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Interview

„Und morgen die ganze Welt“-Schauspielerin Mala Emde im Interview: „Was, wenn unsere demokratische Grundordnung wirklich in Gefahr ist?“

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Was kann einem Film, der ins Oscarrennen für den besten internationalen Film geschickt wurde, eigentlich Dämlicheres passieren, als vier Tage nach dem Kinostart aufgrund eines erneuten Lockdowns wieder in der Versenkung zu verschwinden? Genau das ist dem Polit-Coming-of-Age-Drama „Und morgen die ganze Welt“ von Julia Heinze Ende Oktober 2020 widerfahren. Nun ist der Film unter anderem auf Amazon Prime Video zum Leihen verfügbar, ein Streamingstart auf Netflix könnte folgen.

Im Mittelpunkt von „Und morgen die ganze Welt“ steht die Jurastudentin Luisa, gespielt von Schauspielerin Mala Emde. Alarmiert vom Rechtsruck im Land und der zunehmenden Beliebtheit populistischer Parteien – in dem Film die „Liste 14“, die ein Logo hat, das dem der AfD zum Verwechseln ähnlich sieht–, tut sie sich mit ihrer Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) zusammen, um sich klar gegen die neue Rechte zu positionieren. Schnell findet sie in der Antifa-Kommune, wo sie in einem besetzten Haus lebt, Anschluss bei dem charismatischen Alfa (Noah Saavedra) und dessen bestem Freund Lenor (Tonio Schneider). Für die beiden ist auch der Einsatz von Gewalt ein legitimes Mittel, um Widerstand zu leisten. Luisa muss entscheiden, wie weit zu gehen sie bereit ist.

„Und morgen die ganze Welt“ ist geprägt von den persönlichen Jugenderfahrungen der Regisseurin Julia von Heinz. Sie war selbst in der Antifa-Szene aktiv, ging auf Demos, engagierte sich. Diesen authentischen Einblick in eine Szene, die viele nur von außen kennen, merkt man dem Film an – es ist seine größte Stärke und Schwäche zugleich, denn schnell könnte man in die Versuchung kommen, den Film als Pro-Antifa zu sehen. Hauptdarstellerin Mala Emde durfte voll und ganz in Luisas Welt eintauchen – und zeigt durch ihren Charakter, dass man manchmal gar nicht so pauschal sagen kann, wieso und warum sich jemand, egal in welche Richtung radikalisiert. Umso spannender, sich mit ihr über Aktivismus in Zeiten von AfD und Co. auszutauschen.

Musikexpress.de: Der Titel „Und morgen die ganze Welt“ ist der Zeile „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt” aus dem nationalsozialistischen Propagandalied „Es zittern die morschen Knochen“ entnommen. Wie findest Du das?

Mala Emde: Gerade das finde ich ganz gut – weil der Satz so ambivalent ist. Man kann ihn irgendwie nicht sagen, aber gleichzeitig ist es ein Satz, der so eine Kraft in sich trägt. Wenn man eine junge (linke) Gruppe ist und einfach voller Elan sagt: ‚Heute machen wir das und morgen die ganze Welt!‘

Was war Dein erster Gedanke, als Du das Drehbuch gelesen hast und wusstest, was mit Luisa passiert?

Dass es eine große Verantwortung ist. Ich wollte sie unbedingt spielen, aber ich wusste, dass dies eine sehr differenzierte Arbeit verlangen wird, damit der Film in die richtige Richtung geht, nicht missverstanden und es kein Propagandafilm wird oder irgendetwas beschönigt.

Wie hast Du Dich auf die Rolle vorbereitet? Hattest Du vorher schon Berührungspunkte mit der linken Szene?

Ich glaube, dass „Und morgen die ganze Welt“ im Moment jede und jeden abholen kann, weil da der Zeitgeist drinsteckt. Im Sinne von: ‚Ich will mich jetzt mit anderen zusammentun und etwas verändern!‘ Das ist im Prinzip genau das, was bei „Fridays for Future“ mit Greta Thunberg passiert ist oder der „Black Lives Matter“- Bewegung. Was die rechte Gewalt betrifft, geht die gerade in eine Richtung, wo man einfach Angst um die demokratischen Werte und die Ordnung in unserem Land hat. Gleichzeitig habe ich mich aber auch speziell auf die Figur vorbereitet: Ich konnte Julias von Heinz‘ Erfahrungen aufgreifen, habe mich mit Linksaktivist*innen getroffen und geschaut, was es für linksradikale Persönlichkeiten in der Geschichte gab. Damit ich ihre Grundsätze verstehe. Inge Viett (schloss sich 1980 der RAF an, Anm.) ist mir da zum Beispiel sehr in Erinnerung geblieben, weil sie immer wieder betont hat: ‚Das persönliche Glück muss hinten anstehen für das, was man politisch verändern will.‘ Wenn man dann aber anfängt zu drehen, wird man immer mehr Teil dieser Rolle – irgendwann wusste ich einfach, wie Luisa sich fühlt, was sie tun wird.

„Mannheim. Deutschland. Und morgen die ganze Welt.“ Foto: Oliver Wolff

Es war sehr befremdlich anzusehen, wie krass Luisa Teil der Antifa wird. Wie ging es Dir dabei?

Luisa durchlebt drei Phasen. Erst ist sie die Suchende, dann verhärtet sie sich, wird immer radikaler und dann folgt der Moment, in dem die Katharsis bei ihr einsetzt und sie merkt: ‚Okay, ich habe einen Fehler gemacht. Alleine komme ich hier nicht weiter.‘ Sie macht sich da verletzlich und geht zurück zu ihrer Wahlfamilie.

Luisas Wunsch, dem Rechtsruck in diesem Land etwas entgegenzusetzen, scheint verständlich – aber irgendwann verschwimmen die Grenzen zwischen Aktivismus und Radikalisierung. Wie hast Du ihre Wandlung wahrgenommen?

Während der Dreharbeiten betrachtet man das Ganze natürlich nicht so rational. Da steht der Drang, etwas ändern zu wollen, viel mehr im Fokus. Sie will unbedingt bei den beiden Jungs bleiben, zu denen sie eine sehr enge Verbindung aufbaut. Sie will sie nicht gehen lassen, aber sie muss am Ende, weil für sie etwas viel Größeres dahintersteht. Das hat man auch am Set sehr intensiv gespürt. Es gab die Zeit, wo ich meine richtig krassen Szenen alleine drehen musste – und ich war so froh, danach die beiden, also Noah (Saavedra, spielt Alfa, Anm.) und Tonio (Schneider, spielt Lenor, Anm.) wieder zu sehen. Ich habe das noch nie so krass erlebt, dass ich all diese Momente im Film selber mit durchlitten habe. Das war eine heftige Dynamik.

Das ist auch ein interessanter Aspekt: Luisa geht als Frau in diese Männergruppe.  

Darüber haben wir auch sehr viel gesprochen, als wir die Figuren entwickelt haben. Es ist ein bisschen auch ein gesellschaftlicher Spiegel: Wenn wir Frauen stark sein wollen und etwas erreichen möchten, verhärten wir uns manchmal viel mehr und gehen radikalere Wege als Männer, weil wir denken, sonst kämen wir in dieser patriarchalen Welt nicht zum Zug. Aber das ist auch generell die Kraft von Luisas Figur: Sie kommt aus einem so behüteten, bürgerlichen und privilegierten Elternhaus, dass es ihr fast peinlich ist. Das macht sie alles so wütend, dagegen will sie angehen. Das trifft eigentlich auf jede Form des Aktivismus zu, und das wird auch im Film deutlich, dass es hier auch um Selbstdarstellung geht. Die Überzeugung, die sie fest in sich trägt, paart sich mit dem eigenen Ego.

Hat sich Aktivismus in den vergangenen Jahren verändert, weil sich dank Social Media jede*r direkter positionieren kann?

Der Film hat mir gezeigt, dass ich mich wieder mit anderen Menschen zusammensetzen will und diskutieren möchte. Man kriegt diesen Einblick in eine fremde Welt, er wühlt auf und fordert es geradezu heraus, darüber zu reden und zu handeln.

Welches Signal sendet der Film aus: Verherrlicht er die Antifa oder nicht?

Hast Du schon einmal von der Hufeisen-Theorie gehört? Kannte ich vor dem Film auch nicht. Aber es gibt diese Vorstellung, dass linke und rechte Gewalt sich irgendwann treffen und gar nicht so weit voneinander entfernt sind. So habe ich vor dem Film auch gedacht, aber dann hat sich meine Sicht relativiert. Denn Nazis richten ihre Gewalt gegen Menschen, die nichts dafür können, dass sie so sind, wie sie sind. Ihre Opfer können auch nichts daran ändern, dass gegen sie Gewalt angewendet wird. Linke Gewalt richtet sich laut dieser Theorie nur gegen die Menschen, die andere Menschen gefährden. In dem Moment, in dem ein Nazi sagt, er will das nicht mehr und aus der extremen Szene aussteigt, wird er keiner linken Gewalt mehr ausgesetzt sein. Das ist der große Unterschied.

Aber Gewalt ist nie eine wirkliche Lösung von Problemen.

Das stimmt.

Bei den Dreharbeiten in Mannheim habt Ihr in einem linken Kulturzentrum gedreht. Wie hast Du die Stimmung da wahrgenommen?

Großartig! Wir hatten ein paar Komparsen, die immer mit dabei waren. Das war total gut, weil es gezeigt hat, dass es so eine kleine geschlossene Welt in sich ist. Es war eine tolle, schöne Erfahrung, mit denen zusammen zu arbeiten, die waren alle sehr offen für das, was wir da gemacht haben. Auch wenn wir in dem Film auch die zu hinterfragenden Charakteristiken der linken Szene aufzeigen.

Sind Euch Vorbehalte gegenüber dem Film begegnet?

Manche Gruppierungen, die nur den Trailer gesehen haben, reagieren darauf. Sie haben Angst, dass der Film die linke Szene einfach nur auseinandernimmt. Aber ich finde, Regisseurin Julia von Heinz hat eine wahnsinnig gute Mischung gefunden: Wir gehen zusammen mit Luisa diesen Weg. Wir wollen diese faszinierende Welt kennenlernen – mit all ihren starken Persönlichkeiten. Gleichzeitig zeigt der Film aber auch andere Probleme in unserer Gesellschaft auf: White Privilege, Racial Profiling, Hetero-Normativität.

Der Film stellt in gewisser Weise auch die Frage, ob es überhaupt richtig ist, radikal zu handeln. Wie hast Du das empfunden?

So eine Person wie Alfa positioniert sich auch aus egoistischen Gründen mit einer Aussage wie ‚Lasst uns Gewalt anwenden‘. Das ist eben auch das Problem, dass hier ganz viele Motivationen zusammenkommen. Trotzdem finde ich es wichtig, dass man in einem Film einmal dieses Gedankenspiel lostritt. Ganz inhaltlich: Was ist denn, wenn unsere demokratische Grundordnung wirklich in Gefahr ist? Da geht es nicht um eine „Burger King“-Filiale oder Kapitalismus, sondern was ist, wenn wirklich mal das Dritte Reich wieder vor der Tür steht. Wenn man sich dem radikalen Weg nur mal für die Länge eines Films hingibt, setzt man sich mit dem Thema ganz anders auseinander.

„Und morgen die ganze Welt“, von Julia von Heinz, mit Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa-Céline Gaffron u.a., aktuell auf Blu-ray, DVD und als Video-on-Demand erhältlich.

Oliver Wolff www.oliwolff.com

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