Ed O’Brien – „BLUE MORPHO“: Sucht, Falter, Epworth
Der Radiohead-Gitarrist lädt mit sphärisch-spiritueller Schwebemusik zum Eisbaden ein.
Blue Morpho, der blaue Morphofalter, ist ein Schmetterling, der in Südamerika heimisch ist. Er gehört zur Familie der Edelfalter und seine Flügel schimmern metallisch. Er ist durch die Abholzung der Regenwälder bedroht. Radioheads Gitarrist Ed O’Brien benannte sein zweites Soloalbum nach ihm, weil sein Glaube an die Heilung durch Naturerlebnisse irgendwann durch das Verschwinden bestimmter Arten des Pflanzen- und Tierreichs erschüttert wurde.
Auf insgesamt sieben Tracks befasst sich O’Brien auf BLUE MORPHO mit seinen persönlichen Befindlichkeiten. Sein Strugglen mit Süchten und Depressionen wurde während der Pandemie zu einem besonderen Thema, dem er sich nun auch musikalisch zuwendet. Wie klingt das? Sphärisch, würde ich sagen. Und komplex. Als würde man in seinem Kopf umhertapsen, auf der Suche nach Liebe und Antworten. Und ja – man hört eine gewisse Radiohead-Haftigkeit heraus. Das Flehende, Dringliche nimmt Raum ein.
Produziert wurde das Ganze von Paul Epworth, der durch seine Arbeit für Adele und Coldplay bekannt geworden ist. Eine spannungsreiche Kombi, die allerdings Überraschendes entstehen ließ: verflüssigte Sounds und spirituelle Momente nämlich. O’Brien beschäftigt sich privat mit den Lehren des niederländischen Sportlers und Philosophen Wim Hof. Den finde ich aus vielen Gründen windig, aber wer nach Halt sucht, klammert sich ja manchmal aus Versehen an morsche Bäume. „Sweet Spot“ gefällt mir am besten. Es hat etwas von der schönsten Phase der Beach Boys. Den Rest des Albums in der Badewanne zu hören ist bestimmt kein Fehler, wenn man sich in interessante Gedanken verlieren will. Wim Hof rät zu Eisbädern. Das könnte sich in den eigenen vier Wänden schwierig gestalten. Meinetwegen kann aber ersatzweise kalt geduscht werden.