Hurricane-Sonntag: Bands und Fans in der Regenschlacht

Auf Sonne folgt Regen. Irgendwann muss man einfach damit rechnen, dass es regnet, auch in Scheeßel. Die Wettervorhersage vor Festivalbeginn war ja schon nicht ganz eindeutig. Viele Wetterberichte sagten viele verschiedene Witterungsverhältnisse voraus. Gestern war’s egal, was die anderen sagen: der erste Blick aus dem Fenster machte deutlich, dass man es an diesem Tage mit diesem berechenbaren Dauerregenen zu tun hat. Das bedeutet nicht mehr, als dass es einfach dauerhaft schüttet, meistens in gleicher Stärke, manchmal ein bisschen doller und eventuell auch mal kurz weniger – aber es wird keinen Moment geben, an dem man nicht wenigstens an den Regen denkt.

Als man gegen frühen Nachmittag das Festivalgelände betrat kamen sie einem entgegen – die Telekom-Männchen und -Weibchen in pinken Einwegcapes. Die wollten einem keinen Vertrag andrehen oder fragen, wie schlecht das Handynetz auf einer Skala von 10-10 ist, wenn 10 „ sehr schlecht“ ist. Die wollten sich einfach nur schützen vor den Wassermassen, die den Besucher einnässten wie eine Dusche am morgen und die das Festivalgelände in ein Schlammbecken verwandelte.

Kooperation

Kraftklub wollten – obwohl sie auf der eher abgelegenen Red-Stage auf dem Gelände spielten – wie immer nicht nach Berlin, und der Regen war erstmal egal – wenn Kraftklub kommen, sollte man sich benehmen können, und zwar wie ein Fan, und das tat man dann auch. Beispielsweise so vorbildlich wie ein Mädchen, dass ihren Freund nahezu nötigte, sie auf seine Schulter zum Hit „Songs Für Liam“ zu nehmen: „Alter ich mach dich schon nich‘ nass“. Diese Zuversicht – oder sagen wir mal: dieses blinde Vertrauen – konnte man zwar nicht allen nachsagen, aber es war zu finden. Auch wenn Kraftklub an der Red-Stage wohl die treusten Fans zu sich locken konnte, die hinteren Reihen mussten sich damit abfinden, dass Sturm und Regen die Songs irgendwo hin trugen, aber nicht immer direkt ins Ohr. Abgelöst wurden Kraftklub von dem Hamburger Duo Boy mit Valeska Steiner und Sonja Glass, bei denen der Himmel tatsächlich ein wenig aufklärte, aber auch schnell wieder in seine alten Regen- und Sturmmuster verfiel. Ähnlich erging es Die Antwoord aus Südafrika, die aber zumindest gleich wetterfest auftraten: in ihren orangenen Anzügen sahen sie aber eher aus wie ein Sicherheitstrupp aus der radioaktiven Zone.

Bei The-Shins-Sänger James Mercer kamen derweil Erinnerungen an die Zeit auf, in der er in Deutschland lebte und aufwuchs. Erinnerungen? Natürlich wegen des Wetters. Wahrscheinlich erinnerte er sich auch daran, dass es an Tagen wie diesen wirklich wenig Gründe gibt, wieder zurückzukehren nach Deutschland – auch wenn die deutschen Fans tapfer zu seinem Set tanzten und jubelten, dass sich hauptsächlich aus alten Songs, aus den Alben „Oh, Inverted World“ und „Chutes To Narrow“ zusammensetzte. Als hätten sie sich nur die Rosinen wie beispielsweise „Simple Song“ aus dem neuen Album „Port Of Morrow“ herausgepickt. Spätestens bei dem Shins-Überhit „New Slang“ war das Gefühl von damals wieder das von heute.

Währenddessen wurde es auf der Green-Stage irgendwie fast gemütlich und intim – das kann nur von ganz innen gekommen sein, dieses Gefühl. Schließlich war man unter tausenden Menschen, die sich auf die Hamburger Band gefreut haben. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Kettcar den Himmel anscheinend beschworen haben und die Wolkendecke aufriss, um der Sonne Platz zu machen. Kettcar fühlten sich sichtlich fehl am Platz und daher genau richtig. So bat Sänger Marcus Wiebusch denn Kameramann einfach mal den Boden zu filmen, damit die Fans mal verstehen, was da gerade passiert: Kettcar stehen auf der gleichen Bühne wie zuvor beispielsweise The Cure, so zeigte es das beschriebene Gaffa, auf dem das Helden-Synonym „The Cure“ mit Edding geschrieben wurde. Auch Kettcar konzentrierten sich auf eine Hit-Mischung, die die Aufschreie bei den ersten Akkorden garantierte – Songs wie „48 Stunden“, „Landungsbrücken Raus“ und am Ende den Kettcar-Schmusesong „Balu“ zum ausklingen. Sie waren eigentlich die Glücksband des Tages, weil sie die einzige war, die von der Sonne unterstützt wurde.

Im Anschluss übernahmen The Kooks – nur leider nicht das Wetter. Man erinnere sich an den Dauerregen. Sänger Luke Pritchard kam schon mit überweitem Pulli und dickem Schal auf die Bühne. Da sich seine Stimme eigentlich normal anhörte und ein bisschen näseln seinem Stimmnaturell entspricht, könnte das eine Präventiv-Maßnahme gewesen sein. Der Besucherraum war voll und die Massen durften sich über viele Inside/In-Inside/Out-Songs freuen.

New Order mussten, wie die Sportfreunde Stiller am Freitag, parallel zum Fußballspiel von England gegen Italien auf die Bühne. Für den bekennenden Fußball-Fanatiker Bernard Sumner muss das die Hölle gewesen sein. Da war die „Fußballworld in Motion“, aber New Order haben davon nicht viel mitbekommen. In Anbetracht des Spielergebnisses ist das ja vielleicht auch besser so. Mit aufwendigem Bühnenbild starteten sie kurz nach dem Headliner Die Ärzte. Konfusion: New Order mussten sich damit abfinden, dass die meisten Festival-Besucher Die Ärzte sehen wollten, dafür aber eine Menschentraube hartgesottener New-Order-Fans vor der Bühne stehen hatten. Beirut, die auf der Red-Stage performten, mussten sich allerdings damit rumplagen, dass ihre Nachbarn New Order das Volumen so aufgedreht haben, dass sie den Balkan-Indies ein bisschen in die Quere kamen. Aber auch am dritten Abend waren die Hurricane-Besucher so flexibel, dass das ausgeblendet werden konnte.

Und dann war es endlich so weit:

Mit „Hip Hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar“ betreten die Ärzte – Headliner des Abends – um kurz vor zehn dann die Bühne. Zwanzig Minuten zu spät, was Farin Urlaub dann jedoch gleich bei der ersten Ansage erläutert. So wären keinerlei Rockstar-Allüren oder dergleichen Schuld an der Verzögerungen, sie hätten hinter der Bühne auch im Regen gewartet, vielmehr wäre ein „ Arschloch-Problem“ schuld. Und genau wegen dieses „ Arschloch-Problems“ würden sie sich jetzt auch nicht mehr vorschreiben lassen, wann sie die Bühne wieder zu verlassen hätten, ergänzte Bela B. Tatsächlich waren es im Folgenden dann knappe zweieinhalb Stunden, bis die Ärzte zur Verbeugung ansetzten und als letzter Act auf dem Gelände die Bühne verließen.

Bis dahin spielten sie sich einmal quer durch ihre Schaffensperioden – Bela B. einmal mehr im fledermausartigen Kostüm, die Schlagzeugsticks reihenweise am Rücken, Farin Urlaub mit Teetasse in der Hand und Rod Gonzales schweigsam, wie man es von dem ‚ewig Neuen‘ im Bunde nicht anders kennt. Vom neuen Album gab es im Folgenden dann „Bettmagnet“ , „Tamagotaschi“, „ZeiDverschwÄndung“, „Ist das noch Punkrock“ und den „Waldspaziergang mit Folgen“ – Songs, die zwar nach der Veröffentlichung von „auch“ nicht überall gut ankamen, nun aber durchweg aus vollen Hälsen mitgesungen wurden.

Ansonsten mischte das Trio Standardelemente wie „Schrei nach Liebe“, „Ein Sommer nur für mich“, „1/2 lovesong“ und „Junge“ mit einigen Liveraritäten wie „Anliese Schmidt“, „Rettet die Wale“ oder auch „Der lustige Astronaut“. Nach einem Zugabeblock verabschiedeten sie sich dann um kurz vor Mitternacht mit dem obligatorischen, auf zehn Minuten ausgedehnten „Zu spät“. sowie ein wenig Eigenwerbung für die Tour. Auf der sie selbstverständlich komplett nackt spielen würden.


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