Highlight: Die 20 besten Momente aus 21 Jahren „Splash!“-Festival

Rückblick Berlin Festival 2011: Glieder in Bewegung!

Am Wochenende mündete die Berlin Music Week im Berlin Festival inmitten der Kulisse des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. Zwei Tage, an denen man sein Zelt zu Hause lassen konnte. Entweder man machte Freitag und Samstag zu einem einzigen langen Tag und ging auf Club-Tour in der Nacht, oder man musste sich ein Bett mieten, wenn man nicht sowieso schon eines in  Berlin hatte.

Das Festival-Gelände war im Gegensatz zum letzten Jahr zum Glück schleusenlos. Es erleichterte den Besuchern zwischen drei bespielten Bühnen hin und her zu wandern, um möglichst unkompliziert sein eigenes Konzertprogramm einhalten zu können. Das hätte man sich im vergangenen Jahr auch so gewünscht…

Gelände-Attraktionen waren: Eine im Tageslicht eher trostlose und am späten Abend dann doch von vielen begrüßter Autoscooter, der für einen Hauch von Rummel-Gefühl sorgte. Das „Art Village“, in dem sich  über 20 Künstler zum Themenschwerpunkt „50 Jahre Mauerbau“ äußern dürften. Inmitten 50 verschachtelt aufgestellter und mit Kunst verzierter Mauerfragmente konnte man unter anderem Basarstände oder Fotogalerien besuchen. Was wäre auch ein Berlin Festival ohne „Art“? Dürftig, in Anbetracht der Stadt der zig Galerien. Eine „Silent Disco“ isolierte die Masse auf einer abgezäunten Fläche, auf der sie mit Kopfhörern, aus denen Musik von einem Kölner DJ Team tönte, ihren eigenen Rhythmus finden mussten. Niemand konnte wissen, wer jetzt gerade nicht im Takt ist, denn die Musik gehörte dem Besucher für einen Moment allein. Werbe-Stände hielten sich in Grenzen. Wenn man sich allerdings von hinten nach vorn bewegte (also von Hangar 4 bis Hangar 5) kam man an drei Ständen nicht vorbei: Erst wurde man mit dem Claim „Be Marlboro“ dazu aufgefordert sich mit einem Glimmstängel zu identifizieren, was nicht nur Nichtrauchern schwer gefallen sein dürfte. Wenige Schritte weiter sollte man dann seine „Stimme gegen Armut“ abgeben. Und wenn man dann Marlboro war und brav seine Stimme gegen Armut abgegeben hat, nachdem man sich für 4,50€ (incl. Pfand) ein Bier gekauft hat, dann wurde man auch noch mit einer Kinderportion „Tic Tac“ belohnt, die einem immer wieder in kleinen Döschen in die Hände gereicht wurden.

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Aber nun zu den Acts des Wochenendes: Am Freitag eröffnete James Blake das Festival pünktlich um 14 Uhr. Und die Masse war eher eine überschaubare Menschentraube vor der Hauptbühne, die den Empfang allerdings lautstark würdigte. Auch wenn man von einer Welle tiefer Bässe übermannt wurde, war James Blake mit seinem Dubstep-Elektro-Sound und seiner Ausnahme-Stimme einer der Headliner. Er zeichnete sich zwar nicht durch seine musikalischen Jahrzehnte aus, die er schon auf dem Buckel hatte, aber er war der junge Held auf der großen Bühne, so wie man ihn bereits nach seinem selbstbetitelten Album heroisierte. Dass er für manche Geschmäcker manchmal den Einsatz von „Stimmverzerrern“ reduzieren könnte, um an klarem Stimmglanz zu gewinnen, macht die ganze James-Blake–Geschichte einfach zu einer Geschichte mit viel Potential.

Wenn man zu dieser frühen Tageszeit unter grauem Himmel noch nicht so recht in Festival-Laune kommen wollte, und zwischen Austra, Waters und Yelle hin und her sprang, dann war man sicherlich nicht schlecht bedient. Kühler, fast sphärische Elektronika von Austra. Disco-Pop von Yelle. Und Indie-Rock von Waters. Dennoch wartete man schon sehnlichst auf The Rapture um 16. 30 Uhr. Sie verpulverten gleich ihre neue Single „The Grace Of Your Love“, aber es war nur der Startschuss für ein Konzert, das die Glieder in Bewegung setzte. Es mussten keine Beat-animierten Tänze auf der Bühne her, um die Menge zu verzücken. Es genügte die lässige Haltung eines Rockstars und der nötige Respekt, den er seiner Band zollte, indem er auch mal die Bühne verließ und sie im Spotlight stehen ließ. Er suchte derweil Publikumsnähe und vergnügte dieses am Ende noch mit einem gekonnten Stagediving.

The Drums bespielten im Anschluss die Hauptbühne. Auch hier überzeugte Frontmann Jonathan Pierce mit Lässigkeit, die für manch einen aber auch als „ Langeweile“ wahrgenommen wurde. Sie schnürten ein Set mit dem richtigen Verhältnis von alten und neuen Songs und spielten sie halt einfach solide hintereinander weg. Wer die Alben von The Drums mag, der konnte sich die Songs live anhören und sollte weitestgehend zufrieden gewesen sein. Wer eine außergewöhnliche Tanz-Performance auf der Bühne erwartete, der musste mit der Enttäuschung leben, dass Jonathan Pierce ehr zum „Rumschlurfen“ zumute war.

Nachdem man sich von Clap Your Hands Say Yeah begeistern ließ, weil sie mit wenig Aufwand und dürftigem Sound trotzdem darauf hinwiesen, dass eine alte Britpop-Liebe nicht rostet, waren dann auch schon die Headliner des Freitags an der Reihe: Primal Scream. Sie spielten vor allem ihr Album „Screamadelica“ in live. Es sei mal dahingestellt, dass man schon ein bisschen mit dem Gefühl kämpfen musste, dass man jetzt mit so einer „Nostalgie-Keule“ geschlagen wird. Zumal eine Leinwand das Album wie früher mit bunten Retro-Bildern visualisierte. Es war vielleicht nicht der Ruhm, den sich Veranstalter erhofften – weder in Kartenverkäufen noch im Publikum spiegelte er sich so wieder wie er erwartet wurde. Dennoch: Fans nutzten dieses Konzert, sich an 1991 zu erinnern und wollten diesem wohl einmaligen Erlebnis, „Screamadelica“ von den alten britischen Indie-Helden live zu hören, nicht fern bleiben. Der Rest vom Publikum, der schon mal was von Primal Scream gehört hatte, aber nichts mit dieser Band verband, der hatte sich zumindest anstecken lassen von diesem großen Tam-Tam um eine Band und ihr hochgelobtes Album von früher. Suede beendeten den ersten Abend danach würdevoll mit einem einstündigen Set.

Der Samstag sollte dann nicht nur in punkto Besucherzahl einen Aufschwung erfahren, auch das Line-up sollte seinen eigentlichen Höhepunkt mit den Beginnern erlangen. Davor versuchten Retro Stefson am frühen Nachmittag die Menge mit einem Tanztrainings-Programm aufzulockern, mussten sich jedoch mit einer kleinen Gruppe zufrieden geben, die sich animieren ließ. Tune Yards etablierten sich allerdings als die Helden vom Hagar 4. Sie ließen den Hörer vermuten, dass man es hier mit einer Art experimenteller Weltmusik zu tun hat. Frontfrau Merrill Garbus huldigte ihren Looper, den sie zu einem der wesentlichen Partner ihrer eigenen Stimme machte. Mit einer Ukulele am Stromkabel gab sie ihren Songs die nötigen Melodien. Und ihre Band experimentierte mit Topfdeckel, Percussion und Saxophon. Was dabei herauskam war ein großartiger Auftritt einer Band, für die die Fläche der Bühne voll und ganz reichte, aber dennoch Größer hätte sein können. Aloe Black sorgte auf dem Festival für raren Soul und R’n’B. The Naked and Famous überzeugte das Publikum danach aber gleich wieder mit dem sonst so gewohnten elektronischen Sound.

Beirut brach mit genau diesem Sound und öffnete die Ohren für Beirut’sche Klänge, wie sie ein echter Fan der Band nicht hätte schöner zu Ohren bekommen können. Sie wirkten vielleicht für manch einen fehl am Platze, einfach weil man sich umstellen musste, wenn man auf die meist vertretene Elektro-Musik eingestellt war. Wer sich nicht umstellen wollte, der hat sich dann bei Boys Noize wieder ganz zu Hause gefühlt. Da war sie plötzlich: Die Show für alle Sinne und der Elektro mit seinen „ Extremen“. Mit Pyrotechnik und Dampfmaschinen, mit lauten Bässen und Alexander Ridha hinter den Tellern schienen die Leute plötzlich den Himmel auf Erden zu erleben. Es wurde abgefeiert, als gäbe es etwas zu feiern. Und es wurde getanzt, als hätten sich so viele ihre Energie für diesen Act aufgespart. – So war es. Und es war Geschmacksache.

Und dann war es auch endlich so weit: Die Beginner kamen auf die Bühne. Den Anzug tauschte Jan Delay gegen einen schwarzen Alltags-Dress ein, der HipHop tauglich war. Ein T-Shirt mit Darth Vader und Lichtschwert, Sonnenbrille und Cap komplettierten sein Dress. „Wir haben eine Show vorbereitet, die geht so in Richtung Classics“ verkündet Denyo und das darauffolgende Set brachte keine Enttäuschung, wenn man es wörtlich nahm. Hits von früher wie „Fäule“, „Hammerhart“ oder „ Liebeslied“ sollten heute in neu arrangierter Form das Bindeglied zwischen den Beginnern von damals und heute schaffen. Dass Jan Delay, Denyo und DJ Mad damit auch mal „ins Klo griffen“ und die Hits aus ihren erfolgreichen Alben „Bambule“ und „Blast Action Heros“  ihrer „Hittauglichkeit“ entkleideten und sie stattdessen in ein Elektro-Gewand kleideten, schien die Masse nicht zu stören. Skeptiker standen am Ende weitestgehend allein mit ihrer Skepsis. Fans fühlten sich so, als hätte man ihnen ihr musikalisches „Blüte-Jahrzehnt“ wieder hergezaubert. Und die, die mit den Beginnern noch nie etwas anfangen konnten, konnten jetzt noch viel weniger was mit ihnen anfangen. Die Songs wurden mit Bildern visualisiert, wie man sie auch in den 90ern ausgewählt hätte, sehr authentisch also. Rote Herzen werden in Windeseile in den Vordergrund gezoomt. Nikeschuhe zieren den Hintergrund, während Jan Delay das Publikum auffordert, ihre Nikes auszuziehen und sie den Adidas-Trägern auf den Kopf zu hauen. Und das alte Beginner-logo wird auch immer wieder ins Gedächtnis gerufen.

Es wurde sicherlich viel erwartet von den Beginnern und sie haben sich davon nicht einschüchtern lassen. Denn ihre Beginner-Coolness haben sie stets konserviert und am Abend zum Einsatz bringen können. Es war sicherlich ein würdevolles Ende, welches die Headliner des ganzen Festivals dargeboten haben. Und für alle Hip Hop-Ächter gab es ja auch noch eine ebenso würdevolle Alternative: Mogwai.

Insgesamt musste das Festival mit einer lauen Besucherbilanz leben. Letztes Jahr waren es 20 000, dieses Mal nur insgesamt 15 000 Besucher. Während sie letztes Jahr aber viel Kritik für die Organisation einstecken mussten, weil das Festival wegen des Gedränges vor einer Halle abgebrochen wurde, muss man sie dieses Jahr loben. Die Bands spielten pünktlich. Wenn man nicht in der Menge stehen wollte, stellte man sich halt an den Rand und konnte das Konzert auch von da aus anhören. Der Sound war nicht immer der beste, oft verlor er sich in einem „Einheitsbrei“, war zu leise oder zu laut. Dennoch war es gleichzeitig oft auch eine Einbuße gegenüber der komfortablen und allseits beliebten zaunlosen Publikumsbereiche im Freien. Es bleibt ein Open-Air-Kunststück, den Sound im Freien so Kristall klar zu produzieren, wie er in geschlossenen Räumen sein könnte.

Fazit: Die Leute haben ihr Gehör mittlerweile an synthetische Sounds gewöhnt und bestimmen damit ein Stückweit den Tenor eines Line-Ups. Die meisten sollten gut bedient gewesen sein. Und die anderen auch, wenn sie sich ihr eigenes Line Up gestaltet haben – Sie konnten es jedenfalls sehr unkompliziert abarbeiten.

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