Transatlantisches Indie-Bündnis


Mit einem Starzugang aus England hat Isaac Brock seiner Indie-Institution Modest Mouse neuen Schwung verpasst.

London, Koko, November 2006: Eine dereindrucksvollsten Londoner Konzerthallen droht, aus allen Nähten zu platzen. Auf der Bühne: sechs Personen. Unter anderem zwei Drummer. Vor der Bühne: massenhaft frenetische Fans. Modest Mouse sind zurück.

Frontmann Isaac Brock ist freundlich-distanziert wie immer. Er ist kein Mann großer Ansagen. Wenn er eine Bühne betritt, dann tut er dies, um zu spielen. Er ist kein Entertainer, er ist Musiker. Keine Mätzchen, keine doofen Witze, bitte. Und dennoch ist die Stimmung auf der Bühne ebenso fantastisch wie davor im Publikum – wenn auch kontrollierter, weniger ungestüm. Drummer Jeremiah Green, seit 13 Jahren immer mal wieder drogenbedingt das große Sorgenkind der Band, das Brock immer mal wieder zu dessen eigenem Schutz und Wohl rauswerfen musste, ist wieder in den Schoß der Wahlfamilie zurückgekehrt, das Bandgefüge ist tighter als die aktuelle Jeansmode, und links auf der Bühne steht ein Mann, der viele stutzig macht: Johnny Marr. Der ehemalige Smiths-Gitarrist, erstaunlich jugendlich, ja, beinahe jungenhaft, nimmt seinen Platz an Brocks Seite mit derart nonchalanter Selbstverständlichkeit ein, dass man binnen Minuten vergisst, es hier eigentlich mit einem mehr als illustren Fremdkörper zu tun zu haben. Die wortlose Kommunikation zwischen Brock und Marr ist beeindruckend; nie kommen die beiden einander in die Quere – ihr Zusammenspiel ist von großem Respekt und grenzenlosem gegenseitigen Vertrauen geprägt. Es ist, als sei Marr schon immer Teil von Modest Mouse gewesen, man kann ihn sich weder aus dem Bühnenbild noch seine Gitarre aus dem Klanggerüst wegdenken. Einer der ganz großen Briten, prägend für eine ganze Musikergeneration, stößt auf seinen amerikanischen Seelenverwandten, der, sechs Jahre nach der Trennung der Smiths, die neben Built To Spill und Pavement wohl wichtigste Band auf der anderen Seite des Ozeans gründete, der die Shins zu Sup Pop brachte, der Mark Kozelek zu Sun Kil Moon inspirierte, wegen dem Jugendliche ebenso oft zur Gitarre griffen wie Jahre zuvor Marrs Anhänger. Zwei Wegweiser der Independentkultur sind hier vereint: Seite an Seite, Gitarre an Gitarre, vergnügt schmunzelnd und erfrischend aufmerksam. Die Menge tobt. Es ist perfekt. AIS Marr Und Brock am nächsten Tag nebeneinander im Hotel auf der Couch sitzen und gemeinsam Cola trinken, bestätigt sich der Eindruck, dass man es hier mit dicken Freunden zu tun hat. Marr ist der wahrscheinlich freundlichste Mensch der Welt,

seit Mutter Theresa und Lady Diana das Zeitliche segneten, bietet Kaffee und Kekse an, während Brock sich schief lächelnd zurücklehnt und kommentierend den latenten Zyniker gibt: „Ein wahrer Gentleman…“ Guter Gitarrist, böser Gitarrist- die Rollen sind verteilt, das Spiel kann beginnen. „Herrjeh, wo habe ich nur immer noch diesen Jetlag her? “ Brock verdreht die Augen. „Ich kann mich kein bisschen konzentrieren!“ Marr knufft ihn in die Seite: „Reißdich mal zusammen. Du bist Profi. Trink halt noch ’ne Tasse Kaffee.“ Brock rutscht tiefer ins weiche Sofa, als würde er am liebsten darin verschwinden. „Nagut. Kaffee.“ Er grinst. Kein Grund für schlechte Laune. Das Konzert lief fantastisch, das Album ist fertig, die Band in Höchstform. Als es schließlich um die wundersame Vermehrung der Bandmitglieder geht, kommt auch Isaac Brock sofort ins Plaudern. „Ich wollte Modest Mouse livekompatibler machen „, erklärt er. „A// die Dinge, die wir beim letzten Album im Studio nur durch Overdubs, durch Schummeln hinbekommen haben, wollte ich nun auch live transportieren können. Zwei Drummer sind wesentlich energetischer als einer. Ich wollte einen großen Sound, ein wahres Brett.“Er reibt sich die Hände und lächelt. Er weiß: Es ist ihm gelungen.

WE WERE DEAD BEFORE THE SH1P EVEN SANK, das mittlerweile siebte Album der 1993 in Issaquah, Washington, gegründeten Band, vereint alles, wofür Modest Mouse je standen: Laute, geradezu gallige Passagen, heiser vorgetragen von Isaac „die personifizierte Ächtung“ Brock, wechseln sich mit tanzbaren, hymnenhaften Momenten ab, zwischendurch gibt es Ausflüge in glasklare Popgefilde, und dennoch steht die Gitarre im Vordergrund wie zuletzt tatsächlich beim Debüt this is a long drive for someone with nothing to think about. Nur dass Brock und Kollegen all ihre seitdem hinzugewonnene Reife bestens zu nutzen wissen. „Nie war die Band so gesund wie jetzt“, freut sich der Sänger. Jeremiah ist zurück, wir haben uns vergrößert, Johnny ist festes Mitglied, wir sind eine gut geölte Maschine.“ Marr nickt: „Ich habe seit Jahren nicht mehr eine solche Intensität erlebt wie mit dieser Band. Hier sitzen wir und sind Freunde und machen Witze und rauchen Zigaretten miteinander. Aber als wir in Portland am Album gearbeitet haben, war ich jeden Abend völlig im Eimer. Die ganze Band machte mit, jeder von uns war jede Sekunde hochkonzentriert. Als ich zurück nach Englandkam, war ich sehr müde. Und sehr glücklich. Auch wenn meine Familie die ersten Tage nicht viel von mir hatte.“ Marr kann gar nicht genug betonen, wie na türlieh die Songs auf WE WERE DEAD BEFORE THE SHIP

even sank zustande kamen: „Wir waren sechs Leute in einem Raum. Wir benutzten so gut wie keine technischen Tricks. Wir klangen haargenau wie das, was man auf der Platte hört, noch bevor wir überhaupt mit den Aufnahmen anfingen. Es wird eine Menge Information auf einmal transportiert, doch das liegt daran, dass wir vorher so intensiv geprobt haben. Wir hätten uns nicht besser vorbereiten können. Diese Art zu arbeiten ist für einen Musiker wie mich das Paradies.“

September 2005 WarderMonat.in dem Marr fester Bestandteil von Modest Mouse wurde. „Er hatte ein paar Mal mit uns gespielt“, erinnert Brock sich. „Und irgendwann waren wir alle an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab. Er war plötzlich Teil der Familie. Er gehörte schlicht dazu.“-„Undich bin wirklich froh darüber“, lacht Marr, der mittlerweile sogar plant, mit seiner Familie nach Portland umzusiedeln, „wenn man von diesem seltsamen, unangenehmen Gefühl absieht, das mich auf der Tour von der Westküste in den Süden nach Mississippi plötzlich beschlich. Ich bin Brite, da kann ich nicht mit umgehen. Wir waren in unserem Bus voller Instrumente. Wir hatten Schrankkoffer, Fahrräder, einfach alles dabei. Irgendwann begann ich, mich beinahe vor mir selbst zu schämen. Ich dachte wirklich: So ein Mist, wir sind die verdammten Beverly Hillbillies. Wo bin ich hier nur reingeraten?“ Brock kichert: „Nur weil wir gern all unser Zeug mitnehmen, sind wir ja nicht unbedingt eine Sitcom.Johnny, ich macheda keine Ausnahmen. Ich braucheden Kram um mich. Sonstfühle ich mich nicht zu Hause.“ Marr seufzt: „Siehst du? Auf der Bühne ist das ganz genauso. Ein Wunder, dass wir gestern nicht anbauen mussten, um den ganzen Kram unterzukriegen!“

Interessanterweise klingen Modest Mouse auch mit ihrem neuen Werk keineswegs durcheinander oder gar unaufgeräumt. Jedes Instrument, jede Note, jeder Ton kennt seinen Platz. Und je mehr Elemente auf einmal zum Einsatz kommen, desto strukturierter scheint das Gesamtwerk. „Tight but lose“ lautet das Stichwort, dass Brock und Marr gleichzeitig einfällt, was zu verbrüderndem Gelächter auf dem Sofa führt: „Es ist eine Frage von Respekt“, präzisiert Brock. „Ich verehre Johnnys Gitarrenspiel. Niemals würde ich auf die Idee kommen, einen seltsamen Wettstreit anzufangen. Wir haben es beide nicht nötig, uns in den Vordergrund zu spielen.“- “ Und der Respekt für Isaacs Arbeit gilt umgekehrt genauso „, nickt Marr heftig. „Und betrifft auch alle anderen Musiker auf dem Album, seien es nun die festen Bandmitglieder oder Freunde, die an einzelnen Songs mitgewirkt haben. „Einer dieser Freunde ist Shins-Sänger James Mercer, dessen Stimme gut zu Brocks kratzigem Organ passt. Auch hier lautet das Geheimnis: einander Raum geben.

Die beiden nicken sich zu, Johnny Marr schenkt Kaffee nach. So entspannt sehen zwei Männer aus, die Musikgeschichte geschrieben haben, ohne die viele neue Indie-Hoffnungsträger heute-wohl noch in Abrahams Wurstkessel schmoren würden. „Ach was“, rümpft Brock die Nase. „So ein Humbug. Alles, was ich an neuen Bands im Laufe der Jahre entdeckt und weitergegeben habe, wäre ohne mich über andere Kanäle an seinen Platz gelangt.“ Min mustert das zynische Grinsen, das nach langer Pause mal wieder den Mund seines Freundes und Kollegen umspielt amüsiert bis tadelnd, denkt ein paar Sekunden nach und legt den Kopf schräg. Dann blickt er auf, sehr wach, sehr fokussiert. „Es ist eigentlich egal, welchen Stellenwert wir mal eingenommen haben. Wichtig.istdoch der, den wir jetzt ein zunehmen gedenken, orfer?“Rechthater. Und der heutige Stellenwert wird enorm sein. Denn diese beiden Herren sind – auch wenn man es nie für möglich gehalten hätte – das perfekte Team. >»www.modestmousemusic.com DlSCOgraphie: 1996 THIS IS A LONG DRIVE FOR SOMEONE WITH NOTHINCTO THINK ABOUT/ 1997 LONESOME CROWDED WEST/ 1997THE FRUITTHATATE ITSELF/ 2000THE MOON & ANTARCTICA/2001 SADSAPPY SUCKER/2004 COOD NEWS FOR PEOPLE WHO LOVE BAD NEWS / 2007 WE WERE DEAD BE-FORE THE SHIP EVEN SANK