Radioman: Der Star, der aus der Gosse kam


Johnny Depp hält ihn für ein Alien, Helen Mirren hat sein Foto in der Garderobe hängen und Josh Brolin wird nervös, wenn er nicht am Set auftaucht: Ein ehemaliger Obdachloser ist das Faktotum der New Yorker Filmszene. In über 100 Filmen spielte er bereits mit, nun bekommt er vielleicht sogar seine eigene TV-Serie.

Mitte der 90er-Jahre geriet Radiomans Trinkerei zunehmend außer Kontrolle. Er wurde volltrunken aufgegriffen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Mehrere Monate behielten sie ihn dort, stellten ihn mit Psychopharmaka ruhig und therapierten ihn. Als er entlassen wurde, ging er zu ein paar Treffen der Anonymen Alkoholiker, entschied dann aber, dass diese nichts für ihn waren: „Ich hörte einfach so auf zu trinken. Cold turkey!“, sagt er nicht ohne Stolz.

Womit er stattdessen ernsthaft anfing, war, Filmsets Besuche abzustatten. Seit seinem Erlebnis mit Robin Williams im Central Park, als man ihn respektvoll und warmherzig am Set empfangen hatte, machte Radioman geradezu einen Sport daraus, in New York Dreharbeiten aufzuspüren. Mit seinem Radio um den Hals klapperte er auf seinem Fahrrad bei Wind und Wetter von morgens bis manchmal spät in der Nacht die Straßen der Stadt nach Hinweisen auf Filmarbeiten ab: Parkverbotsschilder, Wohnmobile, Generatoren, Dixi-Klos … „Inzwischen habe ich ein ganz gutes Netzwerk und kenne viele Techniker, Wach- und Kameraleute. Ich tausche auch Informationen mit Paparazzi aus. Niemand dreht in New York, ohne dass ich davon erfahre.“

„Bei jedem Dreh in New York frage ich als Erstes: Wo ist Radioman?“, sagt Josh Brolin in der Radioman-Dokumentation. „Er ist eine Art Talisman. Wenn er nicht auftaucht, werde ich nervös.“ Was genau Radiomans Aura ausmacht, ist schwer zu sagen, aber „rauer Charme“ trifft es wohl am ehesten: Er macht Witze, nennt die Schauspieler scherzhaft „Filmhuren“, flucht mit gefaketem irischen Akzent, schwatzt, kaspert herum, unterhält und hilft mit.

So wurde er zum Faktotum der New Yorker Filmszene. Ein Mann, dem die Crew es nicht übel nimmt, wenn er sich am Catering-Tisch bedient, dem die Stars bereitwillig Autogrammkarten unterschreiben und dem Regisseure ab und an eben auch kleine Rollen geben.

NEW YORK - DECEMBER 6: (ITALY OUT,NY DAILY NEWS OUT,NY NEWSDAY OUT) Radio Man kisses the hand of actress Sophia Loren as she exits the back door of the Regent Wall Street on December 6, 2005 in New York City. (Photo by Arnaldo Magnani/Getty Images)
Radioman küsst die Hand von Schauspielerin Sophia Loren. Die Prominenten kennen Radioman und geben ihm gerne Autogramme

Damit und mit dem Verkauf der Autogramme verdient Radioman genug Geld, um eine Wohnung in Brooklyn, seine Lebenshaltungskosten und gelegentliche Ausflüge in andere Städte – natürlich wieder zu Dreharbeiten – zu bezahlen. Selbst bei den Oscars war er schon, einmal sogar als Gast von Whoopi Goldberg. Von ganz unten bis zu den Oscars: „Filme haben mir das Leben gerettet“, sagt er mit Überzeugung.

WEDER RUHM NOCH LUXUS

Sein Lieblings-Hollywoodstar? „Das war ganz klar Robin Williams. Wir waren Seelenverwandte. Aber auch Tom Hanks, Jeff Bridges, George Clooney und Johnny Depp sind wahre Gentlemen. Nur Sean Penn kann ich nicht ausstehen: Der jagt jeden weg, der nach einem Autogramm fragt, egal ob ich das bin oder ein kleines Kind. So arrogant! Und jetzt heiratet er auch noch Charlize Theron: Ein Grund mehr, ihn nicht zu mögen …“

Er selbst hat keinerlei Ambitionen, berühmt zu werden, sagt Radioman: „Ich brauche weder Ruhm noch Luxus, aber ich hätte gerne mehr größere Rollen – Sprechrollen. Neulich hab ich Ben Stiller getroffen und ihn gefragt, ob ich bei ‚Zoolander 2‘ mitspielen kann. Im ersten Teil hatte ich schon eine kleine Rolle. Er meinte, das würde klargehen – solange ich selbst für meinen Flug zu den Dreharbeiten in Rom bezahle. Mal sehen. Ansonsten bin schon froh, wenn ich ein ganz normales Leben führen kann. Ein Leben, wie ich es lange Zeit nicht hatte.“

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Dieser Text ist ursprünglich in ME.MOVIES 1/2015 erschienen.

Arnaldo Magnani Getty Images