Interview

Sero im Interview: „Viele Rapper sind nur noch Karikaturen von Menschen“

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Der Name Sero mag noch nicht allen Deutschrap-Fans ein Begriff sein, doch hat der Rapper aus Berlin-Schöneberg schon eine beachtliche Diskographie vorzuweisen. Nach seinem Debütalbum ONE AND ONLY aus dem Jahr 2017, brachte er innerhalb von zwei Jahren drei EPs sowie diverse Singles heraus. Kurze gebündelte Werke, in denen Sero zeigen konnte, wie facettenreich er in seinem künstlerischen Ausdruck sein kann und will. Dabei fällt es nicht immer leicht, den Rapper einzuordnen, der einst mit typischem Battle-Rap startete und dann plötzlich begann, sein tiefstes Innerstes nach außen zu kehren. In seinen Texten geht es häufig um Angst, Depressionen, Liebe und hin und wieder ein wenig Größenwahn. Anfang 2020 war Sero zudem in einem Kieler „Tatort“ zu sehen – in einer Hauptrolle. In unserem Interview sprachen wir mit dem Rapper über seine Persönlichkeitsentwicklung, Ehrlichkeit im Deutschrap, Genre-Grenzen und über sein aktuelles Album REGEN, das am 27. November erschienen ist.

Musikexpress.de: Dein aktuelles Album trägt den Namen REGEN. Deine bisher letzte EP trug den Namen STORMY. In Deinen Texten und in Interviews nennst Du Dich oft den „Regenmacher“. Woher kommt Deine Faszination für schlechtes Wetter?

Sero: Ich würde Regen überhaupt nicht als schlechtes Wetter bezeichnen. Ich finde Regen und Sturm total schön. Hat was Gemütliches. Diese Metapher stammt aus der Zeit, in der ich mit meinen Eltern zusammen in einem Hochhaus gewohnt habe. In der Decke meines Zimmers gab es damals einen kleinen Riss. Als ich damals meine ersten Texte schrieb, hat es geregnet und auf mein Textblatt getropft. Das ist dann irgendwie zu einer Art Prophezeiung geworden, denn jedes Mal, wenn ich einen Song herausbringe, regnet es. Mittlerweile ist das schon ein bisschen gruselig.

Das sagst Du doch nur so, weil es eine schöne Geschichte ist.

Nein, das ist wirklich so. Es ist sogar teilweise dokumentiert. Es gibt einen Video-Blog, der zeigt wie ich zum Splash-Festival fahre, aus dem Bus steige – und es regnet. Deswegen bin ich der Regenmacher. Dieser Name war wohl wegweisend.

Nach Deinem Debütalbum ONE AND ONLY hast du zuletzt in relativ kurzer Zeit 3 EPs veröffentlicht, was dem Zeitgeist sehr entspricht. Jetzt bist Du wieder bei dem Format Album angelangt. Ist das nicht schon wieder oldschool?

Es war einfach mal wieder Zeit für ein längeres Projekt. So zeitgeistig eine EP auch sein mag und wie gut das für den Algorithmus und den Markt auch funktionieren mag, ich bin einfach ein Album-Fan. Ich mag gebündelte Werke. Und da ich bereits die Metapher „Regen“ hatte, wollte ich mit meinem Produzenten Alexis Troy einfach einen Film schreiben. Die Singles sollten für sich stehen, sich aber auch gegenseitig beeinflussen.

In der Pressemitteilung steht: Das neue Album soll als „Gegenthese“ zu Deinem ersten Album verstanden werden. Wie ist das gemeint?

„Gegenthese“. Großes Wort. Das sind wahrscheinlich die Sätze, die Leute gerne mögen. Ich habe das Album nicht als Gegenthese geschrieben, aber ich höre mich tatsächlich anders an, als auf meinem ersten Album von 2017. ONE AND ONLY war vielleicht ein bisschen Deutschrap-typischer. Dort bediene ich mich eines Gottkomplexes, den ich immer noch manchmal raus hängen lasse. Das war noch extremer „In-die-Fresse-Rap“. Ich war auch ziemlich wütend, als ich dieses Album geschrieben habe. Das neue Album ist wesentlich nahbarer, sensibler und filigraner geworden als das erste. Das kann man auf jeden Fall sagen.

Deine Texte bestechen vor allem durch ihre Ehrlichkeit. Auch durch den Umgang mit Deinen eigenen Abgründen und persönlichen Tiefpunkten. Würdest Du sagen, dass es Deutschrap an Ehrlichkeit fehlt?

Es fehlt Deutschrap an Authentizität. Das beziehe ich nicht auf diese „Straßen-Ebene“. Deutschrap fehlt es einfach an Menschlichkeit. Im Grunde sind viele Rapper doch einfach nur Karikaturen von Menschen. Ich glaube viele Rapper vergessen manchmal, was für einen Einfluss wir haben und was unsere Musik für andere bedeuten kann. Abgesehen von dem Geld, das wir damit verdienen. Das ist auch natürlich auch wichtig. Jeder braucht fette Karren und Ketten (lacht). Aber danach geht es einfach um Musik. Jeder Mensch hat doch diese Songs im Leben, die geprägt und geholfen haben. Ich stecke mein ganzes Leben schon in einer Identitätskrise, weil ich nirgendwo richtig reinpasse. Den Leuten fällt es auch manchmal schwer, mich zu verstehen. Die Musik hat mir eine Heimat gegeben. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich kann dasselbe auch für andere Menschen bedeuten.

„Viele Rapper sind doch einfach nur Karikaturen von Menschen“

Video: Sero – „Vermisst“

Bekommst Du auch entsprechende Reaktionen von Deinen Fans, die Dir persönliche Geschichten erzählen?

Es ist zum Teil herzzerreißend, was da an Feedback zurückkommt. Ein Mädchen hat mir mal eine Nachricht geschickt. Sie sagte: „Sero, wir kennen uns nicht. Wir werden uns wahrscheinlich auch niemals kennenlernen. Aber mit deiner Musik hast du meine kleine Welt gerettet. Bitte scheine weiter, um meine Welt zu erleuchten.“ Überlege die mal, was das mit dir macht, wenn ein Mensch so etwas zu dir sagt.

Bevor Du zur Musik gekommen bist, hast Du sehr unterschiedliche Sachen probiert. Du hast Regie, Psychologie und Wirtschaftsingenieurwesen studiert und nichts davon abgeschlossen. Hast Du Dich mittlerweile damit abgefunden von der Kunst leben zu wollen und müssen oder suchst Du noch nach einem Plan B?

Ich kann nicht mehr zurückgehen. Nach vier Jahren Musikbranche bin ich nicht mehr kompatibel mit der normalen Welt! (lacht)

Daran anknüpfend: Was bedeutet es für Dich ein ein „Weirdo“ zu sein? Wenn Du schon einen Deiner Songs so nennst.

Leuten fällt es schwer mich einzuordnen. Mein halbes Leben habe ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, bis ich mich dazu entschieden habe zu akzeptieren, dass mich die anderen vielleicht einfach nicht verstehen wollen. Ich war auf der Schule der Schlimmste, habe dann aber das beste Abitur gemacht. Ich mache ein Gottkomplex-Album wie ONE AND ONLY, spreche dann aber ganz offen über meine Gefühle. Für mich ist das ganz normal, denn so sollten Menschen sein: facettenreich und divers. Irgendwie scheint das aber für viele schwierig zu sein. Deswegen habe ich mich immer als „Weirdo“ gefühlt. Wie ein Alien eben.

Ist dieses Schubladen-Denken nicht auch typisch für die Musikbranche? Dort wird man doch auch schnell mit einem Label markiert.

Mir fällt bei Interviews immer wieder auf, dass Leute sich schwer tun, wenn ein Künstler mehr als einen Signature-Sound hat. Vor allem auf dem deutschen Markt. Jeder Künstler, den ich feiere, ist hochgradig facettenreich: Kanye West, Eminem, Kendrick Lamar. Manchmal stelle ich mir hier in Deutschland die Frage: Wollen die Leute verarscht werden vom Mainstream? Wollen die Leute, dass man einen Song mit einer griffigen Melodie produziert, um diesen Song dann vier Jahre lang zu wiederholen? Das ist nicht das, wofür ich angetreten bin.

Hat das vielleicht mit einer Unsicherheit der Künstler*innen zu tun? Wenn das Geld irgendwann fließt, ist das Risiko vielleicht zu hoch für eine Kehrtwende.

Wir müssen alle unser Geld verdienen. Und wenn du gewisse Formeln hast, die dir dabei helfen, dann benutze sie. Aber man muss aufpassen, dass das für einen selbst nicht irgendwann zu eintönig wird. Wir sind Künstler und wir müssen auch etwas anbieten. Musik ist mehr, als eine Woche Streaming-Klicks. Musik wird es auch lange nach uns geben. Sie hat einen intrinsischen Wert und der ist höher als all das Geld, das wir mit ihr verdienen können. Ich will eigentlich nicht zu spirituell werden, aber für mich ist Musik auch Energie, die wir in den Ether geben. Sie verändert Sachen und lässt Dinge entstehen. Wir sind Kulturschaffende und das bedeutet, wir tragen etwas zu dem Ganzen bei. Diese Meinung wird aber nicht von allen geteilt. Das finde ich schade.

„Musik ist mehr, als eine Woche Streaming-Klicks.“

Du hast Dich dieses Jahr an einer weiteren „brotlosen“ Kunst versucht und zwar an der Schauspielerei. Du hast in einem Kieler „Tatort“ mitgespielt. Was war das für eine Erfahrung?

Schauspiel ist gar nicht so brotlos, wie du denkst. Wenn du wüsstest, was ich da für eine Gage bekommen habe! Ich hatte mein Film- und Fernsehdebüt im „Tatort“. Und zwar als Hauptrolle in einer Episode. Das ist schon eine Ansage. Mir war auch vorher gar nicht klar, wie groß „Tatort“ eigentlich ist. Das war eine super gute Erfahrung und ein geiler Sommer. Das hat mich auf ganz anderen Ebenen nochmal gefordert.

Hast Du nicht auch den Titelsong geliefert?

Das Krasse daran war, dass ich diesen Song mit 14 Jahren geschrieben habe. Jetzt stell Dir vor, wie ich mit einem Riss in der Decke vor dem Textblatt sitze und einfach nur die Welt hasse. Es fühlte sich an, als ob ich falle, aber ich dachte mir: „Irgendwann werdet ihr noch alle sehen, dass ich eigentlich fliege!“  Dann spiele ich plötzlich beim „Tatort“ mit und denke mir: „Jetzt brauche ich genau diese Zeilen von damals!“ Das habe ich meinem 14-jährigen Ich geschenkt.

Den Text musst Du gut archiviert haben…

Ich habe den auf eine Serviette geschrieben!

Mit Regentropfen von damals?

Nein, das hätte der Text nicht überlebt.

Video: Sero – Fliegen feat. ALMILA

Wirst Du Deine Schauspiel-Karriere ausbauen?

Das Problem ist: Als Schauspieler bist du sehr abhängig. Ich dagegen kann meinen Text auf eine Serviette schreiben und theoretisch mein Leben lang auf Free-Beats rappen. Oder ich arbeite mein Leben lang mit nur einem Produzenten zusammen. Zwei Menschen reichen, um einen Song zu produzieren. Als Schauspieler bist du darauf angewiesen, dass dich jemand anstellt. Ich kann nicht auf so viele Castings gehen. Diese Form von Abhängigkeit will ich nicht hauptberuflich haben.

Aber Du hast doch auch Regie studiert?

Ich habe da schon gewisse Ambitionen. Ich bin auch in die Produktionen meiner Videos sehr involviert. Ich bin es gewohnt, meine künstlerische Vision exakt umsetzen zu können. Ich war auch zugegebenermaßen am Set vom „Tatort“ ein bisschen überschwänglich. Plötzlich schaute mich dann ein älterer Schauspiel-Kollege an und meinte: „Bist du jetzt der Regisseur und verteilst hier Ansagen?“ Ich habe mich dann entschuldigt und alle mussten lachen.

Bist Du bei Deinen Videos sehr perfektionistisch?

Früher hatte ich fast einen Kontrollzwang. Heute lasse ich da ein bisschen mehr geschehen. Auch weil ich mit sehr professionellen Leuten zusammenarbeite. Heute suche ich eher das Schöne im Unerwarteten.

Hat das auch damit zu tun, dass Du jetzt mit Deinen Arbeiten Erfolg hast? Motiviert das zum Experimentieren?

Gute Frage. Zum Einen, denke ich, es hat damit zu tun, dass die Leute meinen Kosmos jetzt besser kennen und zum Anderen ist da vermutlich mehr Selbstsicherheit. Man muss aber heutzutage auch sehr schnell arbeiten. Für mein Debütalbum hatte ich am Anfang viel mehr Zeit. Wenn du dann erst mal drinnen bist, wartet kaum jemand mehr auf dich. Aber man wird ja auch besser in dem, was man tut. Ich habe da jetzt eine gewisse Routine.

In welchem Zustand hast Du eigentlich den Song „Rage“ geschrieben? Ich habe das Gefühl, dass da ein Gedanke den Nächsten jagt, ohne wirklich sagen zu können, worum es in dem Song geht. Auch weil der Beat und der Bass den Text fast vergessen lassen. Wolltest Du genau dieses Gefühl erreichen?

Der Song ist eine Trance. Zumindest wollte ich ihn so anlegen. Die Ausgangszeile war „Der Bass macht alles leise in meinem Kopf“. Dieses paradoxe Gefühl wollte ich auf einen Song packen. Ich wollte, dass man sich zum Schluss des Albums komplett in einer Trance verliert. Hauptsache betäubt und durch einen diffusen Filter auf die Welt blickend. Der Bass sollte am Ende des Tages im Ohr bleiben und alles andere übertönen.

Video: Sero – „Rage“

Das heißt der Beat spielt auf dem Song eine sehr tragende Rolle. Wie harmoniert generell die Arbeit mit Deinem Produzenten Alexis Troy?

Er hasst es richtig, wenn man ihn lobt, also schreib‘ bitte einen richtig langen Absatz über Alexis! (lacht) Ich habe ihn im Zuge meines ersten Albums kennengelernt. Er ist ein unfassbar guter Produzent und ein sehr intelligenter Mensch, den ich sehr schätze. Einer, der genau versteht, wo ich musikalisch hin will und der das auch bedienen kann. Er schafft es einen roten Faden in mein Facettenreichtum hinein zu bringen. Wir beide denken auch sehr bildlich. Ich bin mal zu ihm ins Studio gegangen und habe gesagt: „Bruder, ich brauche einen Beat, der einem das Gefühl gibt im Dschungel zu sein und überall sieht man rote Augen, die einen anschauen.“ Und er sagte: „Klar, ich weiß genau was du meinst!“ Aus diesem Bild hat er dann einen Beat gemacht. Alexis ist einfach ein krasser Typ und ich bin sehr dankbar über die Zusammenarbeit.

Entstehen bei Dir Song- und Videokonzepte gleichzeitig?

Das kommt vor. Ich habe da so einen Song, der heißt „Rolling Stone“. Ich laufe dann rum mit dem Song im Kopf und denke mir gleichzeitig: „Wenn jemand Make-Up trägt und weint, dann könnte man mit dem Make-Up malen, wie mit Tusche.“ Dann entsteht plötzlich eine Zeile: „Deine Augen sind das Dunkelste, was ich jemals gesehen hab‘. Komm schon, ich mal‘ ein Portrait aus deinen Tränen und dei’m Make-Up.“ So beeinflussen sich Musik und Bilder dann gegenseitig bei mir.

Hast Du schon die nächsten Projekte im Kopf?

Ja. Muss ich ja. Es geht auf jeden Fall weiter und es bleibt spannend. Hoffentlich nicht nur für mich!


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