Paulas Popwoche: Die Häuser denen, die drin sein wollen
Kim Petras, Brutalismus und „Paul und Paula“: Warum Gebäude, Identität und Verlust manchmal dieselbe Geschichte erzählen.
Während Corona zog ich in die kleine Wohnung, in der ich jetzt sitze und das hier schreibe. Das meiste war damals geschlossen, so natürlich auch Unis. Nicht weit von meiner Wohnung ist ein Unigebäude, um das ich damals immer wieder herumschlich, denn es ist wunderschön. Es ist groß, ausladend und bunt, die Farben passen perfekt zusammen, die Formen gefallen mir, so wie die Winkel und Perspektiven und so. Wie ich später herausfinden musste, finden das aber gar nicht alle Leute, viele völlig Behämmerte behaupten sogar, das Gebäude sei hässlich. Ich scharrte jedenfalls mit den Hufen, bis ich endlich das brutalistische Supergebäude betreten durfte und es stellte sich heraus, dass es auch innen voll geil ist und seitdem bin ich öfter mal da und fotografiere, was das Zeug hält.
Die Besuche werden von Mal zu Mal jedoch melancholischer, denn sie wollen es abreißen, haben sogar schon damit angefangen und wenn ich den Teil mit der Baustelle sehe, gucke ich schnell weg.
Naja, zum Glück gibt es für jede Lebenslage ein Lied und mein Lieblingspopstar Kim Petras hat etwas ähnliches durchgemacht und kürzlich diesen Banger hier veröffentlicht.
Der Text ist ja wohl zum Heulen:
There was a building there and it was brutalist
And it was beautiful, it was my favorite
But it’s not there no more, because they tore it down
They really ruined it
Heul. Allerdings verbirgt sich zwischen anderen Zeilen noch etwas anderes, was gar nicht wirklich traurig ist, und zwar geht es um Petras Transition, die sie hier zum ersten Mal so deutlich besingt. So ähnelt die Trauer, die sie selbst um das Gebäude hat, in den Worten dem, was ihr Menschen bezüglich der Veränderungen ihres Körpers sagen, die sie hat vornehmen lassen.
Im Song singt sie nämlich auch:
My dad’s an architect, he used to show me it
When he would drive me to the psychiatry
Again and again, didn’t come back a man
I guess I ruined it
In einem Interview mit „The Fader“ erklärt sie, dass ihr Vater ihr das Gebäude gezeigt hat, als er sie zu ihrer Hormontherapie nach Hamburg fuhr. Die beiden liebten es und als es abgerissen wurde, sagten sie, das habe die ganze Stadt ruiniert. Und sie stellt es in Zusammenhang mit ihrer Transition: „I have people saying I ruined my body and I ruined my life. They don’t know me at all. They don’t know my history, that I went to so many psychologists and so many doctors […]. It saved my life and then there’s people who are like, ‘This saved your life, but you ruined everything’.”
Und weiter: „I felt like my dad and I were guilty [of that with the apartment]. There’s people living in this modern apartment building now probably like, ‘We love it here,’ and we’re like, ‘Nah, it’s basic and y’all ruined it.’ I thought it was interesting to compare the two.”
Ja, es sollte einfach immer um die Bedürfnisse der Leute gehen und was sie wollen. Der Körper, in dem man lebt, das Gebäude, in dem man wohnt. Den Schmerz über das Ende MEINES Gebäudes nimmt es mir natürlich nicht, denn an dessen Stelle wird halt nur ein hässliches modernes knastartiges Gebäude stehen, mit Weiß und Grau und zu viel Glas, man kennt es. Vielleicht könnten wir auch einfach alle Gebäude haben, die wir wollen, die unterschiedliche Menschen schön finden, wenn wir mehr Platz hätten, zum Beispiel wenn wir uns, sagen wir mal, dieser blöden Autos entledigen könnten. Aber diesbezüglich werden Hamburg und Köln sicher nicht vorangehen.
Deswegen ab in den Osten!
Der Film „Die Legende von Paul und Paula” aus dem Jahre 1973 spielt zufälligerweise genau dort, und zwar in (Ost-)Berlin. Ruinierte Gebäude spielen dort auch eine große Rolle – „they tore it down”. On camera!
Zwischen Ruinen der alten Häuser, Arbeitsalltag und lauernden Stasileuten sucht die Alleinerziehende Paula (Angelica Domröse, vor drei Wochen leider verstorben) nach der großen Liebe und trifft dabei natürlich nur auf doofe Dödel. Paul (Winfried Glatzeder, der ostdeutsche Adam Driver) ist auch nicht besser, aber Paula will ihn trotzdem unbedingt lieben. Sie will Kitsch, Romantik, Liebe und Leben und das ist alles sehr süß. Beim nochmaligen Gucken (aktuell in der ARD-Mediathek) dachte ich daran, dass das mit den Gebäuden vielleicht auch für die abgebildeten Leute stehen könnte, ganz im Petras’schen Sinne.
Paula ist das lebensfrohe, aber kaputte Berlin. Sie ist natürlich nicht wirklich kaputt, beziehungsweise müsste sie es nicht sein, aber sie wird eben so gesehen. Unser Blick macht Leute und Gebäude und entscheidet manchmal sogar über sie. Paula lebt im Altbau, Paula sollte besser einen Mann haben, Paula soll sich endlich mal zusammenreißen, Paula fühlt sich ihren Vorfahren, die sie immer wieder sieht, verpflichtet, Paula sehnt sich nach allem Möglichen, Paula ist nicht fit genug, um ein weiteres Kind zu bekommen, ihr Arzt warnt sie explizit, Paula soll aufhören zu träumen. Paul ist Neubau, Paul ist Aktentasche, Paul ist richtig, Paul ist angekommen, Paul kümmert sich um sein Kind, Paul verlässt seine Frau nicht, die ihn nicht liebt, Paul ist ordentlich, Paul ist wahrscheinlich bei der Stasi, Paul kann nicht locker sein. Am Ende (SPOILER) gibt es Paula nicht mehr, aber Paul übernimmt Paulas Leben – er ist mit den Kindern, er lebt in ihrer Wohnung, er wirkt plötzlich weich. They ruined it, they tore it down, aber vielleicht eben auch nicht.
Wir machen Gebäude. Gebäude sind wir.
Gestern flatterte dann noch eine Nachricht rein, die mich weiter bei dem Thema hielt und ich weiß gar nicht so genau, wie doll Katholizismus eigentlich Popkultur ist (eine Connection wäre vielleicht: Religiöse Fanatiker verteufeln trans Personen, Brutalismus und den atheistischen Osten, aber it’s a stretch …)
„KÖLNER DOM KOSTET AB JULI 12 EURO EINTRITT”.
Vor kurzem war ich mal da und da ist mir nicht entgangen, dass dort mehrmals geschrieben stand, dass alle Leute in die Kirche gehen dürfen und dort aufgenommen werden und dieses Zeugs halt. Nächstenliebe ist ja der Unique Selling Point dieser Leute, dachte ich. Das Trademark. Der Claim to Fame. Der Signature Move. Aber sie wollen wohl vor allem Geld und die armen Leute fernhalten, genau wie die Betreiber von Bahnhöfen, S-Bahnen und anderen öffentlichen Orten, die eigentlich allen gehören sollten. Der Dom gehört uns natürlich sowieso nicht. Es sei denn, wir besetzen ihn. Oder tearen wir ihn down? So viele Gestaltungsmöglichkeiten!




