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Genauso wie anders: Bericht aus einer Disco für Behinderte

16 Uhr, der Bass setzt ein und dreißig Armpaare schwirren durch die Luft über dem Dancefloor. Dann der Refrain, eine hochgepitchte Stimme schwärmt vom „Endless summer, endless summer“. Wer kann, singt mit so laut er kann. Eine Szenerie wie bei einer Hipsterparty, auf der ein sonnenbebrillter DJ zu frühspäter Stunde vom Vortag hängen gebliebene Dauerdruffis mit Eurotrash bei Laune hält. Doch dieser Song, einer der größten Hits von Scooter, ist der erste, der heute läuft. Die wild feiernden Menschen haben den Club eben erst betreten, sind stocknüchtern. Und nur wenige von ihnen verausgaben sich, um den eigenen Marktwert auf dem Bazar der Alleinstehenden zu erhöhen. Der jugendzentrumsartige Club ist Teil des Münchner „Löhe Haus“, einer Einrichtung für die Zusammenführung von Menschen mit und ohne Behinderung. Der 14-jährige David ist einer der begeistertsten Partygänger hier. Seine Art der Behinderung ist nicht genau zu bestimmen. Als Kind konstatierte ihm ein Arzt einen niedrigen IQ. Man vermutet, David trage Züge von Autismus und des Down-Syndroms, einer zu geistiger Beeinträchtigung führenden Genonmutation, dessen Träger in der Regel stark auf Musik ansprechen. Aber wie für jeden Menschen gibt es auch für David keine Anleitung. Worauf allerdings Verlass ist: Ihm wird schnell langweilig. Selten kann er sich länger als zehn Minuten mit einer Sache beschäftigen. 

Wenige Stunden bevor er über den Tanzboden fegt, bereitet er sich in seinem Kinderzimmer auf den Abend vor. Er lernt den Text seines Lieblingssongs, dem „Fliegerlied“ der bayerischen Stimmungskombo Donikkl und die Weißwürschtl auswendig, übt die Griffe des Stücks auf seiner Gitarre, damit er später fehlerfrei seine Luftgitarre bearbeiten kann. „Fünf ‚Milky Way‘ ess’ ich heute“, verkündet er seinen Schlachtplan für die Nacht, danach sei Schluss, er wolle schließlich seine schlanke Figur behalten. Es geht ihm wie den meisten Pubertierenden: „Mädchen finde ich sehr gut“, sagt er grinsend, fügt Casanova-Vermutungen zuvorkommend aber sofort hinzu: „Meiner Freundin bin ich treu.“ Steffi heißt sie, seit zwei Jahren seien sie zusammen, sagt David. Für sie hat er sich heute in Schale geworfen: Mit Anzug und Krawatte, die nur die Mama binden darf („Bei allen anderen Knoten bekommt er irgendwann Angst, der Kopf könne ihm vom Hals fallen“, sagt diese), lässt er sich von seiner Mutter in den Club chauffieren.



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