Interview

„England gewinnt immer nur die Freundschaftsspiele!“ – Jake Bugg über Fußball

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Jake, du bist Fan des chronisch zweitklassig spielenden Fußballklubs Notts County aus Nottingham. Wurde dir diese Bürde bereits in die Wiege gelegt?
Nein, das kam erst später. Wenn man jung ist und selbst Fußball spielt, interessiert man sich automatisch für die Spitzenteams, das war auch bei mir so. Erst mit zehn oder elf war ich mit meinem Onkel bei einem Notts-County-Spiel, und so habe ich gewissermaßen meine Liebe zum Fußball wiederentdeckt. Erst damals wurde ich ein richtiger Fan.

Du hattest also die Liebe zum Fußball schon als Kind verloren und sie mit elf wiedergefunden? Wie kann denn das sein?
Ich hatte seit frühester Kindheit für eine ganze Reihe von Teams Fußball gespielt. Das wurde irgendwann immer professioneller und machte mir deshalb immer weniger Spaß. Deshalb habe ich schließlich ganz damit aufgehört. Selbst in diesem Alter ging es ständig um „Politik“ und geschäftliche Aspekte – das war nichts für mich.

Mit zwölf war mir ohnehin die Gitarre wichtiger geworden als der Sport.

Wie weit bist du denn als Spieler gekommen? Bestand Aussicht auf eine Profikarriere?
Dafür habe ich nicht lange genug gespielt. Ich durchlief die regionalen Auswahlmannschaften bis hin zur Nottingham-County-Auswahl, erst danach wäre es so richtig interessant geworden. So habe ich nie herausgefunden, ob ich genug Talent hatte. Mit zwölf war mir ohnehin die Gitarre wichtiger geworden als der Sport.

Das klassische Alter, in dem viele aufhören. Schon von ganz jungen Fußballern wird eine Disziplin verlangt, die jede Menge Spaß aus dem Leben eines Zwölfjährigen saugt.
So ist es. Eigentlich eine Schande, dadurch geht eine Menge Talent verloren. Man muss wirklich sein ganzes Leben komplett nach dem Sport ausrichten, das wäre es mir in diesem Alter niemals wert gewesen.

Allerdings gibt es natürlich gewisse Parallelen zur Musik. Auch ein Instrument muss ja überhaupt erst mal erlernt und mehr oder weniger jeden Tag geübt werden.
Das stimmt natürlich. Aber die Bewertung von Musik unterliegt wesentlich subjektiveren Kriterien. Beim Fußball ist man entweder gut oder nicht, Musik hat viel mehr mit dem persönlichen Geschmack zu tun. Außerdem: Als ich mit der Gitarre anfing, spielten alle meine Freunde Fußball, niemand von ihnen machte Musik. Das schien mir eine größere Chance zu sein, mich abzusetzen.

Du bist aber ein großer Fußballfan geblieben, gehst regelmäßig ins Stadion, auch auf Tour. Was macht den besonderen Reiz dieser Besuche aus?
Ein gutes Spiel zu sehen ist für mich das Größte. Und dann natürlich diese unvergleichbare Atmosphäre … Wenn man zum Beispiel vor einigen Wochen an der Anfield Road Liverpool gegen Dortmund gesehen hat. Liverpool lag hinten, es schien keine Hoffnung mehr zu geben. Aber niemand ging, die Fans haben ihr Team weiterhin unterstützt – und es hat sich ausgezahlt. Man kann als Fan im Stadion wirklich Einfluss auf ein Spiel nehmen, und das ist ein fantastisches Gefühl. Insbesondere in der Premier League passiert das besonders oft; man weiß nie, wie die Spiele ausgehen.

Nur bei Notts County weiß man es leider meistens schon: zugunsten der Gegner.
Immerhin sind wir der älteste Profifußballverein der Welt! Aber klar, es könnte besser laufen.

Würdest du dir einen ausländischen Großinvestor wünschen, wie sie in englischen Klubs so verbreitet sind?
Wir stehen tatsächlich gerade zum Verkauf. Es laufen Gespräche mit einem dänischen Milliardär, und ja, das fände ich toll. Denn für die Tradition allein kann man sich natürlich auch nichts kaufen. Noch vor wenigen Jahren waren wir in der Zweiten Liga ganz weit oben und haben nur knapp den Aufstieg verpasst. Aktuell ist das Gegenteil der Fall: Wir sind vom Abstieg bedroht. Aber das ist ja gerade auch das Tolle am Fußball: Man weiß nie, was kommt.

Die Spieler entscheiden sich für einen Geschmack, der dem der meisten Leute ähnelt.

Waren deine Jugendhelden eher Fußballer oder Musiker?
Berühmtheiten sind mir im Allgemeinen egal – außer bei Fußballern! Als ich kürzlich nach einem Auftritt in Schottland ins Hotel zurückkam, spazierte plötzlich Kenny Dalglish (schottischer Rekord-Nationalspieler – Anm. d. Red.) durch die Lobby. Ich konnte es kaum fassen! Und das Beste war, dass er sogar vorher offenbar bei unserem Konzert gewesen war, wie mir später berichtet wurde.

Eine Ausnahme. Hast du eine Erklärung für den wirklich fürchterlichen Musikgeschmack der meisten Profis?
Es kommt in ihrem Leben immer darauf an, gut anzukommen, in jeder einzelnen Situation. Also entscheiden sich die Spieler für einen Geschmack, der dem der meisten Leute ähnelt. Sie finden das gut, was alle gut finden – und das ist eben nicht unbedingt immer das Beste.

Liam Gallagher hat vor einiger Zeit gesagt, 90 Prozent der Fußballer, die er kennengelernt habe, seien komplette Volltrottel.
Auch das ist leider meistens wahr. Einige wenige Ausnahmen gibt es allerdings. Wayne Rooney zum Beispiel kommt ebenfalls oft zu unseren Konzerten.

Nach langen Jahren der Dürre sieht es im Vorfeld der Europameisterschaft so aus, als könnte England mal wieder eine Rolle bei einem internationalen Turnier spielen.
Falls du darauf abzielst: Nein, ich werde nicht sagen, dass wir den Titel holen! Denn das sagt in England grundsätzlich jeder – und am Ende passiert es nie. Wir gewinnen immer nur die Freundschaftsspiele, wie zuletzt gegen Deutschland. Aber ja, es gibt aktuell ein paar interessante junge Spieler, es könnte tatsächlich mal wieder was werden. Das Problem ist, dass Mannschaften wie Deutschland und Spanien das Spiel im Vergleich zur Premier League extrem entschleunigen. Damit können die englischen Spieler nicht umgehen.

Verteidiger, Bassisten und Schlagzeuger sind wohl insgesamt etwas teamorientierter, zurückhaltender und weniger selbstverliebt als Gitarristen, Stürmer und Sänger.

Nun bist du während der Europameisterschaft ständig auf Tour. Wirst du trotzdem versuchen, so viele Spiele wie möglich zu verfolgen?
Unbedingt! Der aktuelle Plan ist, so viele Shows in Frankreich zu spielen wie irgend möglich. Und zwar immer nur an spielfreien Tagen. (Lacht)

Was hältst du von der These, dass sich aus der Spielposition eines Fußballers Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit ziehen lassen?
Über mich würde man dadurch keine Erkenntnisse gewinnen, denn als Hobbyspieler habe ich keine feste Position. Aber es gibt gewisse Phänotypen, auch bei Musikern übrigens. Verteidiger, Bassisten und Schlagzeuger sind wohl insgesamt etwas teamorientierter, zurückhaltender und weniger selbstverliebt als Gitarristen, Stürmer und Sänger.

Der Titel deutet es bereits an: Du selbst hast bei der Produktion von ON MY ONE auf ein Team verzichtet und bis hin zur Instrumentierung alles selbst gemacht.
Ja, das wollte ich mal ausprobieren. Es ist natürlich ganz schön, wenn man sich austauschen kann, aber mir ist es wichtig, alle Entscheidungen in Bezug auf die Musik selbst zu treffen. Ich bin nicht so der Bandtyp.


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