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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Farewell 2011: Reimen für die Revolution

Farewell 2011: In Ägypten und Tunesien haben das Internet und Facebook die Revolution angeheizt, aber auch die örtlichen Rapper. Denn in ihren Texten prangerten sie die Missstände schonungslos an. Millionen Menschen kennen die Lieder, die zu Hymnen der Revolten wurden. 2011 ist das Jahr der Krisen und Umbrüche. Auch in Europa- London brennt, und in Madrid kämpft die Jugend um ihre Zukunft. Welche Rolle übernimmt dabei die Popmusik? Gibt es eine neue „RIOT MUSIC“? Was passiert in Deutschland und wie politisch können Songtexte heute noch sein? Eine Momentaufnahme in unruhigen Zeiten.

Ägypten und Tunesien: 

Ein Internet-Café im Kairoer Stadtteil Nasr City: Süßlicher Shisha-Duft hängt in der Luft. Mit der Lautstärke einer Luftschutzsirene übertönt der Ruf des Muezzins das Dauerhupen auf der notorisch verstopften Durchfahrtsstraße. Die jugendlichen Internetnutzer aber scheinen sich davon kaum ablenken zu lassen. Gruppenweise drängen sie sich in dem schwach beleuchteten Raum im Erdgeschoss eines Hochhauses um die Bildschirme. Sie lesen ihre Facebook-Nachrichten, klicken sich durch News über eine von Demonstranten gestürmte Zentrale der ägyptischen Staatssicherheit und die Protestzüge im zehn Kilometer entfernten Stadtzentrum. Oder sie hören auf YouTube Hip-Hop-Tracks. „Mist“, ruft Raqib seinem Freund Mahmoud zu. „Unser Video hat in einer Woche nur zweitausend Klicks bekommen. Wenn uns bloß mal ein Radiosender eine Chance geben würde …“

Unser Video, damit meint der bärtige junge Rapper mit der schief aufgesetzten Baseball-Cap „7kayet seyassa“, seinen ersten professionell produzierten Clip, den er etwas großspurig als „The official revolution video“ untertitelt hat: schwere, Gangsta-Rap-inspirierte Beats. Ein Sample des klassischen ägyptischen Musikers Abdel Halim Hafez. Darüber heiser bis wütende arabische Raps. Mahmoud, in Kairo besser als MC Aiouty bekannt, hat ein paar Gastverse beigesteuert. Er und Raqib helfen sich nicht nur gegenseitig mit Raps aus. Ende Januar sind sie jeden Tag zusammen mit Hunderten Jugendlichen aus dem Viertel ins zehn Kilometer entfernte Stadtzentrum marschiert, um sich auf dem Tahrirplatz den Polizisten und Mubarak-Anhängern entgegenzustellen. Bilder dieser Demonstrationen eröffnen auch das Video. Was es noch zeigt: Armeepanzer, Bombenexplosionen, ägyptische Zeitungsschlagzeilen über die erfolgreiche Revolution und einen gefesselten Schwarzen, der von den Rappern aus seinem Verließ inmitten von Wohnhaus-Ruinen befreit wird. Zu dick aufgetragen? Nein, verblasst doch in Kairo selbst die krasseste Video-Fantasie vor der sich täglich überschlagenden Polit-Realität.

 

„Ich rede in meinem Song darüber, dass die Mubarak-Regierung ein mörderisches Spiel betrieb, um uns zu spalten,“ sagt Raqib Al Nassery. „Die Revolution hat uns gezeigt, dass wir alle zuerst Ägypter sind.“ Selbst die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Kopten und Muslimen rechnet er den Scharfmachern des alten Regimes an. Zwei Tage zuvor hatten Aktivisten beim Einbruch in die Archive der Staatssicherheit unter anderem Dokumente entdeckt, nach denen Mubaraks Polizeichef nicht nur sys­tematisch Regimegegner verschwinden ließ, sondern er anscheinend auch hinter der Bombenexplosion mit 23 Toten in einer koptischen Kirche Ende vorigen Jahres steckte. „Sie haben die Religion zu einem Streitpunkt gemacht, sodass wir uns auf unsere Unterschiede statt auf unsere Rechte konzentrierten.“ Hip-Hop-Konzerte seien früher eine der wenigen Möglichkeiten gewesen, solche Wahrheiten laut auszusprechen. Doch es gab nur zwei oder drei Bühnen, die sich trauten, der potenziell aufrührerischen Botschaft der Hip-Hop-Jugend Gehör zu verschaffen. Und auch da hatte die Polizei stets Spitzel vor Ort. Einmal zogen die Ordnungshüter Raqib bei einem seiner Auftritte den Stecker aus der Steckdose und räumten den Saal, nachdem der Rapper einen Vers auf das Wort Korruption gereimt hatte. „Dabei hatte ich nicht einmal Namen genannt.“ Immerhin: Seine Eltern, beides fromme Muslime, halfen dem 29-Jährigen bei dem brotlosen Unterfangen, weitab von jeder Hip-Hop-Industrie und mit dem Internet als einziger Plattform eine Rap-Karriere zu beginnen. Das hat auch mit Raqibs Großvater zu tun. Ein marokkanischer Sufi-Poet, der in den 50er-Jahren als Kritiker der französischen Kolonialmacht ins Exil gejagt wurde. Raqib sieht sich und seine Revolutionsmitstreiter in der großväterlichen Tradi­tion. Anti-autoritär und religiös tolerant. Dazu flicht er regelmäßig englische und französische Verse in seine Songs: „Ich möchte auch ein internationales Publikum erreichen.“ Bisher ein Wunschtraum: Erst nach der Revolution wurden westliche Medien auf die seit den 90er-Jahren im nord­afrikanischen Untergrund blühende Rap-Szene aufmerksam – vor allem wegen ihres Beitrags zur Jugendrevolte.

Was deren Erfolg ausgemacht habe? Natürlich betonen auch Raqib und seine Freunde die überragende Rolle von Facebook und insbesondere der ägyptischen Menschenrechtswebsite „Wir sind alle Khaled Said“ (benannt nach einem von der Polizei totgeprügelten Jugendlichen), die zu den ersten Protestkundgebungen am 25. Januar aufgerufen hatte und über 13 Millionen Facebook-Freunde mobilisieren konnte. Doch an zweiter Stelle steht ein tunesischer Rapper namens El General: „Typen wie er haben uns den Mut gegeben, die Klappe aufzureißen.“ Hamada Ben Amor alias El General erlangte mit seinem an den ehemaligen tunesischen Präsidenten Ben Ali gerichteten Rap „Rais Lebled“ in ganz Nordafrika Heldenstatus. Auf seiner Facebook-Seite präsentiert sich der 22-Jährige in Kriegshelden-Pose: Vor einer Flagge seines Heimatlandes Tunesien, mit Lederjacke und einer Pistole in der Hand, wirkt El General wie das nordafrikanische Pendant eines Gangster-Rappers. „Das ist doch nur ein Witz, mon frere“, sagt der Hip-Hop-Star am Telefon. „ Ich  habe in meinen Raps noch nie zur Gewalt aufgerufen.“ Der unter dem Pseudonym El General rappende Pharmaziestudent aus Sfax scheint immer noch etwas verwundert, dass Journalisten ihn mit ihren Fragen bestürmen und er nun als Sprachrohr einer jungen Generation gilt, die mit den autoritären politischen Strukturen unzufrieden ist und in Popmusik wie im Internet ihren Ausdruck findet. Dabei hatte sein Song „Rais Lebled“ (Der Chef meines Landes) der Jasmin-Revolution ihre Hymne geliefert. Der junge Tunesier fasste da in Raps, was Millionen Jugendliche zuvor nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagten: „ Herr Präsident, Ihr Volk stirbt/ die Menschen essen Müll/ viele haben kein Dach über dem Kopf/ jeden Tag höre ich von Gerichts­verfahren/ in denen die Armen betrogen werden …“, oder: „ Die Polizisten setzen straflos ihre Schlagstöcke ein/ weil niemand da ist, um nein zu sagen.“ Worte, die bald auch die Demonstranten in Algerien, Ägypten, Libyen und Marokko skandierten. Dass der Musiker auch Texte dichtet, in denen er sich gegen Juden wendet, wurde dagegen kaum beachtet.

 

Eine ernsthafte Herausforderung für die autokratischen Machthaber: Ist doch in jungen Gesellschaften wie denen Nordafrikas und Arabiens, in denen 60 Prozent der Menschen unter 30 Jahren alt sind, kaum eine Stimme gefährlicher als die eines jungen Popstars – vor allem wenn er wie Hamada Ben Amor einen bereits bedrohlich köchelnden Volkszorn in einfache Worte fasst, unverblümt von Armut, Polizeigewalt und der Willkür der Regierung spricht. An der staatlichen Zensur wäre „Rais Lebled“ wohl nie vorbeigekommen. Auf Facebook aber entwickelte sich das schmucklose Amateur-Video zum Hit, einem viralen Aufstandsbeschleuniger. Tausende von Menschen luden sich den Song seit seiner Veröffentlichung im November 2010 aus dem Internet. Er wurde von Handy zu Handy geschickt. Seine Zeilen auf Hausmauern gepinselt. Dann schlugen die Ordnungskräfte des inzwischen gestürzten Präsidenten Ben Ali zurück: Zuerst kappten sie die Handyverbindung des Rappers und sperrten seinen Internet-Auftritt. Als die tunesische Protestbewegung nach der Selbstverbrennung des von den Behörden schikanierten Verkäufers Mohamed Bouazizi Ende Dezember an Fahrt gewann, umstellten dreißig Polizisten im Morgengrauen des 7. Januar Ben Amors Elternhaus in Sfax und nahmen den Rapper mit. Über den Grund der Verhaftung und seinen Verbleib gaben sie keine Auskunft: „Sie sagten nur, ich wisse schon warum.“

Während Hamada Ben Amors Familie mit dem Schlimmsten rechnete, heizte das Gerücht von seiner Verhaftung die Demonstrationen erst recht an. Seine Popularität bewahrte ihn vor Schlimmerem: „Der Präsident selbst“, sagt Ben Amor, „hatte angeordnet, dass ich nicht geschlagen und gefoltert werden dürfte, um keine Märtyrer-Figur zu schaffen. Er wusste, dass wir Rapper das Sprachrohr der tunesischen Jugend sind.“ Nach drei Tagen Verhör und einer schriftlichen Erklärung, keine politischen Texte mehr zu schreiben oder aufzuführen, lieferten ihn die Polizisten wieder bei seinen Eltern ab. Eine Woche später war das alte Regime gestürzt – und El General hatte einen neuen Song geschrieben: „Tahia Tounes“ oder „Es lebe Tunesien“. Eine Ehrung seiner während der Jasmin-Revolution getöteten Landsleute und eine Solidaritätserklärung an die jugendlichen Demonstranten in Ägypten, Algerien, Libyen und Marokko. Das Kulturministerium der tunesischen Übergangsregierung versuchte das politische Potenzial El Generals für sich zu nutzen und bot ihm alle erdenkliche Hilfe bei der Produktion seines ersten Albums an, während Rapper in den Nachbarländern längst begonnen hatten, nach dem Vorbild von „Rais Lebled“ eigene Botschaften an ihre Regierungschefs zu formulieren. Selbst amerikanische Hip-Hop-Websites schwärmten, wie das Blog popdust.com, halb bewundernd halb neidisch von „der Kraft des nordafrikanischen Hip-Hop, Frustration zu artikulieren und junge Menschen zur Aktion anzutreiben – und das ohne Gewalt oder Zerstörung“. Damit hatte niemand gerechnet: Dass die revolutionäre Hip-Hop-Energie, die amerikanische Rapper wie Public Enemy oder Paris so gern beschwören, ausgerechnet in der nordafrikanischen Diaspora, dort wo offiziell der süßliche Schnulzen-Pop regiert, ganz handfeste politische Umwälzungen begleitet.

London:

Twitter-Stürme statt Punk-Romantik. Die Unruhen in England haben auch die Popmusik aufgemischt. Im Zentrum des Krawalls: Die Elektro-Rapper des Grime.

Der Notting Hill Carnival in West-London ging gerade zu Ende, als die Ausschreitungen begannen. Die Randale im Spätsommer 1976, so behaupten es jedenfalls die Chronisten, sei eigentlich eher zufällig ausgelöst worden – nämlich durch Polizisten, die einen Taschendieb verhaften wollten, daran aber von schwarzen Kids gehindert wurden. Aus dem Handgemenge entwickelte sich ein Krawall, bei dem die Polizei mit Wurfgeschossen aller Art attackiert wurde. 17 schwarze Jugendliche wurden damals angeklagt, nur zwei von ihnen verurteilt.

Kurz vor diesen Ausschreitungen spielten The Clash ihren ersten Gig in Sheffield – damals noch im Vorprogramm der Sex Pistols. Ihre erste Single, das polemische, Ramones-inspirierte „White Riot“, war ein direkter Kommentar zu den Riots in Notting Hill. Sänger Joe Strummer und Bassist Paul Simonon hatten die Ausschreitungen am eigenen Leib miterlebt.

Die in den Monaten danach gegründete Musik-Initiative „Rock Against Racism“ (RAR) organisierte umgehend einige Konzerte mit Gleichgesinnten wie The Clash, Buzzcocks und X-Ray Spex – und machte es sich zur Aufgabe, weiße Jugendliche davon abzuhalten, ins Lager der rechtsradikalen, unverhohlen rassistischen „National Front“ überzulaufen. Die Sex Pistols besangen die „Anarchy In The UK“, während Reggae-Bands wie Steel Pulse und Aswad den eklatanten Rassismus in der englischen Gesellschaft thematisierten.

Am Samstag, dem 7. August 2011, wurde bei einer Polizeikontrolle im Norden Londons der schwarze Taxifahrer Mark Duggan erschossen, ein 29-jähriger Vater von vier Kindern. Noch in der gleichen Nacht begannen in Tottenham die Unruhen, die sich im Lauf der nächsten Tage auf weitere Stadtteile und schließlich auf andere englische Städte ausweiten sollten. Jugendliche, schwarz wie weiß, plünderten Geschäfte, griffen die Polizei an und grinsten feixend in jede verfügbare Fernsehkamera. Konservative Politiker riefen umgehend nach Recht und Ordnung, während sich ihre linken Kollegen auf die Suche nach den sozio-ökonomischen Ursachen machten.

Keine Frage: 35 Jahre nach den „Notting Hill Riots“ ist die politische Landschaft in England eine andere – und die Reaktion der Popmusik auf die aktuellen Unruhen ist es nicht minder. Kaum hatten an jenem Samstag in Tottenham die Ausschreitungen begonnen, meldete sich Professor Green, ein weißer Rapper aus London, mit einem Tweet aus Ibiza zu Wort: „Die Scheiße, die dort passiert, ist der blanke Wahnsinn. Wie lange will die Polizei diesem Treiben eigentlich noch zuschauen? Ich bin mir sicher, dass die Antwort in Chelsea anders ausgefallen wäre.“ Und am 9. August fügte Green hinzu: „Diese Unruhen werden eine Menge Ressentiments an die Oberfläche spülen. Passt auf, dass nicht auch die Rassen-Karte gezogen wird. Denn darum geht’s hier überhaupt nicht.“

Dorian Lynskey ist der Autor von „33 Revolutions Per Minute“, einer unlängst veröffentlichten Abhandlung über die Geschichte des Protestsongs. Nach seiner Auffassung entziehe das Internet den Musikern den Antrieb, überhaupt noch ins Studio zu gehen und mit einem Song ihre Position zu dokumentieren. „Wenn ein Musiker seine Wut verbreiten will, kann er das genauso gut über Twitter oder seinen Blog artikulieren und so den angestauten Dampf zumindest teilweise ablassen. Die Tweets von Professor Green sind alle superintelligent und treffen den Nagel auf den Kopf. Aber wird er nun noch die Motivation haben, über die

Unruhen einen Song zu schreiben? Vielleicht denkt er ja, dass er schon alles gesagt hat, was er seinen 300 000 Followern sagen wollte.“

Professor Green zählt in Großbritannien zu den großen Namen. Er ist in den Top Ten der Charts: Was er rappt, findet offene Ohren. Und doch entsteht die politisch relevante Musik derzeit im Grime, einer Mischung aus HipHop und Elektro. Musiker wie Lethal Bizzle und Wiley haben sich bislang eher am Rande des Mainstream bewegt und erreichten mit ihren Texten eine überschaubare Szene. Bizzles „Pow! (Forward)“, ein aggressiver, aber letztlich doch positiver und konstruktiver Track, wurde ursprünglich bereits 2004 veröffentlicht. Er entwickelte sich aber erst viel später zur inoffiziellen Hymne der Studenten­unruhen, die im Dezember 2009 London lahmlegten. Als der Track veröffentlicht wurde, nannte der „NME“ ihn einen „Schlachtruf für die Massen, ein Stimmungsbarometer der sozialen Unzufriedenheit“. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Lethal Bizzles Song seine Sprengkraft entfalten konnte.

Auf die August-Unruhen angesprochen, wundert sich Bizzle laut, warum bei den Obrigkeiten der Groschen erst jetzt gefallen sei – schließlich seien die sozialen Unruhen in den englischen Großstädten bereits seit Jahren greifbar gewesen. „Es passierte ja nicht aus heiterem Himmel“, sagte er dem „Guardian“. „Diesmal sahen die Kids einfach die willkommene Gelegenheit, die angestaute Wut rauszulassen. Denn in ihren Augen haben sie nun schon seit Jahren Scheiße fressen müssen.“

In den offiziellen Bewertungen der Krawalle kommt Grime bestenfalls als gefährliche Krawallmusik vor. Die Vorstellung, dass Premierminister Cameron überhaupt Kenntnis von diesem Genre hat – von Interesse ganz zu schweigen – ist völlig absurd. Dabei wuchsen gerade diese Musiker unter ähnlichen Umständen auf wie die Mehrheit der randalierenden Gangs. Sie wissen, wie es sich anfühlt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Sie kennen das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und je lauter stramm-konservative Politiker als auch Yellowpress-Journalisten, welche die „verderbliche Hass-Kultur der Rapmusik“

anprangern, nach Zensur schreien, weil Rap „die Unruhen nur befeuere“, desto energischer werden sich die Rapper zur Wehr setzen.

Auch wenn Twitter und Facebook in puncto Schnelligkeit und Unmittelbarkeit heute die ersten Protest-Träger sind, ist eine neue „Riot Music“ laut Bizzle nur eine Frage der Zeit. Ein, zwei Wochen nach Ausbruch der Unruhen hatten bereits mehrere Grime-Musiker ihre Statements aufgenommen und hochgeladen. Nicht zuletzt Reveal mit „I Predict A Riot“, der sich fleißig Samples des Originals der Kaiser Chiefs bediente.

Unabdingbar aber sei es, glaubt Buchautor Lynskey, dass sich auch Mainstream-Musiker an einer Aufarbeitung beteiligen. Sie seien es nun mal, deren Stimmen eine breite Öffentlichkeit erreichen. „Ich glaube, das Problem ist die Schere im Kopf: Viele Popstars möchten sich heutzutage einfach nicht lächerlich machen, möchten ihren Zuhörern nicht mit politischen Botschaften auf die Nerven gehen. Wenn man sich die Geschichte des Protestsongs in England anschaut, stellt man fest, dass die Bewegung 1976 begann, aber schon Mitte der Neunziger wieder verschwunden war. In den Achtzigern hielten es zahlreiche Popstars für ihre selbstverständliche Aufgabe, sich auch politisch zu engagieren. Selbst eine Synthie-Band wie Human League schrieb „The Lebanon“! Damals war es halt gesellschaftfähig. Inzwischen wagt sich jedoch niemand mehr aus seinem Loch – aus Angst, für einen politischen Song ausgelacht zu werden. Als 3G von Massive Attack seine Gedanken über die Unruhen postete, wurde er von allen Seiten angegriffen.“

Lily Allen hatte keine Hemmungen, ihre dezidiert linke Meinung zu den Unruhen drei Millionen Twitter-Followern kundzutun. Doch auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, auch einen politischen Song zu schreiben, antwortet sie: „Nicht wirklich. Meinen Songs fehlt dazu wohl die metaphorische Qualität. Es wäre eher eine Lachnummer, einen typischen Lily-Allen-Song zu diesem Thema zu hören – er klänge vermutlich wie ein misslungenes Musical. Aber ich denke schon, dass andere Musiker auf die Zustände in diesem Land – die Wirtschaft, die Unruhen, den Ärger mit den Studenten-Krediten – reagieren werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Echo auf sich warten lässt.“

Die Grime-Musiker, die den Sprung in den britischen Mainstream geschafft haben – Dizzee Rascal, Tinie Tempah, Chipmunk und Tinchy Stryder – werden sich einer gewissen Verantwortung für ihre ursprüngliche Szene kaum entziehen können. Aber womöglich liegt ihnen inzwischen ja mehr daran, Songs über ihr neues Leben in Privatjets auf Welt-Tourneen zu schreiben? Andererseits könnten sie diese Welt durchaus ein wenig verändern, wenn sie ihre Texte an jener Realität ausrichteten, die für die heutige Jugend in Großbritannien relevant ist.

Der Druck steigt mit jedem Tag, glaubt jedenfalls Lynskey: „Während des Arabischen Frühlings in Ägypten und Tunesien sind kraftvolle Songs entstanden. Nun ist es an der Zeit, dass sich auch britische Künstler zu den Vorgängen in ihrem Land artikulieren. The Clash taten es und die Sex Pistols auch. Die wirklich aufregenden Künstler in diesem Land – wer immer sie auch sein mögen – sollten sich aufgerufen fühlen, explizit politisch zu sein.“ Es muss sich zeigen, wie die britische Popmusik reagiert, die über Jahrzehnte auch für explizite Textaussagen stand. Ist Dorian Lynskey in dieser Hinsicht optimistisch? „Wir haben gar keine andere Wahl, als optimistisch zu sein.“   


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