Freunde im Leben, Perspektiven in der Provinz: Die Puhdys mit Rückenwind


TEUCHERN. Richard (52), der Bürgermeister, strahlt. Eben hat er den vor vielen Jahren in die Diaspora ausgezogenen Sohn seiner Gemeinde, Dorfschulklassenkumpel Peter, in die Arme geschlossen. Als ob das nicht schon Grund genug zur Freude wäre, hat Peter aus Berlin noch vier Freunde mitgebracht. Und gut 1000 Mann, fast Richards komplette Kommune, sind an diesem Samstagnachmittag zum Kirmesplatz gezogen, um den ungewöhnlichen Besuch zu beäugen: Puhdys ante portas in Teuchern bei Zeitz bei Weißenfels bei Genscher-Town Halle!

Zum Soundcheck prostet die bierbewußte Menge ihren Idolen erwartungsfroh zu. Punkt sieben erstürmt Gallionspuhdy „Maschine“ mit wirbelnder Gitarre und wehendem Langhaar die Openair-Bühne, im Schlepptau den gutmütigen „Quaster“ (2. Gitarre), Aktionsminimalisten Harry (Baß), Nesthäkchen Klaus (Keyboards). „Neue Helden“ braucht dieses Land, das ist nach den ersten unverkennbaren Riffs offensichtlich, jedenfalls nicht. „Wenn ein Mensch lebt“, so erinnert er sich in Deutschland Ost gern seiner — dank Puhdys-Falsett — unvergeßlichen Jugendweihe und des ersten Liebesspiels im „Sturmvogel“-Rhythmus.

Volkstribun „Maschine“ und“.Quaster“ liefern saubere Gitarrenarbeit, Harry zupft in der temperamentsprallen Tradition von Bill Wyman. Die Band schöpft aus übervollen Hit-Bornen zweier Jahrzehnte. Klar, daß einstige verbale Klein-Brisanz mancher Hymne von der Dynamik der Historie überrollt wurde, aber welchen Westentaschen-Puhdy im Publikum interessiert jetzt Literaturanalyse! „Was bleibt, sind Freunde im Leben“ — gut tut das dem Anlehnungsbedürfnis der Menschen eines Landstrichs, dessen Perspektive nur von Euphemisten als „risikobehaftet“ deklariert werden