Kurz & Klein


Wenn es Thurston Moore, dem Sonic-Youth-Gitarristen, zu wohl ist, veranstaltet er mit Freunden einen kleinen Freejazz-Avantgarde-Noise-Wahnsinn. THE first original silence (Smalltown Superjazzz/Rough Trade) des Projekts Original Silence (u.a. mit Jim O’Rourke und dem Saxophonisten Mats Gustafsson) hat zwei live aufgenommene Stücke (Italien 2005, 14 und 46 Minuten lang) mit, ja, Freejazz-Avantgarde-Noise-Wahnsinn. Bobby Bare Jr ist der Sohn von Country-Legende Bobby Bare. THE longest meow (Hazlewood/Indigo), das neue Album von Bobby Bare Jr’s YoungCriminals Starvation League ist ein wohlgeratener Bastard aus verzerrtem Southern Rock, Country in gut und einer kleinen Prise ge fühltem Punk-Spirit.

Bei Jeremy Warmsley, einem 23-jährigen Londoner, und seinem the ART OF fiction (Inkubator/Soulfood) ist sich der Rezensent nicht ganz so sicher, ob es sich um die „neue Singer/Songwriter-Hofmung“™ handelt, oder einfach um einen, der Belle & .Sebastian’schen Wohlklang mit ein paar „Ungewöhnlichkeiten“ aus dem Laptop garniert, damit ihn die Leute dann für die „neue Singer/Songwriter-Hoffnung“™ halten.

Da ist dem Münchener Trikont-Label echt was mit hohem Novelty-Faktor durch die Lappen gegangen. Die Musik zum Film „Bejing Bubbles“, einer Doku über die undergroundige Underground-Musik-Szene in Peking. Auf „Bejing Bubbles – Soundtrack“ (Fly Fast Records) spielen Bands mit Namen wie Hang On The Box, New Pants, Car-Sick Cars und Wang Fang trashy, noisy, Punk- und Garagen-Rock inkl. Jimi-Hendrix-Cover („Foxy Lady“). Da können sich Low warm anziehen, wenn sie hören, was ihre Labelmates Handsome Fürs auf ihrem Debüt plague park (Sub Pop/Cargo) veranstalten. Dan Broeckner, hauptberuflich Sänger von Wolf Parade, und seine Verlobte, die Schrifstellerin Alexei Perry, treiben die Idee des Minimalismus mit maximaler Wirkung auf die Spitze. Nur mit Gitarren, Drum Machine und Beatbox codieren sie die Melancholie um in mal zornige, mal hymnisch-krachende feedbackgetränkte Musik.

Das ist ja ein Ding. Bucky Jonson, so werden die Promobeauftragten dieser Band nicht müde zu betonen, ist eine Gruppe, die aus Mitgliedern der Backing Band der Black-Eyed Peas besteht. Das Album heißt folgerichtig THE band behind THE front (BBE/Rough Trade) und hat mehrheitlich muckerhaft perfekt gespielten Oldschool-Funk straight outta Paisley Park. Und Fergie darfauch einmal singen.

Das nennt man dann wohl „overacting“, was Great Lakes auf ihrem dritten Album DI AMOND TIMES (Track And Field/ Rough Trade) praktizieren. Die Psych-Indie-Pop-Band aus Brooklyn will endlich eine richtige Rock-Band sein mit einem relativ breitwandigen Gesamteindruck, Pedal Steel Gitarre, Saxophon und fetten Gitarren. Wie Green On Red mit Klarlack überzogen.

Gut, dass 120 Days mit 120 days (Smalltown Supersound/ Rough Trade) als Nächstesauf dem Stapel liegen. Das ist wunderbare Ohrenfreimachungsmusik. Vier junge Norweger bringen den Synthesizer zum Rocken. Nicht so, wie du jetzt denkst. Eher wie eine immer noch ihrer Zeit voraus seiende Ausgabe von Trans Am .Diese Musik ist sicherlich postirgendwas und prä-irgendwasanderes, hat aber auch was von Neu! und anderen guten Krautrockern sowie von den britischen Acidfressern der mittleren 8oer-)ahre gehört. Ende der goer-Jahre traten Wheat mit ihrem shoegazenden Alternative-Rock in eine Szene ein, die davon längst nichts mehr wissen wollte. Das vierte Album der Band aus Massachusetts mit dem einprägsamen Titel EVERYDAY I SAID APRAYERFORKATHY AND MADE A ONE INCH SQUARE (Ever Records/Rough Trade) hat voll ambitioniert gespielten, sphärischen Mädchen-Indie-Rock, der dir auch gefallen könnte, wenn du kein Mädchen bist, dir aber Death Cab For Curie gefällt.

Die Schweden Amadine spielen auf sol ace in sore h ands (Fat Cat/PIAS/Rough Trade) wunderbar-versponnenen Zeitlupen-Neo-Folk(-Rock), der außerhalb der USA nur noch in Schweden praktiziert wird. Hier geben sich molltönende Celli und hymnenruft aufgetürmte Gitarren die Klinke in die Hand. Wem dabei Handsome Fürs und Jason Molina in den Sinn kommen, liegt gar nicht so falsch. Bei Priestbird handelt es sich um ehemalige Mitglieder der im Streit dahingeschiedenen Tarantula A.D. Sie haben sich zusammengerauft und IN YOUR TIME (Kemado/Rough Trade) für das immer wieder aufs Neue überraschende Kemado-Label aufgenommen, das am besten so beschrieben werden kann: Die Musik klingt genau wie die von Tarantula A.D. Oder so: Die Musik klingt völlig anders als die von Tarantula A.D. Bombastischer, spinnerter, folkbeeinflusster, psychedelischer Prog-Rock ohne Akademiker-Stöcke im Arsch. Bleiben wir noch ein bisschen. Bei Kemado. Und wenden uns Danava aus Portland, Oregon, zu. Das Debüt DANAVA (Kemado/Rough Trade) ist voll von schwerem, komplexem Psych-Rock mit hochgradiger Proganmutung. Oder versuchen wir es so: wie wenn sich die Glitter Band Ozzy Osbourne als Sänger geholt hätte, der vorher ein paar Trips geschmissen hat, die für Iron Butterfly bestimmt waren. Gettit? Jetzt reicht’s aber auch mit dem Psycho-Zeug. Das ist mal wieder Wüstenrock reinsten Oasenwassers und ohne den Zwang, Stadien rocken zu müssen, den der Ex-Kyuss– und Ex-Fu-Manchu-Mann Brant Bjork als Brant Bjork And The Bros mit somera söl (Duna Records/ Cargo) da absondert. Furztrockener Rock mit doomgetränkten Black-Sabbath-Gitarren im Hinterkopf, Musik, jenseits des übersexualisierten QOTSA-Gerockes. Jetzt wollen uns die Franzosen weismachen, dass sie auch was von 8oer-Jahre-Neo-Wave-Pop verstehen. The Film und ihr Debüt THE FILM (Atmospheric/Aiive), dasbei unseren Nachbarn schon 2005 erschienen ist, wird jetzt bei uns veröffentlicht. Ein bisschen sehr um Überdrehtheit bemühter Franz-Ferdinand-Art-Brut-Rock mit leichtem Elektroeinschlag. Könnte klappen, wenn die nurnichtaus Frankreich wären.

Eine seltsame Musik, die irgendwo im R’n’B verwurzelt ist, spielen The Student Body Presents auf A RTS & sei -ENCES (Phazzadelic/Groove Attack), die schon mit ihrem Semi-Hit „Boxes“ im vergangenen Jahr ein bisschen Aufsehen erregten. Future-Soul-HipHopmitSigue-Sigue-Sputnik-Geschwindigkeit ins All geschossen und als kunstinfizierter Downtown-Manhattan-Talking-Blues mit Seat-Gesang wieder auf der Erde gelandet. Amen.