Album der Woche

Julia Shapiro Zorked


Suicide Squeeze/Cargo (VÖ: 15.10.)

von

Was bedeutet eigentlich „zorked“? Es steht ja in keinem anständigen Wörterbuch. Nur in den unanständigen, wie dem Urban Dictionary. Auch die schwurbeln etwas vor sich hin, aber zumindest wird schnell klar, dass „zorked“ nichts damit zu tun hat, den Zonk, also die sweete rote Plüschratte in der Spielshow „Geh aufs Ganze!“ zu gewinnen.

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Nein, „zorked“ meint vage etwas wie „besoffen“, also auf Messers Schneide zwischen Bewusstseinserweiterungshigh einerseits und Filmrissdown andererseits – wobei Julia Shapiro, die man als Sängerin und Rhythmus-Gitarristin der Washingtoner Indie-Rock-Band Chastity Belt (zu dt. Keuschheitsgürtel) kennen kann, nein, kennen sollte, sich nicht einfach bloß ein Glas Spätburgunder gegönnt hat, sondern einen Trip auf Pilzen.

Julia Shapiro stellt klar, dass sie keine Ratschläge von Männern will, mal bitte mehr zu lächeln

Herausgekommen ist jedenfalls dieses wunderbar noisige Songwriter-Album, das im Vergleich zu Chastity Belt weniger Punk und dafür viel mehr Shoegaze ist. Julia Shapiro stellt klar, dass sie keine Ratschläge von Männern will, mal bitte mehr zu lächeln, und dass sie auch keine weiße Decke ist, auf die sich Männerfantasien projizieren ließen. Was hilft gegen das Weißedeckesein? Klar, Düstersein.

Das Kunststück, dass Julia Shapiro dennoch bei diesem Summertime-Sadness-Album (eigentlich war sie extra der Sonne wegen nach L. A. gezogen, dann kam der Covid-Lockwdown 2020) gelingt: Zwar betrachtet sie die Welt „through shit-colored glasses“, wie sie selbst singt, und steigert sich über dissonanten Akkorden und dröhnenden bis zugedröhnten Drones in die eigene Sprachlosigkeit hinein, allerdings bemerkenswert wortgewandt – und kriegt dann immer wieder, klanglich wie lyrisch, die Kurve: „Truth is mindless / But I don’t wanna die.“ Danke dafür. Eigentlich wollten wir kein Lockdown-Album mehr. Doch dieses lässt in seiner Düsternis alle anderen blass aussehen.


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