Joshua Ray Walker – AIN’T DEAD YET: Krebs, Country, Selbstvergewisserung

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Der Country-Erneuerer richtet seinen Blick nach innen.

Joshua Ray Walker suchte das Personal seiner Songs bislang mit Vorliebe am Rand der Gesellschaft. Sein sechstes Album AIN’T DEAD YET verschiebt nun diese Ordnung, indem es den Blick nach innen richtet. Formal bleibt vieles vertraut: die Instrumentierung des klassischen Americana, die präzise gebauten Songs, die charakteristische, hohe Stimme und der Blick, der sich zugleich Richtung Outlaw- als auch Richtung Bakersfield-Country richtet.

Inhaltlich jedoch verdichten sich die Motive zu einer Art Selbstbefragung. AIN’T DEAD YET ist ein Album über Erschöpfung, über Kontrollverlust, über die leise Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Diese Ahnung bekam im Nachhinein einen Namen: die Diagnose Krebs. Der Albumtitel ist also nicht nur als Hinwendung zur klassischen Country-Ikonografie zu verstehen („Ain’t Gonna Die“ sang einst Justin Townes Earle, „I’m Still Here“ der große Willie Nelson), sondern auch Selbstvergewisserung, die freilich nie allzu kontemplativ anmutet.

Nach wie vor hat der Texaner Lust daran, in seinen Songs etwas explodieren zu lassen. Sie so anzulegen, dass sie eben nicht ins Formatradio passen, oder vielleicht vor 30 Jahren gepasst hätten. Darüber nachzudenken ist müßig, klar dürfte sein: Songs wie das humorige „Texas Sober“ oder das von zackigen Bläsern dekorierte „Shoot Me Straight“ können es mit den vielgelobten Erzählungen des Frühwerks locker aufnehmen. Und das finale „Thank You For Listening“ ist eine der berührendsten Dank­sagungen seit Langem.

Deine Datensicherheit bei der Nutzung der Teilen-Funktion
Um diesen Artikel oder andere Inhalte über Soziale-Netzwerke zu teilen, brauchen wir deine Zustimmung für