Alle R.E.M.-Alben im Ranking: Kein wirklich schlechtes darunter
15 Studioalben bewertet – mit klaren Empfehlungen für Einsteiger:innen und Fans.
Sie entwickelten sich von einer kultisch verehrten College-Rock-Band zu Megastars des MTV-Zeitalters – und zeigten dem Mainstream dennoch eine Nase. Ihren Sound unterzogen sie dabei ununterbrochen Revisionen, und das ist selten in dieser Rubrik: Obwohl sie irgendwann zum „dreibeinigen Hund“ wurden, veröffentlichten R.E.M. kein wirklich schlechtes Album.
All the Best
Reckoning (1984)
Angetrieben von Twee, Folk und einer Art Punk, drängeln die Songs nach vorne. „Pretty Persuasion“, „(Don’t Go Back To) Rockville“ und „7 Chinese Bros“ vereinen Melancholie und Drive auf eine Weise, die die Band später selten wieder erreichte. Vielleicht das Album, auf dem R.E.M. am entschlossensten zwischen Gefühl und direkter Message balancieren.
– Fünfeinhalb Sterne
Document (1987)
Erstmals erreichen R.E.M. die Top 10 der US-amerikanischen Albumcharts – und erstmals arbeiten sie mit Produzent Scott Litt zusammen, der sie in den nächsten neun Jahren begleiten wird. Vielleicht auch deshalb: Das erste R.E.M.-Album, das nicht mehr College Rock im Sinne von Bands wie den Replacements ist, sondern markig in den Mainstream marschiert. Das geht schwer in Ordnung, weil neben Hits wie „The One I Love“ und „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“ Platz für musikalische Ausfächerungen bleibt – etwa den Einsatz einer Dulcimer im wunderbaren „King Of Birds“.
– Fünfeinhalb Sterne
Out Of Time (1991)
Anfang der Neunzigerjahre spielen R.E.M. formvollendet Musik zur Zeit. Die Songs auf diesem Album folgen dem Ennui und Zweifel der Generation X, erfüllen aber auch alle Anforderungen, die MTV an den neuen Alternative-Mainstream stellt. Manche mögen dem Album deshalb leichte Abnutzungserscheinungen zusprechen – doch sie haben unrecht. Vom einleitenden „Radio Song“ bis zum sandigen „Country Feedback“, von KRS-ONE bis zu den B-52’s: In diesem Werk steckt alles, was R.E.M. so besonders macht. Man muss nur die Oberfläche durchbrechen.
– Sechs Sterne
Automatic For The People (1992)
Es ist nicht nur Michael Stipe, der hier für den Schmelz sorgt. Die Produktion von Scott Litt und die Streicherarrangements von John Paul Jones verleihen dieser Musik außerweltliche Schwere, ohne sie je sentimental werden zu lassen. Von „Drive“ über „Man On The Moon“ bis „Nightswimming“ erweist sich das Album als perfekter Zyklus über Vergänglichkeit und Melancholie, der die Band endgültig über den Indie-Kosmos hinaushebt.
– Sechs Sterne
New Adventures In Hi-Fi (1996)
Das letzte Album mit Bill Berry wirkt wie ein bewusster Abschied von der klassischen Formation: eklektisch, harsch im Ausdruck und voller unerwarteter Wendungen. Aufgenommen während der Tour zu Monster, atmet es Live-Energie und Experimentierfreude, ohne je beliebig zu wirken. „Leave“, „How The West Was Won And Where It Got Us“ und „Be Mine“ strecken sich noch einmal in alle Richtungen. Im streicherschweren „E-Bow The Letter“ mit Patti Smith erreicht das Album den Himmel.
– Fünf Sterne
Accelerate (2008)
Alterswerk? Von wegen. Songs wie „Living Well Is The Best Revenge“ und „Supernatural Superserious“ zeigen R.E.M. wütend, kompakt und überraschend vital. Vor allem – und das ist sicher auch Produzent Jacknife Lee zu verdanken – hat die Band keine Angst vor Größe. Das Ergebnis: 35 Minuten Höchstleistung.
– Viereinhalb Sterne
Finest Worksongs
Murmur (1983)
Das Debüt kippt an einigen Stellen ins Ungefähre. Doch gerade in dieser fehlenden Griffigkeit liegt eine erstaunliche Kraft, die zeigt, was noch kommen wird: Im verschatteten „Perfect Circle“ und in „Pilgrimage“ mit seinem straighten Beat sind spätere Inkarnationen bereits angelegt.
– Viereinhalb Sterne
Fables Of The Reconstruction (1985)
Ihr dunkelstes Album – eine Southern-Gothic-Reise, die von vergangenen Zeiten erzählt, von eigenartigen Orten und den Wegen dorthin. Für die Aufnahmen verließen R.E.M. die USA und arbeiteten mit Joe Boyd in London. Der gab den Gitarren viel Twang und lud Streicher ein, was die Band nur bedingt goutierte. „Driver 8“ ist dennoch ihr bester Song der frühen Jahre.
– Vier Sterne
Lifes Rich Pageant (1986)
Ein Jahr später der Schritt zu einem größeren, allgemeingültigeren Sound. Don Gehmans Produktion gibt den Songs Wucht, ohne ihre fragile Poesie in Frage zu stellen – nachzuhören im formvollendet geschichteten „Fall On Me“. Zudem steht Stipes Stimme so weit im Vordergrund wie nie zuvor.
– Viereinhalb Sterne
Green (1988)
Sollen sie über das Wetter reden? Oder über die Regierung? R.E.M. scheinen nicht so recht zu wissen, wo sie hinwollen. Der Einstieg ins Major-Zeitalter pendelt zwischen ungestümen Single-Kandidaten wie „Pop Song 89“ und getrageneren Stücken. Zur Ruhe kommt das Album kaum – schlimm ist das nicht.
– Vier Sterne
Monster (1994)
Der große Glam-Rock-Ausritt: laut, verzerrt und ironisch. „What’s The Frequency, Kenneth?“ und „Star 69“ zeigen eine Band, die mit ihrer eigenen Ikonografie und der des Rockstars spielt. Bewusste Selbstdistanzierung – denn zeitgleich sterben Stipes Freunde River Phoenix und Kurt Cobain.
– Viereinhalb Sterne
Up (1998)
Bill Berry ist weg. Die elektronische Pluckrigkeit von „Airportman“ wird an anderer Stelle aufgefangen, etwa im berührenden Kammerpop von „At My Most Beautiful“ oder „Daysleeper“. Stipe bezeichnete die schlagzeugerlosen R.E.M. als „dreibeinigen Hund“. Mag sein, dass dieser das Laufen neu erlernen musste. Bellen konnte er noch.
– Vier Sterne
Collapse Into Now (2011)
In „Discoverer“ klingeln die Gitarren wie auf Out Of Time. R.E.M. suhlen sich im eigenen Werk; das letzte Kapitel kommt souverän mit einem Abschiedsgruß in „All The Best“: „Let’s sing it and rhyme / Let’s give it one more time / Let’s show the kids how to do it fine.“
– Vier Sterne
Ignoreland
Reveal (2001)
Ein sonnig flirrendes Update des Up-Sounds. „Imitation Of Life“ ist ein Hit, „All The Way To Reno“ ein würdiger Eintrag in die Liste von Songs über die „Little Big City“. Insgesamt fehlt dem Album jedoch Drive und Dringlichkeit.
– Dreieinhalb Sterne
Around The Sun (2004)
Ihr einziges Werk, das Gefahr lief, egal zu sein. Außer den Singles und „The Outsiders“ rauscht alles durch. Man hatte, so Stipe, „den Fokus verloren“. Stimmt.
– Drei Sterne







