Mon Rovîa
BLOODLINE
Nettwerk/Bertus (VÖ: 9.1.)
Eine traumatische Migrationsgeschichte in Folk-Songs.
Da hat einer seine Madeleine tief in den Tee getunkt. „Some things, they can take you right back“, singt Mon Rovîa zu Beginn von BLOODLINE – und taucht dann ab in seine Vergangenheit, die in Liberia beginnt, nach dessen Hauptstadt Monrovia sich der Musiker, der eigentlich Janjay Lowe heißt, benannt hat. Während des Bürgerkriegs wird er adoptiert von christlichen Missionaren, die mit dem Kind zurück in die USA ziehen, ihn streng religiös erziehen und von seiner Geschichte abschneiden.
Heute lebt er in Tennessee – und erforscht auf Reisen nach Liberia und in seiner Musik seine Wurzeln. Die hat er bereits auf einer Serie von vier langen EPs aufgearbeitet, und setzt diese Aufgabe nun auf seinem Debütalbum fort. „I remember it like it was yesterday“, singt er in „Day At The Soccer Fields“ – und erinnert den täglichen Horror eines Lebens voller Krieg, Vertreibung, Verlust .
Mühsam gräbt sich Mon Rovîa durch Trauma und verschüttete Erinnerungen: „Where’s the rest of my mind?“, fragt er in „Running Boy“. Diese Erinnerungsarbeit kommt allerdings musikalisch leichtfüßig daher, eine schattenhafte Melancholie legt sich auf die stets eingängigen Melodien, die eher unbeschwert und bisweilen sogar nah am Kitsch über einer meist akustischen Folk-Begleitung segeln. Nur gelegentlich tauchen Anklänge an seine westafrikanische Heimat auf. Eine Melodieführung da, ein Rhythmus dort, sie fallen wie Krümel von der Madeleine.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



