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Reeperbahn Festival 2012: Frittenfett, Seefahrer, Muskelshirts und Lena (Meyer-Landrut)

Reeperbahnfestival: Am Donnerstag serviert die Reeperbahn Matjes, Frittenfett und den Schweiß von Lena Mayer-Landrut

Es ist ganz schön kalt geworden. Die Zuschauerzahl am Spielbudenplatz ist überschaubar. Nur am Fischbrötchenstand gibt es eine kleine Schlange. Der Matjes kostet zwei Euro fünfzig. Die Finger um die Bierflaschen sind klamm, Taschentücher werden aus den Jutenbeuteln gekramt während sich die Australier um Jonathan Boulet auf der viel zu großen Bühne warm spielen. Gleich zwei Schlagzeuger gibt’s, der eine hat die Ärmel des Flanellhemds hochgekrempelt. Vielleicht weil es in den Kästen aus Plexiglas, in denen die beiden stehen, muckelig warm ist. Dafür tanzen drei Jungs in T-Shirts in der ersten Reihe – Boulet lädt auch die Fellbejackten ein, nach vorne zu kommen. Weil der junge Mann mit dem eindrucksvoll langen Zottelbart ansprechend unschrammeligen Rock zum Besten gibt, werden es tatsächlich immer mehr, die ihr Bier auf den Holztresen abstellen und fröhlich mitwippen.

In Angies Nightclub wird man von vier dekorativ aufgereihten, aber leeren Magnumflaschen Dom Pérignon begrüßt. Ein abstruses Setting für Gabriel Bruce, den Engländer mit brauner Ballonseiden-Jacke und Gitarre, der schüchtern auf die fünf Effekt-Geräte starrt, die vor ihm auf dem Boden liegen. Was er da alleine fabriziert, klingt nach Elliot Smith, allerdings ist Bruces Stimme weniger hoch und brüchig. Was Bruce da fabriziert gefällt – auch wenn sich nur wenige eingefunden haben, es ist ja auch noch früh am Abend –, davon zeugt auch der strenge Duft von Matjes, der unbestreitbar durch Angies Nightclub weht.

Weil viele Bars heute nur mit Bändchen begehbar sind, ist es auf dem Hamburger Berg überraschend leer. Wo man sonst wie eine Sardine gequetscht wird, kann man heute entspannt ein- und ausatmen. Im Backstage-Raum der Pocco-Bar, einem winzigen Austritt hinter dem, was heute als Bühne herhalten soll, macht sich Nicolas Sturm bereit. Die viertelstündige Verspätung verzeiht man Sturm und seinem Schlagzeuger – auf dessen Trommel Kegelclub steht. Dem Schlagzeuger verzeiht man wegen seiner hippen Frisur, und weil er die Augen beim Spielen so konsequent schließt. Sturm liegen alle zu Füßen, weil er die blauen Augen beim Singen offen lässt, weil er zwischendurch lächelt, und weil er so wunderbare Texte schreiben kann.

Weil es so schwer war, Sturm zu verlassen, wird MS MR verpasst – jetzt erinnert man sich wieder an die Tücke des Reeperbahnfestivals: Wer pünktlich kommt, darf draußen warten. Vor der Prinzenbar stehen dreißig Mann und vier Presseleute „auf Halte“ – nix zu machen. Auch die Schlange am Molotow, wo Toy spielen ist ordentlich. Und auf den Auftritt von Satan takes a Holiday kann man nicht warten, weil es im Planet Pauli so unerträglich nach altem Frittenfett stinkt.

 

Im Schmidts Tivoli riecht es angenehm. In den ersten drei Reihen drücken sich erheblich viele Männer mit erheblich wenig Haar. Einer wedelt mit einem rosa Kuscheltier-Schwein. Nirgendwo gab es heute so viele Fotografen und Kameraleute. Mitvierziger sitzen auf den mit rotem Samt bezogenen Stühlen, jeder dritte hier hat ein Pressebändchen um den Hals. Klar, man muss sehen was passiert, wenn Lena (die das Meyer-Landrut jetzt weglässt, vielleicht weil Doppelnamen gerade nicht hip genug sind) einen auf Indie machen will. Die wahnsinnig dünne Meyer-Landrut trägt was Anfang des Sommers angesagt war. Hot-Pants und zu großes Trägertop, alles in weiß – ganz anders als früher (als sie so gerne im langen, schwarzen Cat-Suit auftrat). Lena singt passabel wirkt dafür unentspannt. Sie plappert etwas vom „booty-shaken, selber shaked Lena auf ziemlich engem Raum, mit angezogenen Armen. Dabei hätte sie Platz genug. Wenn man der dünnen Lena so zusieht, möchte man ihr ein Matjesbrötchen zuwerfen – oder am liebsten selbst eines essen. Trotz Hot-Pants und Miss Li ist Lena immer das „I heart you-Mädchen“ vom Eurovision Song Contest. Schweißperlen sind weder beim Publikum noch bei der Sängerin in Sicht – als Meyer-Landrut trotzdem behauptet „janz schön dolle am schwitzen zu sein“ ist es Zeit zu gehen – auch wenn das Kuschelschwein noch nicht auf die Bühne geflogen ist.

Im vollgestopften Docks gibt’s Schweiß zur Genüge. Deshalb haben sich die meisten von Kakkmaddafakka auch schon die Oberteile ausgezogen. Nur die Backroundtänzer wahren in schwarzer Röhrenjeans, Schlips und Hemd die Etikette. Kakkmaddafakka spielen sich in Rage – geben alles. Die Jungs covern „This is how we do it“ – zeigen Donnerstags wie man Freitags Party zu machen hat und lassen einen bei all dem Gezappel, Fahnenschwingen und der hinreißenden Performance des jungen Herren am Synthesizer ganz vergessen, das man sich eigentlich noch die Schwestern von 2:54 anschauen wollte.

Freitag: Seefahrer-Folk, Muskelshirts und das schönste Klo am Kiez

Touristengruppen mit Rollkoffer, Damen in Pfennigabsätzen und die obligatorische Junggesellenabschiede verstopfen den Kiez. Um halb neun hat das Cafe Keese noch geschlossen – eine kleine Gruppe mit grünen Drei-Tages-Armbändchen wartet schon auf Einlass, aus der Hamburger Alm nebenan dröhnt irgendwas von DJ Ötzi.

Im Kaiserkeller spielen Inborn. Der Sound hier unten ist furchtbar schlecht – wie im letzten Jahr. Auch die Ansagen des Sängers sind furchtbar schlecht – da kann die Zorro-Maske, die er trägt auch nichts mehr rausreißen. Zwischen den Ansagen haucht und säuselt es sphärisch – das Publikum bleibt gefasst – nur einer links außen ist so entrückt wie gewünscht – und gibt den Robot-Dancer. Draußen läuten die Glocken der St. Josef Kirche für alle, die wegen FUN. brav vor der Großen Freiheit 36 stehen.

Im Cafe Keese ist es propenvoll. Hier gibt’s Ewert and the Two Dragons. Die blonden Jungs sind offiziell beglaubigt die erste Band aus Estland, die jemals beim Reeperbahnfestival aufgetreten ist. Das jedenfalls erklärt Gitarrist Erki Pärnoja in einwandfreiem deutsch – dann singen die vier ein Sehnsuchtsvolles Lied über die schönen Berge – obwohl es in Estland laut Pärnoja gar keine Berge gibt. Das Publikum klatscht und wippt und wiegt sich zu dem wunderbaren Estischen Seefahrer-Folk. Bevor man weiter muss, benutzt man als Mädchen am besten noch die Toilette, schließlich wartet das Keese hier mit dem größten Komfort auf, den der Kiez zu bieten hat.

Im Grünspan spielen Best Coast. Ohne viele Worte zu verlieren schrammeln Bethany Cosentino und Bobb Bruno ihren Lo-Fi Surfer-Garagen-Dingsbums-Pop. Einziger Hingucker ist der Winkel von Brunos Gitarre, der sich verschiebt, je nachdem ob sich dessen Bauch über oder unter der Gitarre wölbt. Die Stimmung im vollen Grünspan ist– angepasst an die Lo-Fi-Bühnenperformance – etwas träge. Den Rest des gelinde gesagt schal schmeckenden Ratsherrn-Bier gibt’s to go.

Auf der anderen Seite der Reeperbahn glitzert die Elbe zwischen der überdimensionalen Blohm und Voss Werbung und den Palmenstrünken des Park Fiction. Davor steht die St. Pauli Kirche. Zwei Türsteher öffnen und schließen die großen Holztüren, leere Astraflaschen reihen sich an den Stufen und über dem Kreuz der Kanzel leuchtet ein knallblaues ReeperbahnFestival-Plakat. Husky spielen vor vollem Haus mit Blick auf einen übermächtig leidenden Jesus, der unterm Eingang hängt. Die Akustik ist gut – aber der langsame Sound der Australier macht ein bisschen müde. Abhilfe schafft Chew Lips, die zunächst vor überschaubarem und später vor fast vollem Haus im Cafe Keese Synthie-Pop geben. Sängerin Tigs überzeugt in Glitzerpants und knappem Top. Sie schafft es, die mittlerweile vom vielen hin-und her gehoppe etwas träge gewordenen Festivalbesucher zum Tanzen zu animieren. Ungewollt animiert Tigs auch dazu, den Weg zum Übel & Gefährlich anzutreten – nicht ohne noch einmal die Toilette aufzusuchen versteht sich.

Im Uebel & Gefährlich gackert es aufgeregt im Aufzug. Mads Kristiansen von Reptile Youth trägt zunächst ein schwarzes Ripshirt, das er ziemlich schnell auszieht. Ein Gedicht trägt sich mit freiem Oberkörper einfach theatralischer vor. Solide liefert die laut eigener Aussage „sexiest Band“ Dänemarks ihre Show ab. Sänger Kristiansen springt ins Publikum und schüttelt die verschwitzten Locken während sich Esben Valløe im Understatement übt und am linken Bühnenrand seinen dünnen Schnurrbart zur Schau trägt. In den Absperrgittern vor dem Bunker hat sich Müll gesammelt – den die Festivalcrew gemächlich zusammenräumt.

Samstag: Zwei Könige, ein Theremin und eine Pandamaske

Das Mädchen hinterm Hesburger-Tresen muss um halb neune den Laden ganz alleine schmeißen. Während sie die Fleischscheiben in die einsehbare Frittierstraße füllt, kreischt vor ihrem Tresen ein Jungesellinnenabschied. Die Mädchen zücken ihre Handykameras – Olivia Jones ist im Anmarsch – flankiert von zwei wesentlich kleineren Bodyguards lächelt sie huldvoll in die Smartphones der quiekenden Mädchen.

Vor dem Grünen Jäger ist wie gewöhnlich um neun Uhr noch nichts los. Drinnen ist es voll. Schwarzgekleidete Jungs mit Basekaps, Tattoos, dicken Ohrringen und etlichen Totenkopfaufnähern auf Shirt und Jacken beklatschen King Tuff. Die Mädchen tragen rote Lippen zu pink oder wasserstoffblonden Betonfrisuren. Tuff und seine Band, von denen überraschenderweise keiner tätowiert ist, die aber mindestens halblanges Haar und zum Teil Schnurrbart tragen, bollern ihren Garagen-Punk-Rock dass es eine Freude ist. Dazu ist das Bier hier billig – nur der Mexikaner schmeckt scheiße, hier wird eine industrielle Herstellungsmische gereicht.

Im Uebel & Gefährlich haben sie die den Trennungsvorhang zugezogen. Die Wave Pictures perfektionieren ihre Soli und der entrückte Franic Rozycki, „tells it to us on his bass guitar“ – so wie er es immer tut. Das Publikum quittiert mit Applaus und anfeuernden Rufen. Es ist angenehm gefüllt – sogar ein kleines Moshpit hat Platz. Allerdings fragt man sich, welche Band die fünf Jungs, die so unbeholfen rempeln und sich kichernd schubsen hier erwartet haben. Die Wave Pictures, die zwischen den Pausen mit Geschichten über ihre Billardleidenschaft unterhalten, können es jedenfalls nicht gewesen sein.

Auf dem Weg vom Uebel & Gefährlich zum Molotow hätte man sich keine Club Mate mehr kaufen sollen. Die Getreuen des zweiten Blaublüters des Reeperbahnfestivals – King Charles, die vor dem Molotow stehen, sind schon mehr als der kleine Keller fassen kann. Gegenüber im Cafe Keese werden die letzten Klänge von Clock Opera aus London bejubelt. Die spielen, schwitzen und haben ihr Publikum wunderbar unterhalten.

Im Indra überzeugt Rangleklods Auge und Ohr. Wer es hier hereingeschafft hat, tanzt und schwitzt – zwischendurch intensiviert der Däne seine Beats mit einem Theremin, das sphärisch auf einem Pult der Mitte der Bühne leuchtet. Gitarristin Tikki ist graziös, egal ob sie singt, spielt oder sich zu Rangleklods Bass bewegt.

Nebenan im Grünspan quellen Sänger Frank Carter fast die Augen aus den Höhlen während er ins Mikro schreit, er ballt die Hand zur Faust, reist am Mikroständer, zeigt den Stinkefinger und bindet sich mit dem Mikrokabel den Arm ab –  Gallows wissen, was das Publikum erwartet. Hier tobt ein Moshpit wovon die vier Jungs im Uebel & Gefährlich nicht einmal träumen können.

Vor den Docks stehen Teenager, Eltern und interessierte junge Erwachsene zwischen die Absperrgitter gepresst – für Cro. Die Pandamaske schmeichelt Carlo Waibel – nur anhand seiner Band, die ohne Maske auftreten müssen, kann man erkennen, dass der „Ra-o-per“  nur unwesentlich älter ist, als die vielen Mädchen mit Knicklichtarmbändern und Glitzermake-up die ihm zujubeln. Hinten stehen die Eltern, sie lächeln auch dann noch gütig als Cro die Mädchen auffordert, ihm mit ihren Höschen zuzuwedeln. Aufregenderes hat der nette Panda-Junge schließlich noch nicht verlauten lassen. Das Album ist absolut jugendfrei – Cro singt gutbürgerlich von engen Hosen in tollen Farben und seinen neuen Turnschuhen, von Heirat und Leihwägen. Pünktlich um halb eins werden die Teenies, denen das Glitzerzeug mittlerweile im ganzen Gesicht klebt von den Eltern in Empfang genommen. Für die einen gibt’s jetzt ne Cola – für die Mittdreißiger beschließt sich das Reeperbahn Festival mit einem Mexikaner und einem Astra auf dem Hamburger Berg.


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