Serious SIA: Warum Sia Furlers Versteckspiel sie zum ehrlichsten aller Popstars macht

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Die Frau ohne Gesicht: SIA zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit

Meine allererste Kolumne beschäftigte sich mit dem Schockierenden im Normalen. Es ging um Lorde, Myriam Bryant und Co. als unglamouröser Gegenentwurf zu Gaga und den ganzen anderen Showmäuschen.

Seitdem ist viel passiert. Lorde kann sich nicht mehr so ganz dem Moderummel entziehen und wirkt deutlich zurechtgemachter als zu Beginn und Myriam Bryant ist (leider) so gut wie gar nicht mehr präsent. Seit kurzem ist Sia Furler alias SIA wieder auf der Bildfläche erschienen und geht die Sache mit dem Auftreten in der Öffentlichkeit erneut ganz anders an. Sie verweigert einfach jegliche Fotos für Interviews (wie hier für die NY Times), veröffentlicht Pressefotos mit einer braunen Papiertüte auf dem Kopf und zeigt bei Auftritten wie hier bei Ellen nicht ihr Gesicht. Wie ein kleines Mädchen, das Ärger bekommen hat, sieht man sie dort im Spotlight in der Ecke stehen und singen. Im Vordergrund steht, wie in ihrem Video zu „Chandelier“ auch, ein elfjähriges Mädchen.

Das Prinzip des versteckten, beziehungsweise im Hintergrund agierenden Künstlers ist natürlich nicht neu. Nehmen wir beispielsweise Damon Albarn und die Gorillaz. Hier waren es Comicfiguren, die als Band nach außen hin kommuniziert wurden. Albarn und alle anderen Musiker blieben im Hintergrund. Wenn Künstler entscheiden, sich hinter einer Kunstfigur zu verstecken oder sich unter anderem Namen neu zu erschaffen (beispielsweise Ziggy Stardust), hat das unterschiedliche Gründe, sei es Spaß an der Freude, Geltungsbedürfnis oder einfach Zwang vom Management. Als Lady Gaga Jo Calderone erschuf (sich selbst als Mann), konnte man sich sicher sein, dass sie das lang und ausführlich ausreizen wollte, nur irgendwie ging diese eigentlich witzige Idee unter dem ganzen abgedrehten Verkleidungswust unter. Die Gorillaz waren da eindeutig erfolgreicher und zweifelsohne eine großartige „Band“. Allerdings ist auch so eine Idee irgendwann (in diesem Fall nach beachtlichen vier Alben) durch.

Wo Gaga und Gorillaz aufhören tiefer zu gehen, setzt SIA an. Keine Comicband, keine Verkleidung sondern einfach alle möglichen Personen mit ihrem typischen blonden Bob. Und wo Management, Spaß oder künstlerischer Anspruch sonst treibende Kraft waren, ist es in diesem Fall sie selbst. In einem Interview für die New York Times gibt sie an, in der Vergangenheit an der Öffentlichkeit, ihrer Bekanntheit etc. fast zerbrochen zu sein und 2010 sogar einen Abschiedsbrief geschrieben zu haben. Glücklicherweise kam es zu keinem Suizidversuch. Natürlich soll das nicht heißen: Man braucht einen Suizidversuch, um sich glaubwürdig in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Vielleicht jedoch ist SIAs künstlerischer Ansatz mit das Ehrlichste, was es zur Zeit in den Charts gibt.

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Jan Schmechtig bloggt unter Horstson.de über Männermode und Musik – und in loser Regelmäßigkeit auf musikexpress.de.



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