re:publica 2014, Tag 1: Was David Hasselhoff, Sascha Lobo und The Yes Men zu sagen hatten

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re:publica 2014 (Symbolbild)

Die re:publica ist im Jahr 2014 wohl endgültig im Mainstream angekommen. Deutlich machte dies nicht nur die Besuchermenge oder die Anwesenheit klassischer Medien auf der diesjährigen Konferenz, sondern vor allem die Keynote mit David Hasselhoff. Zugegeben, die war nicht so peinlich wie erwartet, aber dennoch peinlich genug. So standen Sicherheitsexperte Mikko Hyppönen und Hasselhoff auf der Bühne um ein crowdgesourctes Manifest zur Freiheit im Internet mit einem einstudierten Dialog zu präsentieren. Ein Wiki – wie revolutionär – als Werbegag also.

Neben den Plattitüden zu der besonderen Beziehung von Hasselhoff zur Berliner Mauer und Deutschland erfuhren wir somit etwa, dass „The Hoff“ es gut findet, dass „the guys, who are not cool“ überwacht werden. Mikko hat auch kein Problem damit, dass Merkels Handy abgehört wurde. Obendrauf gab es Stasi- und Kolonialismusvergleiche. Sicherlich, das Wiki soll Awareness schaffen, aber ob Hasselhoff die dafür notwendige Seriösität schafft? Immerhin war er merklich bemüht und auch bei der anschließenden Fragerunde reagierte er gespielt ablehnend auf die Frage, ob er nicht doch noch einen Song singen würde. „Nein, dies hier ist ein ernstes Thema!“, hieß es erst. Doch „The Hoff“ ließ sich nicht lange bitten. Tosender Applaus und die ersten Zeilen seines Hits „Looking For Freedom“ aus dem Publikum reichen aus, damit er einsteigt. Das Publikum war zufrieden, der Narr hat seine Arbeit getan, hätte aber auch einfacher sein können. Hier der optimale TL;DS („Too Long, didn’t see“) Ablauf:

  • Hasselhoff kommt auf die Bühne, sagt, er findet Nerds geil, weil sie sowas wie K.I.T.T. bauen und schließt an, dass Überwachung scheiße ist
  • Mikko ergänzt, dass die NSA wie die Stasi sei und die USA das Internet wie eine Kolonie behandelt
  • Hasselhoff singt „Looking For Freedom“
  • Ende

Wäre immer noch peinlich, aber wenigstens kurzweilig. Bleibt nur zu hoffen, dass die re:publica die prominente Bühne 1 für viel Geld für das Fremdscham-Event hergab. Denn Geld, das hätten viele wichtigere Projekte tatsächlich nötig.

Daher war bei der „Rede zur Nation“ von Sascha Lobo die fehlende Spendenbereitschaft Thema. Lobo eröffnet mit seinem klassischen Startrant gegen die so genannte Netzgemeinde. Anhand einer Bekassine, einem in Deutschland vorm Aussterben bedrohtem Vogel, wollte er Schuldgefühle wecken. „ Dieser Vogel ist euren Eltern wichtiger als Euch das Thema Netzpolitik“, behauptete Lobo. Dabei hinkte der Vergleich. Um zu erklären, warum ein bedrohtes Tier mehr Geld einsammeln kann als ein komplexes Thema wie Netzneutralität oder Netzpolitik hätte es nur ein süßes Kätzchen gebraucht.

Lobo lieferte die Antwort selbst als er ellenlang die Historie des Überwachungsskandals (euphemistisch als NSA-Affäre bezeichnet) runterrasselte. Das Thema ist schwer zu fassen, es ist komplex. Komplexer als ein vom Aussterben bedrohter Vogel allemal. Schade, denn Lobo war wieder unterhaltsam und sein Anliegen war auch richtig und wichtig. Das Netz braucht keine Hobby-Lobby, es braucht eine Vollzeitlobby und dafür ist Geld von Nöten.

Schon zuvor hatte die Opening Keynote mit den Yes Men zwei Helden des Aktivismus zu präsentieren, die dankenswerterweise betonten, dass ihre Aktionen zwar medienwirksam seien, aber lediglich als Unterstützung der eigentlichen Aktivisten zu sehen sind. Um diese zu unterstützen stellten sie ihre neue Plattform Action Switchboard vor. Insgesamt ein kurzweiliger Vortrag, der aber wohl viel interessanter für Leute war, die mit dem Werk der Yes Men noch nicht vertraut waren.

Ein verstecktes Highlight war das Panel von Lucie Höhler, die exemplarisch über Unsichtbarkeit von Frauen in der Nerdhistorie sprach. Begonnen bei Ada Lovelace über die ENIAC-Programmiererinnen bis hin zu dem Konstrukt der Genius Bros á la Jobs und Wozniak bei Apple oder á la Gates und Allen bei Microsoft. Pionierinnen wie Susan Kare, die maßgeblich am GUI von Apple mitarbeitete, werden verschwiegen. Besonders deutlich wird das, wenn historische Aufnahmen mit Darstellungen in Filmen wie Jobs oder Die Silicon-Valley-Story verglichen werden. Wenn Frauen überhaupt eine Rolle in diesen Filmen spielen, dann als namenlose Nebenfiguren.

Und an dieser Stelle sei auch positiv hervorzuheben, dass die re:publica selbst mit gutem Beispiel vorangeht: 40 Prozent der Speaker sind Frauen. Was ungefähr 40 Prozent mehr ist als in den meisten Vorständen großer Unternehmen.

Ebenfalls ein Highlight war der Vortrag von Anatol Stefanowitsch zum Thema Sprache und wie diese politische beziehungsweise gesellschaftliche Diskussionen beeinflusst. Stefanowitsch unterteilte in Sprachkonservative und Sprachprogressive und erklärte, dass Sprache entgegen Laienmeinung kein Behältnis für Bedeutungen, sondern ein evolutionäres Produkt sei. Das führe zwei Probleme mit sich, eben so wie sprachliche Veränderungen (als Beispiel sei der Einzug englischer Wörter in den Alltagssprachgebrauch genannt) nicht verhindert werden können, können sie anderseits auch nicht erzwungen werden. Sprache lässt sich nicht durch Vorschriften verändern. Stefanowitsch fasst es dennoch schön zusammen in dem er sich selber fragt, ob es dann sinnlos sei Sprache verändern zu wollen. Seine Antwort: „Ja, es ist völlig aussichtlos, wir sollten es aber dennoch versuchen!“

Viele der Beiträge gibt es übrigens bereits jetzt auf YouTube.



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