Peter Green


'The End Of The Game' hieß das Album, auf dem er sich 1970 von seiner Band Fleetwood Mac für immer verabschiedete. Peter Greenbaum, der Gitarrist, der den britischen Blues mit Hits wie 'Albatross' und 'Oh Well' in den Charts Ende der 60er Jahre etablierte, tauchte unter. Und Anfang der 80er mit 'In The Skies' wieder auf - und unter. Mark Ellen, Chefredakteur der englischen Zeitschrift M0J0, traf den Mann, der wie Syd Barrett oder Brian Wilson als tragische Figur in die Rockgeschichte einging.

Ich habe gestern abend mit Mick Fleetwood gesprochen. Er sagte, er höre sich häufig ihre alten Fleetwood Mac-Platten an. Ich fragte ihn: „Macht Peter das auch?“ Darauf meinte er nur: „Das solltest du besser ihn fragen.“

Peter Green: „Nein, ich mache gerade eine schwierige Phase durch. Außerdem besitze ich keinen Plattenspieler. Andererseits hat es mich damals so viel Zeit gekostet, die Platten aufzunehmen, daß ich sie auch heute noch in-und auswendig kenne. Natürlich schmeichelt es mir, wenn ich höre, daß viele Leute auf meine Musik stehen.“

Welche dieser alten Platten hörst du am liebsten?

„Zum Beispiel ‚The Green Manalishi‘, ‚Need Your Love So Bad‘ und ‚Albatross‘. ‚Albatross‘ ist mir noch in bester Erinnerung, wegen der Arbeit am Mischpult. Das meiste davon habe ich selber gemacht. Ich hatte den Job übernommen. Das hätte ich mal besser bleiben lassen sollen. Es war keine sehr glückliche Entscheidung. Es wäre besser gewesen, wir hätten seinerzeit einen Produzenten engagiert, anstatt die Band die Platten selbst zu produzieren zu lassen. Das hat uns alle ein wenig überfordert. Hin und wieder hat uns aber auch Mike Vernon von Blue Horizon Records als Produzent zur Seite gestanden.“ Was ist mit den Rock-Stars von heute, wer gefällt dir am meisten?

„Ich schaue häufig MTV. Ich mag Björk. Ich bin ein richtiger Fan von ihr. Ich sehe sie mir so gerne im Fernsehen an. Sie weckt in mir neue Energien. Ich wollte kürzlich ihr Video kaufen, ‚Human Behaviour‘, aber irgendwie war es nicht das, was ich im Fernsehen gesehen hatte. Es war einfach nur fürchterlich. So aufdringlich laut. Wie Disco-Gestampfe. Die Art von Musik, die jede Disco in den Ruin treiben würde.“ Was treibst du sonst so?

„Nicht viel. Ich lebe mein Leben. Ich überlebe halt. Ich steckte in großen Schwierigkeiten und bin deswegen im Gefängnis gelandet. Weil ich jemanden angegriffen habe. Ist aber schon lange her. Seit ich im Bau war, ist nichts mehr Aufregendes passiert. Irgendwie ist seitdem die Luft raus.“

Was passierte damals?

„Ich soll Clifford Davis, dem damaligen Manager der Band, damit gedroht haben, ihn umzubringen. Ich kann mich aber nur daran erinnern, ihn um Geld gebeten zu haben. Er sagte nur, er habe nichts von meinem Geld, David Simmons, unser Buchhalter, habe es. Doch ich glaubte ihm nicht und drohte: ‚Mach keine Scherze, ich bring dich um.“

Ich hatte mir kurz davor in Kanada ein Gewehr gekauft. Das sah aus wie ein eins, das auf Jahrmärkten, an diesen Schießbuden benutzt wird. Sah wirklich hübsch aus. Wie eine Spielzeugwaffe, nur daß sie scharf geladen war. Die Polizei packte mich und meinte: ,Wir haben erfahren, daß sie eine Waffe besitzen.‘ Ich antwortete: .Richtig, wollen sie sie jetzt konfiszieren?‘ Also konfiszierten sie sie und brachten mich nach Marylebone Station, auf die Polizeiwache, wo ich die ganze Nacht verbrachte. Und von da ab landete ich in vielen Gefängnissen.“ Wie lange haben sie dich eingebunkert und hinter Gittern gehalten?

„Ein paar Monate. Ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich habe vergessen, was in der Zeit geschah. Außerdem habe ich geheiratet, aber meine Frau und ich haben uns fast unmittelbar danach wieder getrennt. Das Mädchen hieß Jane. Ich lernte sie bei Steve Thompson kennen, einem guten Freund von mir.“

Etwa der Steve Thompson, der auf John Mayalls ‚The Turning Point‘ mitgespielt hat?

„Genau der. Ich habe ihn früher oft besucht und mir mit ihm Platten angehört. Ich habe von einem Krankenhaus aus um ihre Hand angehalten. Ich bin mir heute noch nicht ganz sicher, warum ich eigentlich dort lag. Ich denke, es hatte was damit zu tun, daß ich mein ganzes Geld für Drogen ausgab. Zuviel LSD. Und das einzige, was denen dort einfiel, war mir Beruhigungsmittel zu verabreichen. Dabei wollte ich doch immer nur all das Geld, das ich nicht brauchte, unter die Hungernden auf dieser Welt verteilen. Ich fragte die Band, ob sie sich nicht anschließen wollte, aber sie waren dagegen.“

Wenn du heute an die alten Fleetwood Mac denkst, hast du dann schöne Erinnerungen?

„Ich erinnere mich an alles ganz genau, immerhin habe ich die Band gegründet, ohne mich

gäbe es sie gar nicht. Mike Vernon oder sonst jemand – sagte mir eines Tages, ich könne beim ‚Blue Horizon‘- Label meine eigenen Platten produzieren. Damals fing der Blues-Boom gerade erst an und jeder war auf der Suche nach geeigneten Bands. Also sagte ich zu. Mike Vernon schickte mich darauf zu )eremy Spencer. Ich ging hin und traf mich mit ihm. Ich merkte sofort, daß er ein kleiner Gauner war. Trotzdem ließ ich es auf einen Versuch ankommen. Mick Fleetwood saß an den Drums. Bloß John McVie, der Baß spielen sollte, konnte ich nicht loseisen, weil er noch bei John Mayall war. Deshalb holte ich erst erst einmal Bob Brunning.“

Letzte Woche hörte ich mir mal ‚Oh Well‘ an. Das klingt immer noch einzigartig.

„Ich mag die B-Seite der Single mehr. Den Teil mit der spanischen Gitarre. Das war die erste Idee, die ich zu ‚Oh Well‘ hatte. Ich habe mir dafür extra eine Flamencogitarre zugelegt.“

Wie bist du eigentlich an deinen ersten Job gekommen?

Eric Clapton hatte gerade ‚The Cream‘ gegründet, als ich eines Tages John Mayall auf der Straße begegnete und er mir erzählte, daß Clapton die Bluesbreakers verlassen hatte und ob ich nicht Lust hätte, in seiner Blues-Band mitzuspielen. Ich fand den Vorschlag gut. Ich stand ja erst am Anfang meiner Karriere. Außerdem war ich kein richtiger Blues-Gitarrist. Trotzdem schmiß ich meinen alten Job hin und stieg bei lohn Mayalls Bluesbreakers ein.“

Du hast seitdem zahlreiche Jobs gemacht und auch wieder geschmissen…

„Ich habe nach meiner Trennung von Fleetwood Mac auf einem Friedhof gearbeitet, als Grabpfleger. Ich mußte nur den Rasen mähen.“

John McVie erzählte was von einem schrecklichen Vorfall in München, auf eurer ‚Then Play On‘-Tour 1970…

Ja, man schwärmte mir von einem Landhaus vor. Ich ging mit unserem Road-Manager dort hin und der gab mir etwas LSD. Ich nahm das Zeug, packte meine Gitarre, und wir spielten eine Weile. Doch dann saß ich plötzlich nur noch so herum und dachte über alles mögliche nach. Die verrücktesten Gedanken schoßen mir durch den Kopf! Es war einfach unbeschreiblich.“

John und Mick lassen dich herzlich grüßen.

„Richte ihnen bitte aus, daß es mir leid tut, daß ich sie damals im Stich gelassen habe. Ich konnte einfach nicht weitermachen, warum auch immer. Vielleicht waren die Drogen schuld. Unser damaliges Management hatte jemanden auf mich angesetzt, eine Art Boxer, der versuchte sollte, mich wieder ‚lebendig zu prügeln‘. Aber das hat nicht funktioniert.“

Wer hetzte dir den Typen auf den Hals?

„Unser Manager Clifford Davis, nehme ich mal an.“

Warum?

„Keine Ahnung, aber wenn du nochmal mit John und Mick sprichst, dann sage ihnen, daß es mir leid tut, daß ich nichts mehr für sie tun konnte. Ich habe wahrscheinlich einen LSD-Trip zuviel gehabt. Und das hat mich schließlich zum Pflegefall gemacht.“

Interessiert dich überhaupt noch, was sonst so in der Welt passiert?

„Nein, ich komme mir vor wie ein Zombie, der irgendwelche Tabletten schluckt und keine Ahnung hat, wofür die eigentlich gut sein sollen. Sie machen mich ganz müde, so daß ich plötzlich am hellichten Tag einschlafe. Das ist mir früher nie passiert.“

Liest du täglich die Zeitung oder schaust dir die Nachrichten im Fernsehen an?

„Ich lese keine Zeitungen. Ich habe auch nie die Nachrichten eingeschaltet, als ich noch Musiker war. Ich schaue mir das an, was gerade so läuft, was sich halt meine Mutter oder mein Bruder gerade anschauen. Wir schauen uns eine Menge Filme auf Sky Television an – meistens Western und so…“

Auf welchem Konzert warst du zuletzt?

„Das war wohl von Eric Clapton oder The Rainbow. Ach, falsch, es war ein Konzert, bei dem der Sohn meines Bruders mitwirkte. Er spielt Saxophon in einer Band, die sich ‚Friday People‘ nennt. Vor ein paar Wochen sind sie im Rock Garden aufgetreten. Sie waren wirklich gut. Aber für meinen Geschmack etwas zu laut.“

Kommt es manchmal vor, daß sich Leute, die du zufällig triffst, noch an dich erinnern?

„Ja. Einmal hat mich jemand im Tagesheim erkannt. Er hatte schönes dunkelblondes Haar und meinte: Sie sind doch nicht etwa DER Peter Green? Und ich antwortete ihm, daß ich derjenige bin. Er stellte mir dann dauernd irgendwelche Fragen, genau wie du!“