Samy Deluxe über Rap im Wandel


Verdammtnochma! Auf seinem neuen, vierten Soloalbum SchwarzWeiss zeigt sich Deutschrap-Ikone Samy Deluxe wieder sauer. Die Wut des 33-Jährigen richtet sich gegeneine Gesellschaft, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet,und gegen die neue Generation deutscher Rapper.

Herr Deluxe, in „Poesiealbum“ klagen Sie: „Ich hab‘ dieses Haus hier mit aufgebaut. Ihr habt’s demoliert.“ Steht es so schlimm um den deutschen HipHop?

Deluxe: Das ist ein Battletrack, der nicht wörtlich zu nehmen ist. Aber ich sehe tatsächlich wenige, die HipHop gut darstellen. Jeder hat sein Image. Jeder will schocken. Man hört sich das an und denkt: „Ah, die haben immer noch einen Penis als Logo. Ah, der rappt immer noch über seinen Schwanz.“ Keiner macht sich die Gedanken, die wir uns damals machten. Früher war der Kontext wichtig, in dem du „Motherfucker“ gesagt hast. Heute ist es wichtig, einfach nur „Motherfucker“ zu sagen.

Anfang des Jahrtausends waren auch Sie an einigen Grabenkämpfen des deutschen Rap beteiligt. Verbal wurde das durchaus deftig.

Deluxe: Zwischen mir und Azad war das ein Gentlemen’s Battle mit gerecht verteilten Waffen. Er schrieb einen Text, ich reagierte. Das klang zwar manchmal fies, aber man half sich damit letztlich, weil HipHop dadurch wieder interessant wurde.

Und heute?

Deluxe: Heute kann es passieren, dass eine Textzeile zu direkten gewalttätigen Reaktionen führt. Und es gibt diese Internet-Ansagen. Furchtbar. Es ist ja wohl das Albernste der Welt, sich vor eine Webcam zu stellen, jemanden zu dissen und das dann auf YouTube hochzuladen.

Vielleicht ist YouTube einfach das Medium der Nachwuchsrapper?

Deluxe: Sicher. Aber das hat auch andere Gründe. Bei uns war die Antwort auf die Frage „Was musst du machen, um erfolgreich zu werden?“ klar. Es gab Jams. Bei denen wolltest du gewinnen. Und dazu musstest du dich von dem ganzen anderen Rest abheben. Es gab die Beginner hier aus Hamburg, es gab Doppelkopf. Es gab F.A.B. aus Bremen, Spezializtz aus Berlin und Freundeskreis aus Stuttgart. Alles gute Live-Acts. Jeder hatte seinen eigenen Style. Heute schaut jeder nur, was als Letztes klappte. So ist dann aber auch die Haltung. Ich mache manchmal Rap-Schul-Workshops: Was junge Rapper heute erwarten, ist zum Teil totaler Blödsinn.

Was erwarten sie denn?

Deluxe: Die wollen sofort Stars sein. Irgendein 15-Jähriger steht da mit seinen 1,50 Metern und erzählt dir was von Waffen und Drogen. Wenn man dann fragt: „Verkaufst du denn jeden Tag das Kilo Koks, von dem du da sprichst?“, dann kommt: „Nee, aber is‘ cool, darüber zu rappen.“ Die wundern sich, dass ich keine Villa habe, sondern ein Tonstudio. Und dass ich einen VW fahre und keinen Sportwagen.

Sido ist mittlerweile Teilhaber eines Tattoo-Studios, Bushido hat einen Klamottenladen. Wäre so etwas für Sie interessant?

Deluxe: Ich kenne mich in der Welt von den beiden nicht so aus. Kann sein, dass es da einfach oder auch sinnvoll ist, einen Laden zu eröffnen. Ich verdiene mein Geld mit Musik und habe die Absicht, das weiterhin zu tun.

Sie sind auch mal für die „Popstars“-Jury angefragt worden. Wäre das nichts gewesen?

Deluxe: Ich bin für vermutlich jedes Fernsehformat dieses Landes angefragt worden. Nur das mit den Talkshows hat nach meinem letzten Album Dis wo ich herkomm aufgehört. Weil meine Grundaussage die meiner Gegner war. Nur kam die eben aus meinem Mund. Die Fernsehsender wollen lieber jemanden wie Bushido da sitzen haben. Einen, der alle Klischees erfüllt, nicht einen, der sich ausdrücken kann.

Wenn Sie sich Ihre Mitstreiter aus den ersten Rap-Jahren anschauen: Was machen die? Wie viele sind beim Rap geblieben?

Deluxe: Wenige. Viele machen nichts. Aus einem Künstlerdasein ins normale Leben zurückzufinden, ist irre schwer. Im Rap ist das noch schlimmer. Wer allen anderen mal erzählt hat, dass er der nächste Superstar wird, setzt sich nicht mehr so schnell bei Penny an die Kasse. Aber ich habe neulich gelesen, dass David P. von Main Concept Arzt geworden ist. Es geht also auch anders.

Ist HipHop vielleicht doch einfach eine Jugendbewegung?

Deluxe: Auf jeden Fall. Viele der alten Helden haben sich schließlich davon entfernt, versuchen sich an anderer Musik. Aber ich glaube nicht, dass das so bleiben muss. Die ersten kommen schon zurück. Beginner spielen wieder live, vielleicht gibt’s da ein neues Album. Vielleicht wird Max Herre auf seiner nächsten Platte wieder rappen. Und das ist auch meine Motivation: den Leuten zu zeigen, dass Rap cool ist.

Albumkritik S. 94

Samy Deluxe wurde 1977 als Samy Sorge in Hamburg geboren. Von 1997 bis 2000 war er MC der HipHop-Formation Dynamite Deluxe. Bundesweit bekannt wurde er 1999 mit einem Featuring auf der Beginner-Single „Füchse“. Alle seine Soloalben erreichten die Top 3 der deutschen Charts. 2008 waren Dynamite Deluxe wieder aktiv.