Neil Young live in Köln

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Als sich am Freitagabend im warmen Sonnenlicht die ersten Fans vor der Bühne am Kölner Tanzbrunnen zum Open Air sammeln, könnte man meinen, man wäre weit und breit der einzige 17- Jährige unter zehntausend Neil Young-Fans. Die Bühne gleicht einer Rumpelkammer. Es gibt eine Windmaschine, ein zerschundenes Klavier, einen geschnitzten Häuptling, und es sieht aus, als nehme Neil Young den Inhalt seiner Scheune mit auf Tour.Die Fans sowie Neil sind alt geworden. Beim Blick durch die Menge fallen einem sofort die Young-Liebhaber ins Auge. Neil Young hatte schon immer sein eigenes Klientel. Langhaarige, vollbärtige Fanatiker in Holzfällerhemden und Langzeit-Hippies sind in der Überzahl. Es scheint, als wären sie schon dabei gewesen, 1969, in Woodstock, und man spürt, wie sich Melancholie und das Zurücksehnen nach der guten alten Zeit im Publikum breit macht.Doch bevor sich der leibhaftige Meister die Ehre gab, holte der deutsche Singer/Songwriter Michels, dessen Ansagen zwischen Übermut, Selbstironie und vollendetem Wahnsinn oszillierten, die Zuschauer in die Realität zurück. Als dann endlich Gitarren- Techniker Larry Cragg, der schon fast mit frenetischem Jubel begrüßt wurde, die Bühne betrat, stieg der Glückshormonspiegel wieder an und man wusste, warum man gekommen war.Und plötzlich stand er da, als ob er nie weg gewesen wäre. Neil Young, Godfather of Grunge, lässig und cool mit schwarzer Sonnenbrille, umgeben von seinem ewigen Musiker-Kollektiv, bestehend aus Ben Keith (Lap Steel Guitar), Rick Rosas (Bass), Chad Cromwell (Drums), Anthony Crawford (Guitars) und Gattin Pegi Young (Vocals). Unter tosendem Applaus stöpselt er krachend seine „Old Black“ ein, um mit „Hey Hey, My My (Into The Black)“ loszulegen. Von dort an spielt sich Young quer durch sein musikalisches Schaffen.Der 63 Jahre alte Kanadier spielt in nahezu ekstatischer Versenkung mit dem Rücken zum Publikum. Es scheint, als blende er den Rest der Welt aus, wenn er erst einmal tief genug in seine Songs eingetaucht ist. Man schaut zu, vergisst alles andere und singt selbst für einen Abend mit Neil Young in seiner Rumpelkammer.Was folgte, war eine bunte Mischung aus weniger bekannten Stücken und alten Klassikern wie „Words“ und „Cinnamon Girl“, die teilweise in minutenlangen, epischen Noise-Gitarrensoli endeten. Als vierter Song wurde das wehmütige „Everybody Knows This Is Nowhere“ zelebriert, das mit seinem zarten Backgroundgesang und der heulenden Gitarre Youngs mein persönliches Highlight des Abends wurde. Nach neun Songs wurden dann Westerngitarre und Mundharmonika umgeschnallt und die E-Gitarre beiseite gelegt, um „Don’t Let It Bring You Down“, den Buffalo Springfield-Klassiker , „On The Way Home“ und auch „Harvest Moon“, welches als einziges Stück vom wortkargen Neil mit einer Ansage angestimmt wurde, zu präsentieren. Die Musik sprach ohnehin für sich. Es folgte eine tolle Version des mit CSNY bekannt gewordenen „Down By The River“, die das Feeling der früheren Tage lebendig werden ließ.Nach zwei Stunden endete das Set mit dem zeitlosen und fulminanten „Rockin‘ In The Free World“, das zu monumentaler Länge mit schier endlosen Feedback-Explosionen ausgedehnt wurde, das Publikum kollektivierte und über schmerzlich vermisste Songs wie „Cortez The Killer“ oder „Like A Hurricane“ hinwegtröstete. Das Beatles-Cover „A Day In The Life“ stellte als einzige Zugabe den krönenden Abschluss dar. Wie ein Wilder malträtiert er seine Gitarre, reißt alle Saiten raus, schlägt entschlossen auf Gitarrenhals und Tonabnehmer und stapft anschließend von der Bühne.Neil Young ist ein Unikum, das Sprachrohr vieler Generationen und der Einzige, der es schafft Rock, Country und Folk zu einer einmaligen Symbiose verschmelzen zu lassen. Es sind die kleinen Momente, die ein Neil Young-Konzert ausmachen, und von denen gab es einige. Was bleibt, ist ein Rauschen im Ohr, und die Hoffnung, dass dieses Konzert nicht sein letztes in Deutschland war. Aber wer glaubt das schon?

Johannes Kleckers – 23.06.2009


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