Konzertbericht

Placebo live in Berlin: Wenigstens wurde niemand verletzt

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„Willkommen auf unserer Geburtstagsparty“, grüßt Placebo-Sänger Brian Molko am 7. November 2016 auf deutsch die Fans auf der Tour zum zwanzigjährigen Bestehen der Band. Die stehen in der nicht ausverkauften Mercedes-Benz Arena in Berlin und haben soeben das Musikvideo zur WITHOUT YOU I’M NOTHING-Single „Every You, Every Me“ und einen Zusammenschnitt aus Bildfetzen der letzten zwanzig Jahre Placebo gesehen, bevor Brian Molko und Stefan Olsdal die Bühne betreten und mit „Pure Morning“ eröffnen.

Placebo probieren es in Berlin mit schonungsloser Nostalgie

Und auf dieser Geburtstagsparty probieren es Placebo mit schonungsloser Nostalgie. Molko trägt wieder kurz geschnittenes Haar und auch die Setlist bedient sich ausgiebig beim frühen Material der Band. Als Molko vor wenigen Monaten darum gebeten wurde, die Alben seiner Band nach persönlicher Vorliebe zu sortieren, landeten die Platten des Frühwerks abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Da ist es fast ein bisschen verwunderlich, dass Placebo auf ihrer aktuellen Tour ausgerechnet – zur Freude der Fans – genau aus diesen abgeschlagenen Alben so großzügig schöpfen.

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Doch so ganz will der Funke trotz guter Songauswahl nicht überspringen. Die Enge des Teenage-Angst-Alternative-Rock-Amalgams und Brian Molkos nasaler Gesang verlieren sich in den Weiten der Berliner Mehrzweckhalle und spätestens als Molko beginnt, den fingerzeigenden Gastgeber dieser Geburtstagsfeier zu geben, stellt sich die Ernüchterung ein, dass hier eine gesetzte Band in der Mitte ihrer 40er auf der Bühne steht, die lediglich ihre eigene Arbeit interpretiert.

Brian Molko schimpft über Smartphones und ungestüme Tänzer

„If you behave like children you can go back to kindergarten“, raunzt Molko zwei wohl etwas ungestüme Tänzer in den vorderen Reihen des Publikums zwischen zwei Songs an. „I am trying to work here and you are ruining my fucking concentration!“. Wogende Massen und Crowdsurfer, wie sie noch zu Beginn des Konzertes auf den Leinwänden in schnellen Schnitten zu sehen waren, scheinen bei der Band nicht mehr erwünscht – stattdessen animiert Molko wie ein ein mallorquinischer All-Inklusive-Animateur („Wanna have some Spaß?“), ergibt sich in Schimpfereien über Smartphones auf Konzerten und probiert sich in der Späterziehung des Publikums.

Die Setlist dagegen stimmt an diesem Abend und das Versprechen, Material aus dem kompletten Backkatalog der Band zu präsentieren, halten Placebo. Mit „Nancy Boy“, „36 Degrees“, „I Know“, „Lady of the Flowers“ und „Teenage Angst“ bedient sich die Band sogar ausgiebiger bei ihrem Debüt von 1996 als beim aktuellen Studioalbum LOUD LIKE LOVE, von dem es nur drei Songs auf die Setlist schaffen („Loud Like Love“, „Too Many Friends“, „Exit Wounds“).

Doch der Spagat zwischen den ungehaltenen, androgynen Placebo von vor zwanzig Jahren und der heutigen Stadion-Rockband, der will nicht so recht gelingen. Placebo funktionieren an diesem Abend nur noch über die Nostalgie und arbeiten deren Eckpfeiler pflichtbewusst ab. Und die ernüchternde Antwort auf die Frage, warum das so ist, liefern Placebo mit ihrem letzten Song „Bitter End“ vor der Zugabe gleich selbst: „Since I was born I started to decay.“


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