Simian Mobile Disco


Schafskäse aus Sardinien

Delicacies/Coop/Universal

So Techno wie auf dieser Compilation von 12-Inch-Tracks hat die ehemalige Indie-Band lange nicht geklungen.

Die Behauptung, die größten Legenden im Pop seien alle schon geschrieben, darf ins Reich der Legenden verwiesen werden. Das britische Duo Simian Mobile Disco hat vor fünf Jahren mit einer radikalen Neuerfindung eine der wunderbarsten Mythen der jüngeren Popgeschichtsschreibung geschaffen – die Verwandlung einer zweitklassigen Indie-Band in einen erstklassigen Elektronik-Act. James Ford und Jas Shaw haben maßgeblichen Anteil an der Erfindung der 10er-Jahre in den Nuller-Jahren; sie stehen mit ihrer Entwicklungsgeschichte symbolisch für den letzten großen Paradigmenwechsel im Pop. Weg vom (langweiligen, schematischen) Indie, hin zum Crossover aus Rock im weitesten und Techno im engsten Sinn.

Der internationale Erfolg des Justice-Remixes des Simian-Songs „Never Be Alone“ als „We Are Your Friends“ gab letztlich den Anstoß für James Ford und Jas Shaw die Indie-Band Simian zu verlassen/aufzulösen und ihr Freizeitprojekt Simian Mobile Disco zur Hauptsache werden zu lassen. Das war im Indie-Wunderjahr 2005. Im Rückblick erscheint das 2007er Debütalbum Attack Decay Sustain Release allerdings nur als gefühltes Elektro-Rock-Album, der damals angesagte Crossover aus Elektronik und Rock (Justice et al.) überschattete die discoid-technoiden Tatsachen dieses Debütalbums. Das Indie-Elektro-Fusionsprodukt kam erst zwei Jahre später mit Temporary Pleasure, auf dem Simian Mobile Disco mit Gaststars wie Beth Ditto (Gossip), Jamie Lidell und Alexis Taylor (Hot Chip) ihre Ursuppe aus Techno, Disco und Acid House popgerecht aufbereiten wollten.

Mittlerweile scheinen die Verhältnisse wieder gerade gerückt zu sein. 2010 veröffentlichten Ford und Shaw auf ihrem Label „Delicacies“ eine Serie von vier 12-Inches, auf denen jeder der neun Tracks nach einer mehr oder weniger exotischen, mehr oder weniger ekelhaften Delikatesse benannt. Wir erinnern an „Casu Marzu“, den Schafskäse aus Sardinien, der so lange reift, bis sich Maden in ihm so richtig wohlfühlen. Auf dem Album Delicacies sind diese 12-Inch-Tracks zusammengefasst. Und sie sind nicht wie Temporary Pleasure als Zugeständnisse an einen strukturkonservativen Mainstream zu sehen, der elektronische Musik nur dann halbwegs erträglich findet, wenn sie gefälligst über poppige Bestandteile verfügt. Die Tracks auf Delicacies haben keinen Gesang, es gibt keine Gaststars auf diesem Album, stattdessen acid-infizierten Techno mit einer Vielzahl atonaler, experimenteller Strukturen, die im richtigen Moment wieder von der Bassline aufgefangen werden. Das ist die wahre Stärke von Simian Mobile Disco, die musikalische Exzentrik crowd-kompatibel zu gestalten. Mit Rock hat diese Musik nur in einem übertragenen Sinn zu tun, als Prime-Time-Dancefloorbeschallung. Auf einer zweiten CD sind acht Tracks („Fugu“ fehlt) in einem Live-im-Studio-Mix zu hören.

Artverwandtes: TBD Oh My (2010) Jee Day Like A Child (2010)