Plädoyer

Warum Carly Rae Jepsen mehr als nur ein One-Hit-Wonder ist

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Etwas blöd kam sich Carly Rae Jepsen sichtlich vor, als sie mit einer Triangel bewaffnet in Jimmy Fallons Umkleidekabine Platz nahm, um „Call Me Maybe“ zu singen. Dass die musikalischen Gäste von Fallons Sendung ihre Lieder mit Instrumenten aus dem Klassenzimmer nachspielen sollen, begleitet von der Hausband The Roots, ist eine feste Rubrik der Sendung. Doch selten wirkte jemand dabei so unbeholfen wie Jepsen, die ständig hilfesuchend ins Gesicht des Moderators blickte. Das Ergebnis klang erwartbar schaurig und wurde bis heute – ebenso erwartbar – knapp 30 Millionen mal angeschaut. Was sich zunächst nach guter Promo anhört, war rückblickend nichts anderes als Sterbehilfe. Für einen sensationellen Hit, der Jepsens Karriere bis heute behindert.

Dass „Call Me Maybe“ zur weltweit meistverkauften Single des Jahres 2012 werden konnte, ist ohnehin kurios. Jepsen, die 2007 in der Castingshow „Canadian Idol“ den dritten Platz belegte, hatte danach erst ein Album, die Akustik-Pop-Platte TUG OF WAR, veröffentlicht. Außerhalb Kanadas kannte sie niemand, daher passierte auch mit „Call Me Maybe“ monatelang nichts. Nachdem Justin Bieber, Selena Gomez und einige ihrer berühmten Freunde den Song entdeckt hatten und teilten, ging jedoch alles ganz schnell.

Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe auf YouTube ansehen

Als „Call Me Maybe“ im Sommer 2012 an die Spitze der US-Charts kletterte, verdrängte er einen Song, der ein ganz ähnliches Schicksal erleiden sollte: „Somebody That I Used To Know“ von Gotye und Kimbra, ein Sting-artiger Folkpop-Song, der niemandem weh tat, dessen Xylophon-Melodie man aber sofort wiedererkennen konnte – genau wie das Video, in dem die Körper der beiden mit Farbe überzogen werden. Doch so wie das Internet binnen kürzester Zeit aus einem Unbekannten einen Star machen kann, kann es genau das auch in kürzester Zeit zerstören. Jedes Cover, jede Parodie, jeder Verweis sorgt dafür, dass aus dreieinhalb Minuten Popmusik irgendwann ein Meme wird. Der Song entwickelt ein Eigenleben und löst sich so weit von seinem Interpreten, dass er ihm kaum noch nützt. Psy, Baauer und Gotye sind Hits gelungen, die keiner erwarten konnte. Zu Ikonen sind sie alle nicht geworden – genauso wenig wie Carly Rae Jepsen.

Bei Psy, Baauer und Gotye ist das Platzen der Blase zu verschmerzen: Ihr Output nach dem jeweiligen Hit war schlicht nicht gut genug oder ließ viel zu lange auf sich warten. Bei Jepsen ist das anders: Ihr erstes Post-„Call Me Maybe“-Album, KISS von 2012, war noch eine grundsolide Pop-Platte. Doch mit EMOTION sprang Jepsen letztes Jahr in eine völlig andere Liga: Die zwölf Songs sind ein Traum von 80s-infiziertem, zuckersüßem Pop, der von Herzschmerz erzählt und nach Kaugummi schmeckt, der Komponisten-Guru Max Martin an Bord hat, aber auch Indie-Musikern wie Dev Hynes und Rostam Batmanglij ihren Anteil lässt. Jepsen singt nur zeitlose Hits. Es gibt keinen einzigen mittelmäßigen Song. Die Platte kann es mit den ganz großen Pop-Alben unserer Zeit locker aufnehmen: 1989, ANTI, LEMONADE – und eben EMOTION. Die Frage ist nur: Wer will das haben?

Carly Rae Jepsen – Boy Problems auf YouTube ansehen

In Jepsens kanadischer Heimat waren das in der ersten Verkaufswoche 2 600 Menschen. Das ist sicher zum Teil der abenteuer­lichen Promo-Arbeit geschuldet: Anstatt einen der perfekten Songs des Albums als Lead-Single zu veröffentlichen – „Run Away With Me“, „LA Hallucinations“, „Your Type“ –, erschien „I Really Like You“, das einzige Stück, das unmittelbar an „Call Me Maybe“ erinnert und damit suggeriert: Hier gibt’s nichts Neues. Dass dann auch noch Tom Hanks und Justin Bieber im Video mitspielen mussten, war quasi das Eingeständnis, dass Jepsen trotz all ihres Talents etwas fehlt: eine große Persönlichkeit, die ohne die Musik nicht verdursten würde. Und als wäre das noch nicht genug, kam das Album in Japan bereits zwei Monate vor dem amerikanischen Veröffentlichungstermin auf den Markt. Ein Leak war nicht mehr zu vermeiden.

„Es ist das beste Pop-Album des Jahres, und niemand hört zu.“ Der Satz trifft exakt auf EMOTION zu. MTV schrieb ihn allerdings schon 2012 über KISS, Carly Rae Jepsens zweites Werk. Man wird ihn jedes Mal wiederholen können, wenn sie neue Musik veröffentlicht. So geschehen vor einigen Wochen, als EMOTION: SIDE B erschien, die lächerlich gute Ausschussware der EMOTION-Sessions. Hat in den USA 9 000 Leute interessiert, die das Album auf Platz 74 gekauft haben. Es ist zum Heulen.


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