„Winnetou“-Verkaufsstopp: Verleger, TV-Sender und Indigene sind dagegen

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Die Debatte um die zurückgezogenen „Winnetou“-Bücher nimmt weiterhin Fahrt auf. Nun verkündeten Verleger und Fernsehsender, dass sie dem legendären fiktiven Ureinwohner kein Ende setzen wollen. Auch interviewte amerikanische Indigene verstehen den Vorwurf der kulturellen Aneignung nicht.

Die Meinungen gehen auseinander: Auf der einen Seite unterzeichneten bereits mehr als 8.000 Menschen eine Petition der Karl-May-Gesellschaft und der Karl-May-Stiftung mit dem Titel „Ist Winnetou erledigt?“ – sie alle sind der Meinung: Der Umgang mit Winnetou sollte differenzierter betrachtet werden. Eine Umfrage von „YouGov“ stellte heraus, dass nur 13 Prozent der Befragten für einen Widerruf der „Winnetou“-Produkte sind.

„Deutschsprachiges Kulturgut“

Bernhard Schmid, Vorgesetzter des Karl-May-Verlags, sagte gegenüber der „Bild“, dass die Produkte rund um Winnetou weiterhin wertgeschätzt werden müssten: „Unser Indianer-Ehrenwort steht seit Jahrzehnten und es bleibt. Wir werden die Werke Karl Mays weiterhin respektvoll als das behandeln, was es ist: deutschsprachiges Kulturgut“, so Schmid. Außerdem dementierte er den Vorwurf, Winnetou direkt als ein Zeichen kultureller Aneignung zu verstehen. „Das ist keine kulturelle Aneignung, sondern kulturelle Anmaßung – Deutsche haben nicht das Recht, Indianern vorzuschreiben, wofür sie sich diskriminiert fühlen sollen“, erklärte er weiterhin.

Kein Widerruf von „Winnetou“-Medien

Nun meldeten sich weitere Verleger der „Winnetou“-Bücher, TV-Sender und Indigene selbst zu Wort. Der Verleger Reinhard Marheinecke könne aus eigener Erfahrung einen Fall der kulturellen Aneignung ausschließen. „Ich habe in den letzten Jahrzehnten mit ganz vielen Häuptlingen der Kiowa, Navajo und Comanche Kontakt gehabt. Der größte Kiowa-Häuptling nennt sich selber ,I’m an Indian chief!‘ Aber das wissen diese Spinner nicht, die höchstwahrscheinlich noch nie einen Indianer zu Gesicht bekommen haben“, erzählte Marheinecke und stellt sich somit auf die Seite von Winnetou. Einen Verkaufsstopp werde es in seinem Verlag nicht geben.

Eckhard Friedrich auf der Zinne, der Chef des Bildschriftenverlags, bezeichnete den aktuellen Shitstorm als „absurd“. Er empfindet die umstrittenen Winnetou-Medien vielmehr als lehrreich anstatt diskriminierend: „Diese Anti-Bewegung ist absurd, haben doch gerade die Romane von Karl May dazu geführt, dass man sich in Deutschland intensiv mit der Kultur der indigenen Bevölkerung (Indianer) beschäftigt hat“, so dieser in einem weiteren Gespräch mit der „Bild“.

„Die alle haben nicht einmal was von Winnetou oder Karl May gehört“

Einige amerikanische Ureinwohner*innen selbst finden, dass die Winnetou-Gegner sich zu sehr in die Debatte hineinsteigern würden. „Ich glaube, das ist eine ganz schöne Überreaktion. Dass der Verlag die Bücher vom Markt genommen hat … warum? Das ist ein bisschen zu viel des Guten, finde ich. Das ist ja fast schon Publicity“, so ein Darsteller indigener Abstammung.

Robert Packard, Mitglied des Stammes Sioux, ist ähnlicher Meinung. Er erklärte: „Ich bin auf Winnetous Seite. Ich unterstütze die Geschichten komplett und bin ziemlich verärgert, dass man versucht, ihn quasi auszuradieren. Ich fühle mich überhaupt nicht diskriminiert. Ich sehe auch überhaupt nichts Diskriminierendes oder gar Rassistisches bei Winnetou. Ganz ehrlich, ich habe noch nie einen Indianer in Amerika getroffen, der deutsch spricht. Die alle haben nicht einmal was von Winnetou oder Karl May gehört“.

Winnetou im Fernseher

Zuvor beschloss der Fernsehsender ARD, dass keine „Winnetou“-Filme mehr in ihrem Programm aufgenommen werden. Dem voran gegangen war jedoch kein Urteil aufgrund der aktuellen Debatte, sondern schlicht die Tatsache, dass die Sendelizenzen ausgelaufen sind. Kabel Eins, RTL und ZDF wollen Winnetou dagegen als „Filmklassiker“ weiterhin zeigen. RTL vermeldete eine „weitere Ausstrahlung im linearen TV“. Am 3. Oktober wird der Film „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ (1966) um 11:30 Uhr auf ZDF ausgestrahlt.

+++ Dieser Artikel erschien zuerst auf rollingstone.de +++


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