Kalifornien-Reportage

Auf „New Age“-Spurensuche: Ist die Säuselmusik besser als ihr Ruf?

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Als meine Beziehung auf dem Höhepunkt der Pandemie zerbrach, konnte ich plötzlich keine Musik mehr hören. Der Klang von Schlagzeug und Gesang fühlte sich an, als starrte ich direkt in die Sonne. Selbst meine Lieblingslieder wirkten auf mich wie aufbrausender Lärm. In probatorischen Therapiesitzungen diagnostizierte man mir eine depressive Episode. Ein typisches Symptom sei, dass Dinge, die einem früher Freude bereitet haben, plötzlich nichts mehr bedeuten. Dass Musik mich auf einmal nicht mehr berühren konnte, fühlte sich an, als sei ich mir selbst abhandengekommen. Oft lag ich stundenlang in völliger Stille in meinem Schlafzimmer, die Hände über dem Herz gefaltet wie eine einbalsamierte Mumie. Mit der Zeit stellte ich jedoch fest, dass es leise Klänge gab, die mich zumindest nicht irritierten. Durch Anti-Anxiety-Playlisten auf Spotify entdeckte ich Künstler wie Aeoliah, Steven Halpern, Suzanne Doucet und Liquid Mind, die der Streamingdienst als „New Age“ klassifiziert hatte. Viele Tracks waren kaum mehr als durchlässige Schleier. Sie enthielten nichts von der euphorischen Energie, die ich früher in Musik gesucht hatte. Schon vor meiner Depression hatte ich Brian Eno gehört, wenn ich nicht schlafen konnte. Doch diese Musik ging einen Schritt weiter. Die süßlichen Synth- flächen waren eher akustische Kuscheldecken als „akustische Möbelstücke“. Auf den Covern waren Engel abgebildet oder Delfine oder Delfine mit Engelsflügeln, die in regenbogenfarbene Universen entschwebten. Die Titel lauteten „Intergalactic Lullaby“ oder „Reiki Hands Of Light“. Früher hätte ich so einer Zusammenballung von Klischees keine 30 Sekunden gegeben. Jetzt ließ ich mich stundenlang davon berieseln.

New Age ist vermutlich das letzte Tabu für einen Musik-Nerd wie mich. Kein anderes Genre ist aufgrund seiner esoterischen Klangästhetik so diskreditiert. Brian Eno sagte einmal, das Problem mit New Age sei, dass es keine Spur von Bösem mehr enthalte. Lounge-Musik für Himmelspforten.

„Wenn du Musik machen willst, die Menschen entspannt, nennst du es Ambient. Wenn du Menschen ohne Geschmack Dreck verkaufen willst, nennst du es New Age“, beschreibt der amerikanische Musikkurator und New-Age-Experte Douglas McGowan den nach wie vor herrschenden Konsens gegenüber New Age. Und doch konnte ich nicht leugnen, dass diese Musik etwas mit mir machte. Sie besänftigte mich. Sie gab mir Hoffnung: Dass der Schmerz eines Tages nachlassen würde. Dass mir die Musik nicht komplett verloren gegangen war. Lag es an meiner Sehnsucht nach innerer Ruhe, dass ich plötzlich offen war für musikalische Sedierung und spirituelle Versprechen?

Wahllos begann ich mich mit erleuchtender Literatur zu beschäftigen, von Helena Blavatsky bis Eckart Tolle. Versprechungen fand ich dabei viele: Die Auflösung des Ego. Ein Leben im Licht. Die Allgegenwart des Göttlichen. Die Erkenntnis, dass nur das Hier und Jetzt existiert und der Tod eine Illusion ist. Besonders fesselte mich die Aussicht, dass mein Schmerz ein Tor zum Erwachen sein könnte. Die Amerikanerin Pema Chödrön, die nach einer traumatischen Trennung zur buddhistischen Nonne geworden war, hatte ein ganzes Buch darüber geschrieben. Den Titel hatte ich beim selbstmedikativen Googlen entdeckt: „Wenn alles zusammenbricht“.

Doch am Ende blieben alle Lehren nur Worte. Erst die Unmittelbarkeit der New-Age-Musik gab mir eine Ahnung, dass hinter ihnen eine tiefere Wahrheit stecken könnte. Was war Musik überhaupt? Als Musikjournalist schrieb ich seit Jahren über Musiker und musikalische Trends, ohne diese Frage ansatzweise zu streifen. Hatten die New-Age-Musiker vielleicht recht, wenn sie Musik als spirituelles Werkzeug begriffen? Hatten sie ein Wissen, mit dem sie tatsächlich im Stande waren, Menschen zu heilen – mich zu heilen?

Wie Suzanne Doucet zur Gatekeeperin des New-Age-Genres wurde

Noch ohne einen Schimmer, wem ich einen Artikel über dieses stigmatisierte Genre verkaufen könnte, kontaktiere ich die in Kalifornien lebende New-Age-Musikerin Suzanne Doucet. Ihre Geschichte hatte mich auf Anhieb beeindruckt. In den 60er-Jahren war sie ein deutscher Teenie-Superstar gewesen. Inszeniert als Backfisch mit Bubikopf, landete sie Nummer-eins-Hits wie das Ronettes-Cover „Sei mein Baby“. An der Seite von Showbiz-Größen wie Hans Clarin moderierte sie Musik- und Kindersendungen und stellte dem deutschsprachigen Publikum dabei auch einen Newcomer namens David Bowie vor. Jeder, der in Deutschland, Österreich und der Schweiz über ein TV-Gerät verfügte, kannte ihr Gesicht. Ende der 70er-Jahre entschied sich die gebürtige Tübingerin, die mittlerweile selbstgeschriebene Chansons sang, in die USA auszuwandern und sich ganz dieser Instrumentalmusik zu widmen, für die sich gerade der Begriff New Age zu etablieren begann. In L.A. eröffnete sie im hippen Melrose Distrikt den weltweit ersten Plattenladen, der sich ausschließlich auf New Age spezialisierte und zu dessen Kunden Celebrities wie Prince und Sylvester Stallone gehörten. Doucet wurde zu einer der wichtigsten Gate-Keeperinnen des Genres. Sie vernetzte und veröffentlichte Künstler auf ihrem „Isis“-Label und bekam von Hollywood den Auftrag, eine New-Age-Kategorie für die Grammys zu entwerfen. Was hatte sie in dieser Musik gesehen, dass sie ihre Karriere in Deutschland aufgab? Nach einem kurzen Mail-Austausch verabreden wir uns für ein Gespräch auf Zoom.

„Ich hatte damals die halbe Welt bereist. Es war Zeit für mich, den Weg nach innen anzutreten“, erzählt mir Doucet von ihrem Zuhause in den Hollywood Hills. Ihren spirituellen Pfad habe sie bereits als Kind angetreten. Ihr Vater, Friedrich-Wilhelm Doucet, war Schüler von Carl Gustav Jung und hatte zahlreiche Bücher über Traumdeutung und Parapsychologie geschrieben. „Er war ein Freigeist. Wir haben viel über diese Dinge geredet.“



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