Greg Graffin über Wissenschaft


Mit Bad Religion gehört Greg Graffin zu den Punk-Veteranen der amerikanischen Westcoast. Als Hochschuldozent und Buchautor beschäftigt er sich mit dem produktiven Chaos der Evolution. Eine ungewöhnliche Kombination? Nicht für ihn.

Greg, Ihr neues Buch heißt „Anarchie und Evolution – Glaube und Wissenschaft in einer Welt ohne Gott“. Darin stellen Sie klar, dass Sie kein Atheist sind, sondern ein Naturalist. Warum ist das wichtig?

Das Wort „Atheist“ bezeichnet nur den Unglauben. Es sagt nichts darüber, was du glaubst. Ich verurteile niemanden, der sich einen religiösen Reim darauf macht, was ihm im Leben oder der Natur begegnet.

Und woran glaubt der Naturalist?

An das, was bewiesen werden kann. Gibt es einen Beweis, kann sich jeder darauf einigen. Die wissenschaftliche Methode ist entscheidend. Es werden die Karten auf den Tisch gelegt. Ist etwas evident, kann man sich darüber nicht streiten. Die Bedeutung, die meine Familie und meine Freunde für mich haben, braucht keinen Beweis. Aber das ist etwas anderes, als das Problem der globalen Erwärmung oder der Überbevölkerung zu lösen. Diese Dinge gehören in die Wissenschaft.

Sie singen nicht nur bei Bad Religion, Sie sind Dozent an der Universität. Wie geht das zusammen, Punk und Akademie?

Ich war schon in der Schule ein ziemlicher Nerd. Wissenschaft hat mich interessiert, weil es eine Suche nach Metaphern ist. Ein wissenschaftlicher Weg, den Sinn des Lebens zu suchen, anstatt der traditionellen religiösen Erzählung. Wissenschaft war eine Inspiration, nicht nur für meine Weltsicht oder, wie man auf Deutsch sagen würde: meine „Weltanschauung“. Es lieferte auch gute Metaphern für mein Songwriting und meine Texte. Songs von Bad Religion waren immer schon philosophisch. Wir hatten schon als Teenager das Glück, mit zeitlosen Themen in Kontakt zu kommen. Nur so kann man in einer Band mit Würde altern, wenn man sich nicht für frühe Songs schämen muss.

Sie leben an der Kreuzung von Kunst und Wissenschaft. Was verbindet beide Welten?

Schwierige Frage. Der Prozess, der zur Kunst führt, gleicht der Art und Weise, wie Evolution funktioniert.

Wie das?

Die Kreativität, die du spürst, wenn du wahre Kunst machst, ist nicht geplant. Die großen Meisterwerke in der Geschichte waren überraschend. Wir hätten sie niemals vorhersagen können. Sie waren Überraschungen wie jene, die wir erleben können, wenn wir rausgehen und die Natur studieren. Egal was, von subatomaren Partikeln bis zur Biodiversität in einem tropischen Regenwald. Wir sind überrascht über das, was wir finden, weil wir es nicht erwartet haben.

Unterscheidet sich der Lebensstil des Punkrockers von dem des Uni-Dozenten?

Nicht unbedingt. Ich beschreibe das auch kurz im Buch. Eine Anekdote über eine Expedition im Amazonasbecken. Das lässt sich durchaus mit der Tournee einer Punkband vergleichen. Beide Unternehmungen sind abenteuerlich, weil man rausgeht und neue Sachen entdeckt, fremde Länder, unerwartete kulturelle Vielfalt …

Wissenschaft findet aber selten im Dschungel statt, sondern in Bibliotheken und Hörsälen.

Wenn ich auf der Bühne vor einer Menge stehe und Punkrock mache, fühlt sich das manchmal an, wie vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten.

Inwiefern das?

Es werden Informationen geteilt. Hoffentlich werden die Leute ein wenig zum Denken provoziert. Und hoffentlich teilt man gemeinsam eine angenehme Erfahrung.

Eine spirituelle Erfahrung?

Ja. Wir sprechen in der Wissenschaft nicht gern vom „Geist“, weil wir ihn nicht messen können. Ich würde auch die religiöse Variante nicht unterschreiben wollen. Aber wenn ich vor dem Publikum stehe, empfinde ich eine ähnliche spirituelle Verbindung, eine Resonanz. Immerhin kennen wir uns schon seit 30 Jahren. Und ganz ähnlich ist es, wenn ich im Dschungel arbeite und dort auf eine Gemeinschaft von Organismen treffe, mit denen mich ebenfalls eine Verwandtschaft verbindet, auch wenn diese Verwandtschaft viel, viel, viel, viel älter ist als die zu meiner Familie oder meinen Freunden.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Ich habe Autorität immer infrage gestellt.“ Als Dozent müssen Sie doch aber eine Autorität sein. Ist das nicht ein Widerspruch?

Stimmt. Es gibt eine wissenschaftliche Autorität. Meine Theorien sind immer nur so gut wie die Beweise, die sie stützen. Arno Frank

Greg Graffin wurde 1964 in Wisconsin geboren. Seine Jugend verbrachte er abwechselnd dort und in Kalifornien, wo er vor 30 Jahren die Punkband Bad Religion gründete. 2003 erwarb er an der Cornell University bei New York seinen Doktortitel. Thema: Evolutionsbiologie. 2008 wurde ihm von der Harvard University der renommierte „Rushdie Award For Cultural Humanism“ verliehen.