkische Elemente in deutscher Musik auftauchen? Warum sollte das nur Rap vorbehalten sein? Warum muss das immer mit Straße und mit Kiez verknüpft sein?“, wundert sich Devekiran. „Diese Fragen stellten sich mir nicht mehr.“
Zu indie für den deutschen Indie
Dafür stellen sich nun andere Fragen. Warum erst jetzt? Und: Warum nur Engin? Dass HipHop- und Urban-Künstler:innen mit türkischen Wurzeln sich an der Spitze der deutschen Charts tummeln, ist Ausdruck einer multikulturellen Realität. Da darf man sich schon fragen: Warum gibt es eigentlich nicht mehr Rockbands hierzulande, in denen Menschen mit diesem sogenannten Migrationshintergrund spielen – und das auch zu hören ist? Und warum erreichen sie nicht den Mainstream?
Auch Engin spielen heute vor einem überwiegend migrantisch geprägten Publikum. Der Algorithmus der Streamingdienste ignoriere seine Band, sagt Devekiran – zumindest in Deutschland. In der Türkei dagegen schafften sie es problemlos auf die einschlägigen Playlisten. Die aktuelle Tour haben sie mit Auftritten in Mersin, Bursa, Ankara, Istanbul, Izmir, Isparta und Eskisehir begonnen, aber bei den klassischen deutschen Indie-Festivals, so Devekiran, „stoßen wir immer wieder auf Widerstände. Da heißt es oft: Ja, wir finden euch schon ganz cool, aber können wir das unserem Publikum zumuten? Ich hätte nicht gedacht, dass wir zu indie sind für den deutschen Indie.“
Im Anadolu-Rock verschmolzen traditionelle türkische Harmonien mit Einflüssen aus britischer und amerikanischer Rock- und Popmusik. Gehört wurde er natürlich auch in der deutschen Diaspora und wurde so wiederum vom Krautrock beeinflusst. Es gab türkische Plattenläden und sogar Labels in Deutschland; Cem Karaca musste vor der Militärdiktatur flüchten, lebte in den 80er-Jahren in Deutschland und nahm sogar ein deutschsprachiges Album auf. Auswirkungen auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft hatte das alles so gut wie keine, nicht einmal der Weltmusik-Hype konnte daran etwas ändern. „Das war so eine innovative, vorwärtsgedachte Musik“, sagt Devekiran, „aber gefühlt checkt niemand in Deutschland, dass es sie gibt. Wie kann es sein, dass 70 Jahre türkische Einflüsse popkulturell nur koexistieren, aber nicht in den Mainstream rein finden?“
Dass sich Deutschland eher desinteressiert zeigt am kulturellen Erbe der größten ethnischen Minderheit im Lande, das will Devekiran nicht Ignoranz nennen. „Ich war ja selber lange ignorant“, sagt er. Aber seine Band soll daran etwas ändern. „Wir wollen eine attraktive Projektionsfläche anbieten, damit immer mehr überhaupt die Chance bekommen, das zu entdecken.“
Ein Symbol für Zusammenleben
In diesem Sinne ist SAG MIR ALMANYA auch kein ausdrücklich politisches Album, selbst wenn Devekiran im Titelsong mit Blick auf einen ehemaligen Bundesfinanzminister fragt: „Denkst du wirklich Probleme sind dornige Chancen?“ Für ihn geht es eher um die Stimmung in der Gesellschaft, darum, „wegzukommen von dieser Miesepetrigkeit, die in Deutschland um sich greift. Denn Tagespolitik ist nicht unser Thema, aber natürlich haben wir eine Haltung. Wir stehen für ganz basale demokratische Grundwerte. Aber wenn solche Selbstverständlichkeiten schon umstritten sind, dann sind wir wohl politisch.“
Allein die Existenz von Engin und die Selbstverständlichkeit, mit der in ihrer Musik nun Mehrheit und Minderheit, das Deutsche und das Türkische gleichberechtigt zueinanderfinden, ist ein Statement für eine offene, bunte Idee von Zusammenleben. Eine Idee, für die der Mercedes-Benz W126 ein Symbol ist.
Der blaue W126 auf dem Cover von SAG MIR ALMANYA stammt natürlich aus der Verwandtschaft. „Der gehört einem Cousin von mir“, erzählt Engin Devekiran. Und muss lachen: „ein deutscher Cousin“.





