Interview mit Ton Steine Scherben


Seit über einem Jahr gibt es die Berliner Agitrock-Gruppe TON STEINE SCHERBEN. Zahlreiche Auftritte im ganzen Bundesgebiet, die Single "Macht kaputt, was euch kaputt macht" und die LP "Warum geht es mir so dreckig?" haben die 4-Mann-Formation bekannt gemacht. Grund genug für uns, TON STEINE SCHERBEN in Berlin zu besuchen.

Was beabsichtigt Ihr mit eurer Musik zu erreichen?

Wir wollen Probleme veröffentlichen und Misstände aufdecken. Vorher, d.h. seit 1966 haben wir englisch gesungen, was jedoch unheimlich frustrierend war, weil die meisten Leute entweder kein Englisch verstehen, oder sich nicht die Mühe machen, zuzuhören. Wir halten die Aussage für sehr wichtig und haben deshalb begonnen, deutsche Texte zu interpretieren. Deutsche Texte sind zu 90 Prozent sehr schwach.

Warum?

Weil sie die Probleme der Leute nicht treffen, sondern knallhart daran vorbeigehen. Wir haben im Berliner Arbeiterviertel Kreuzberg gewohnt und wurden, weil wir selber Lehrlinge waren, von den gleichen Problemen berührt, wie unser Publikum. Das hat die Sache vereinfacht. Eine Zeitlang arbeiteten wir mit dem Hoffmann’s Comic Theater. Das hat die gleiche Entwicklung durchgemacht, wie wir. Auch hier wurde anfangs nicht deutsch gesungen, es handelte sich um eine rein emotionelle Angelegenheit. Erst als man begann, deutsche Texte zu schreiben, nahm das ganze eine konkrete Form an. Es entstand das Singspiel „Rita und Paul“, aus dem auch unsere Single „Mach kaputt.. . .“ stammt.

Eure Musik ist nicht unterhaltend, sondern ihr verfolgt eine ganz bestimmte politische Richtung. Wie sieht eure Arbeit aus?

Am wichtigsten ist der Kontakt zu den Jugendlichen. Wir spielen in Betrieben, führen anschliessend Diskussionen mit den Leuten und wenn wir Probleme sehen, versuchen wir zu helfen. Die Atmosphäre bei unseren Auftritten ist meist ziemlich aggressiv. Die Leute entwickeln eine bestimmte Art von Solidarität. Die Probleme, die bisher bei den meisten anonym waren, die sie lange genug verdrängt oder ganz einfach runtergeschluckt hatten, werden bei unseren Auftritten konkretisiert und offen besprochen. Oft bewegen wir die Leute hinterher dazu, etwas zu tun, zum Beispiel eine spontane Demonstration oder eine Hausbesetzung.

Habt Ihr damit schon Erfolge erzielt?

Ja. Ein grosses Problem sind die in den meisten Städten nicht vorhandenen Jugendzentren eine Forderung, die wirklich gerecht ist. Statt dessen flippen die Leute auf der Strasse nun. Ein gutes Beispiel ist die Aktion Kreuzberger Jugendzentrum. Eine Initiativgruppe, bestehend aus Studenten und Arbeitern, hatte sich eine Etage in einer leerstehenden Fabrik gemietet. Bei der grossen Anzahl von interessierten Jugendlichen in Berlin ist eine Etage jedoch absolut zu wenig. Nach einer Musikveranstaltung in der alten Mensa haben wir die Leute dazu aufgerufen, die ganze Fabrik in Beschlag zu nehmen, was auch geschehen ist. In der Nacht wurden wir alle von der Polizei rausgeholt und eingesperrt. Am nächsten Morgen kam der Polizeipräsident höchstpersönlich und hat sich in aller Form entschuldigt, denn die Aktion war eigentlich widerrechtlich, da keine Anzeige wegen Hausfriedensbruch oder dergleichen vorlag. Nachdem wir ihm unsere Forderung unterbreitet hatten, zeigte er sich nicht abgeneigt, im Gegenteil, er schlug sogar vor, eine Bereitschaftstruppe der Polizei solle beim Renovieren helfen. Dieses Angebot wurde von den Jugendlichen dankend abgelehnt. Später hat man ihnen zugestanden, dass sie die ganze Fabrik bekamen. Heute macht man dort Theater, Musik und es gibt sogar ein Fotolabor. In Diskussionen werden bestimmte Probleme artikuliert, die von den staatlichen Behörden immer noch unterdrückt werden. Die Jugendlichen waren sehr froh, endlich einen Treffpunkt zu haben, der sich von anderen derartigen Einrichtungen vor allem dadurch unterscheidet, dass der Senat seine Finger nicht im Spiel hat und man ganz unter sich ist, ohne fürsorgliche Aufsicht. So etwas sollte es in allen Städten geben.

Was gibt es über eure Platten zu sagen?

Unsere Platten sind Eigenproduktionen, was sowohl Vor-, als auch Nachteile mit sich bringt. Das Problem ist der Vertrieb, denn wer unsere Platten beziehen will, muss einen ziemlich umständlichen Weg gehen. Dass der Verkauf trotzdem so gut läuft, ist deshalb ein doppelter Erfolg. Der Vorteil liegt darin, dass wir auf niemanden angewiesen sind und machen können, was wir wollen. Deshalb haben wir trotz mehrfacher Angebote nicht vor, uns einer Plattenfirma anzuschliessen. Wir wollen so weitermachen, wie bisher und das können wir nur, solange wir selbstständig sind. Viele Briefe von Jugendlichen aus ganz Deutschland haben uns bewiesen, dass eine Resonanz da ist, dass wir das richtige Medium gewählt haben.