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Nachbericht

Reeperbahn Festival 2015: Live-Overkill in Hamburg

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Der Auftritt von Mac DeMarco ist der letzte seiner Tour, weshalb er ziemlich glückselig und zugleich motiviert für ein großes Finale scheint. Er gibt so ziemlich alles, lässt sich stagedivend durch die Große Freiheit 36 tragen und zerstört am Ende alle Saiten seiner Gitarre. Gesehen hat man das aber auch schon bei vorherigen Konzerten. Neu und etwas verstörend sind hingegen die sich gegenseitig anspuckenden Bandmitglieder (Bassist und Gitarrist). Sie affen eben viel rum auf der Bühne, diese Chaoten.

Im Übel&Gefährlich an der Feldstraße gibt es an diesem Abend das zweite Comeback. Nicholas Müller ist zurück. Der ehemalige Jupiter-Jones-Sänger trit mit seiner neuen Band von Brücken auf. Starke Angst- und Panikattacken sind offenbar vergessen. Die Songs strotzen nur so von Energie und Kraft und erinneren daran, warum Jupiter Jones mit Müllers Stimme und vor allem dem Song „Still“ einen so großen Erfolg hatten.

Zu gut tanzbarer Musik kann man später am Abend im Keiserkeller steppen: Say Yes Dog stehen für den Klang der Hauptstadt und entspannte Elektrobeats. Die einprägsame und leicht melancholische Stimme von Sänger Aaron Ahrends, einen Takt, der zwar treibend doch nicht überladen ist und Texte, denen man gerne lauscht, begleiten einen nach dem Konzert im Kopf auf dem Weg heim.

Abschluss am Samstag: Sehenswürdigkeiten, Bob-Frisuren und William Fitzsimmons im Michel

Wie bereits in den vergangenen Jahren kommen auch beim Reeperbahn Festival 2015 die Kunst- und Architektur-Interessierten auf ihre Kosten. Insgesamt werden am Samstagnachmittag zwei Führungen durch die Elbphilharmonie angeboten, ein Millionen-Projekt des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron, das sich bereits seit acht Jahren im Bau befindet und laut Angaben der Stadt Anfang 2017 eröffnet werden soll.

Da am Wochenende schließlich auch die Arbeitstätigen den Weg auf die Reeperbahn finden, können sie sich ohne Eintrittskarte oder Bändchen an der ein oder anderen Band erfreuen, die entweder auf der kleinen Bühne des N-Joy-Reeperbus auftritt oder schlichtweg auf der Straße spielt. Zu hören gibt es dann den Belgier Dotan oder etwas Rap des Künstlers Noah Kin.

Auch an diesem Abend ist der Versuch sich einen Überblick über das Geschehen in den nahezu 80 Clubs, Cafés und Lokalen zu verschaffen, eine echte Herausforderung. Die fünf Post-Punk-Girls der Band PINS aus Manchester präsentieren eine Reihe teils tanzbarer, teils sentimental angehauchter Rock- Songs. Die zierliche Sängerin Faith Holgate konnte in ihrem schwarzen, eng anliegenden Rollkragen kombiniert mit kurzen schwarzem Lederrock ebenso einem Musikvideo von Madonna entsprungen sein, wirkt jedoch sympathisch. Alle fünf Mädels der Band tragen einen Bob. Um der Band anzugehören, muss man daher bestimmt die Haare kurz tragen.

Weiter geht es im Molotow Club mit VierkanttretlagerTrotz seiner taufrischen 21 Jahre klingen die Lyrics von Sänger Max Richard Leßmann so verbittert wie die eines alten Mannes. „Wir müssen nicht mehr Schlange stehen, weil wir die letzten sind.“ Aber: verbittert schön. Seine Worte kommen an und ein Mann aus dem Publikum trägt Leßmann auf den Schultern durch den rot erleuchteten Club durch die Masse.

„Live MC’s, Live MC’s, wir sind Live MC’s, keine Special Effects nötig, nur Mics und Beats“, rappten die aus Berlin angereisten Megaloh und sein Überraschungsgast Chefket in die kalte Hamburger Nacht, dazu wummerten die fetten Beats von DJ Ghanaian Stallion. Die Hände der Fans geballt zu Fäusten, der Geruch in der Luft altbekannt und süßlich, eingerahmt in Hinterhof-Graffiti-Kulisse. So wird der Samstagabend beim Reeperbahn Festival hiphop-technisch derbe abgerissen.

Ein anderes Highlight des Abends findet in der St. Michaelis Kirche statt. Dort tritt William Fitzsimmons, der mit Vollbart und den wachsamen Augen exemplarisch den Typus des melancholischen Singer/Songwriters verkörpert und seit Beginn des Jahrtausends das Bild der alternativen Musiklandschaft prägt. Schwerelose, schöne Gitarrenstücke voller Träumerei und Melancholie gibt der Amerikaner zum Besten.

Das Motto „Zu viel Kultur für viel zu wenig Zeit“ wäre eine angemessene Umschreibung dieses ereignisreichen Festivals. Andererseits werden hier die unterschiedlichsten Geschmäcker bedient und man möchte meinen, es sei für jeden etwas dabei. Ein innerstädtisches Kultur-Erlebnis ist das Reeperbahn Festival allemal. Irgendwo zwischen Rotlicht, der Elbe und Sex-Shops kann hier ausgiebig gefeiert werden und im Gegenteil zu anderen Festivals ist hier Sonntagmorgen Schluss und es kann sich noch ausgiebig erholt werden.

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