Tonight: Franz Ferdinand


Franzrock im Diskokorsett: ME-Leser Kai Wichelmann hat TONIGHT: FRANZ FERDINAND Song für Song abgeklopft und widerspricht allen Krittlern, die uns das dritte Franz Ferdinand-Album madig machen wollen.

Franz Ferdinand haben sich diesmal Zeit gelassen. Dreieinhalb Jahre. Das hätte so niemand erwartet, waren sie doch in den Jahren 04-06 omipräsent und hatten ein derartiges Pool an Songs in petto, dass sie auf jeder ihrer vielen Singles immer noch zahlreiche B-Seiten draufpacken konnten. Doch zwecks Selbsfindung und Übertourung lief der Bandmotor langsamer, nur noch einzelne Tracks wurden gestreut, darunter großartige: Man höre den „Hallam Foe“-Soundtrackbeitrag. Dann waren sie weg. Alex Karpanos versuchte sich als Restaurantkritiker, was der Rest der Bandmitglieder tat, weiß wohl nur der engste Kreis. Nun kehren sie zurück als eine Band, die sich eigentlich nichts mehr zu beweisen hat, hat sie doch längst durch ihren ureigenen Trademarksound viele Bands inspiriert und sich einen unauslöschbaren und nachhaltigen Platz in der Musikhistorie gesichert.Spekulationen gab es über TONIGHT zuhauf. Die Platte werde eine Art Afro-Pop. Dies ist nicht der Fall. Auch die versprochenen Dubeinflüsse finden sich auf TONIGHT allenfalls in Nuancen wieder. Befremdlich auch, dass uns die vier Franzens TONIGHT als Konzeptalbum verkaufen wolllen. TONIGHT – eine Platte der Nacht. Ein wenig deplatziert wirkt das schon, ein etwas reiferes Konzept hätte wohl besser gepasst, traut man den Mittdreißigern (vom Endzwanziger Bob Hardy mal abgesehen) durchtanzte Clubnächte nicht mehr wirklich zu. Doch letztlich ist das Kosmetik und der Versuch, die Dramatik zur Veröffentlichung zu schüren und zu intensivieren. Das ist Coldplay durch ihre posthistorische Freibeuterkostümierung zwar besser gelungen, doch letztlich zählen die Songs.Der Trip beginnt mit „Ulysees“. Getragen von einer groovenden Bassline und dem immer kurz vor dem Ausbruch stehenden Flüsterton von Alex Kapranos, nimmt die erste Single im Refrain rauschhafte Züge an. „Turn It On“ und „No You Girls“ positionieren sich als solider, tanzbarer Franzrock im Disko- korsett. Wirklich großartig wird TONIGHT aber erst mit „Send Him Away“. Die Gitarrenlinie erinnert entfernt an das Gefühl exotischer Seemanslieder (oder ist das zu weit hergeholt?) und glänz insgesamt durch wunderbare Melodiebögen (man beachte den Bruch in der Mitte, wo Kapranos ansetzt: „Can’t you let me stay tonight?“). „Twilight Omens“ ist dann eine Art Kreuzung aus Kinks und Roxy Music und ebenfalls sehr gelungen. In „Bite Hard“ bricht dann kurz wieder die Beatleaffinität durch, die auf dem Vorgänger am intensivsten ausgelebt wurde, bevor es dich wieder auf die Tanzfläche zieht. Bemerkenswert auch „What She Came For“: Textlich eine Abrechnung mit der oberflächlichen Musikjournalie, musikalisch gegen Ende ein Punkbrett. Als weniger gelungen darf man „Can’t Stop Feeling“ bezeichnen. Die geschmeidige, an Hercules And Love Affair erinnernde Disko- ästhetik aus der Demoversion, wird durch den Einsatz fieser Synthies entwertet. Ebenfalls nicht wiederzuerkennen ist die letzjährliche Single „Lucid Dreams“. Völlig neu zusammen- gebastelt, geht der Song nach einem Drittel der Zeit in einen Housetrack über. Es brazt und fiept und illustriert deutlich, dass Franz Ferdinand eine Clubplatte im Sinn hatten. „Dream Again“ hätte sich auch gut auf einem Chilloutsampler gemacht. Kein songwriterischer Höhepunkt, aber angereichert mit ein paar feinen psychadelischen Exkursen. „Katherine Kiss Me“ führt dann sanft nach draußen und belegt, dass es nicht mehr als die sonore Stimme von Karpanos und eine zart angezupfte Akustikklampfe braucht, um zu überzeugen.Es bleibt festzuhalten, dass Franz Ferdinand mit Album Nummer 3 eine abwechslungsreiche und innovative Popplatte gelungen ist, die mit drei bis vier schlichtweg grandiosen Songs aufwartet, an mancher Stelle tut sie sich ein wenig schwer, nicht jeder Song glänzt, zusammengehalten wird sie aber immer durch das von der Band angestrebte Konzept. TONIGHT ist deutlich besser, als es viele, vor allem deutsche Kritikerportale suggerieren wollen und übertrifft zumindest YOU CAN HAVE IT SO MUCH BETTER deutlich.Zum Gegenlesen: Die Meinung der ME-Redaktion zu

Kai Wichelmann – 18.02.2009