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🔥Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Madonna live in Berlin 2012: Die AK 47 zwischen den Beinen

Der erste Blick fällt auf eine unheildräuende Kathedrale. Im Zentrum ein gigantisches Kruzifix. Mönche in blutroten Kutten läuten die Glocke. Ein monströses Weihrauchfass schwingt benebelnd hin und her. Drei Priester in üppigen Gewändern fahren aus dem Bühnenboden und singen getragen „Ma-ha-don-na“. Es ist bereits Viertel nach Zehn. Madonna hat ihre Berliner Fans ganz schön lange warten lassen auf ihre Show. Mehr als eine Stunde ist seit dem Vorprogramm des französischen House-DJs und Madonna-Produzenten Martin Solveig vergangen. Es gibt lautstarke Buhrufe.

Endlich erklingt aus dem Off eine Stimme: „O My God!“ sagt Madonna. Immer wieder. Und beichtet vorsorglich schon mal alle ihre Sünden. Schließlich entsteigt die amtierende  Königin des Pop einer Art Reliquienschrein und eröffnet am späten Donnerstagabend in der mit 13.100 Besuchern prall gefüllten O2 World zu wummernden Beats ihre neue Bühnenshow mit „Girl Gone Wild“.   

Kirche, Erotik und Rollenspiele jeglicher Art sind Madonnas Lieblingsthemen. Genauso präsentiert sie sich auch in ihrem Tournee-Programm „MDNA“, eine Anspielung übrigens auf die Partydroge MDMA. Scharenweise wollten Madonna-Fans ihre Konzertkarten auf e-bay und andernorts loswerden, nachdem klar geworden war, dass dieser Donnerstag ein Fußball-Pflichttermin war.

Während der Rest der Nation draußen die zweite Halbzeit des EM-Dramas Deutschand-Italien verfolgt, schreitet Madonna ganz in Schwarz, drahtig, durchtrainiert und kontrolliert bis in die Stiefelspitzen das weite Spielfeld ab, das fortan zu ihrem ganz persönlichen Dancefloor wird.

Die Mönche haben sich längst ihrer Kutten entledigt und stellen ihren Waschbrettbauch in wilder Choreographie zur Schau. Was hier für die nächsten gut zwei Stunden über Berlin hereinbricht, ist eine rauschhafte Revue, bei der Madonna nicht in alten Erfolgen badet, sondern einmal mehr als Entertainerin auf der Höhe der Zeit verstanden werden will. Wohl deshalb prägen gleich acht Stücke vom neuen, gar nicht mal so gelungenen Album „MDNA“ die Show.

Die Frau kommt langsam in eine Zwickmühle. Seit gut 30 Jahren steht sie mittlerweile im Rampenlicht. Sie wusste stets durch gezielte Provokationen, mal sexueller, mal politischer Natur, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie hat seit ihrem ersten Nummer-1-Hit „Like A Virgin“ von 1984 immer schneller als andere die Trends der Zeit erkannt und sie für sich und ihre Musik umgemünzt.



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