Album der Woche

Moritz Krämer Die traurigen Hummer


Tapete/Indigo (VÖ: 1.10.)

von

Da hatte Moritz Krämer vor rund zehn Jahren ein Album namens WIR KÖNNEN NIX DAFÜR aufgenommen, eine Platte voller Stadt-Land-Fluss-Beobachtungen am Abgrund, mit unfassbar guten Liedern wie „Nachbarn“, wo der Balkon zum Laufstall wird und der Songwriter am emotionalen Höhepunkt den Satz „Holzspielzeug hat seine Beziehung versaut“ singt, und zwar so, dass man danach erst mal alles zur Seite legen muss, so berührt einen das.

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Was folgte: Filme, Erfolge als Teil der Höchsten Eisenbahn, zuletzt die klugen Liebe-und-Business-Reflexionen, die vor zwei Jahren als Doppelalbum mit dem Titel ICH HAB EINEN VERTRAG UNTERSCHRIEBEN 1&2 erschienen. Alles großartig, aber doch war da eine Leerstelle, das Gefühl, dass WIR KÖNNEN NIX DAFÜR etwas einsam in dieser Diskografie steht.

Typische Krämer-Geschichten, Krämer-Wendungen und Krämer Sätze

Diese ist nun gefüllt: Die Lieder auf DIE TRAURIGEN HUMMER bieten typische Krämer-Geschichten, Krämer-Wendungen, Krämer Sätze. „Nackt und einsam“ zum Beispiel beginnt als lässiger Funk-Pop-Song, nach gut zwei Minuten wechselt der Singer/Songwriter in seinen kauzigen Nuschelgesang, man versteht ihn kaum noch, dann singt er über jemanden, der grundlos lacht, Krämer findet: „Wenn das deine Krankheit sein soll, werd’ bitte nie mehr gesund“ und dreht das Lied in ein grandioses Pop-Finale, als gäbe es keine leichteren Übungen.

Fast jeder Song besitzt solche Aha-Momente: „Austauschbar“ klingt in den Strophen wie ein Flummi, dem jemand zum Refrain Flügel verleiht, „Schwarzes Licht“ ist ein Duett mit Larissa Pesch und handelt handelt zugleich von Depression und Eleganz, „Beweisen“ besitzt die erzählerische Dichte eines Romans. Diese Bilder, diese Sätze, diese Gedanken: „Ich war da, ich hab’ mich für irgendwas zurechtgemacht, was dann gar nicht kam“ – kaum vorstellbar, aber Krämer macht daraus eine der besten Popzeilen des Jahres. Was es mit den TRAURIGEN HUMMERN auf sich hat? Das Titellied erzählt davon, das Cover irgendwie auch: „Jeder muss gucken, wo er bleibt.“


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