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Interview mit Justice: Die Phantome der Disco

Vor vier Jahren warfen die Franzosen mit ihrem Debütalbum die Indie-Bands aus der Indie-Disco. Ihre Mischung aus Disco und Big Beat führte Justice in ausverkaufte Hallen um die Welt. Jetzt kehren sie zurück – mit Prog-Rock-Disco!

Foto:
Maxime Ballesteros
Justice

Ich hole mir einen Cappuccino – soll ich dir auch einen mitbringen?“, fragt Xavier de Rosnay, diese spindeldürre Mischung aus Prä-Schnauzer-Freddie-Mercury und einem Monchichi. Ausgerechnet Justice, die einen 2007 mit ihrem monolithischen Debüt † fast erschlagen hätten, sind die Höflichkeit in Person. In freilich fantastisch aussehender Person: Tattoos wie aus dem Malbuch eines Kindes, löchrige Lederjacken, de Rosnay trägt ein zerrissenes Shirt der Discotruppe Chic, Gaspard Augé trotz eng sitzender Hose einen Gürtel − mit dem Emblem der Artrocker Yes als Schnalle. 2011 hat sich die Musik der Band ihrem Markenzeichen-Look angepasst: Ihr neues Album Audio, Video, Disco ist Hard-Rock mit beherzten Prog-Auswucherungen, natürlich mit den Justice-Mitteln Verzerrung, Kompression und Druck auf 21. Jahrhundert getrimmt. So wie eben † unter all dem Gerocke und Geknalle letztlich nichts anderes als Disco war. Gemacht von 70s-Rock-Fans, die in den Achtzigern Michael Jackson und in den Neunzigern Atari Teenage Riot hörten.

Die Band kommt gerade aus London, wo sie ihre am 1. Januar 2012 beginnende Tour vorbereitet. Warum die erst im nächsten Jahr startet, wenn das Album schon jetzt erscheint? „Wir sind nicht die schnellsten“, sagt Augé unter seinem monströsen Pornobart hindurch. Zeit spielte für Justice und ihre Plattenfirma Ed Banger aber auch noch nie die größte Rolle. Auf die Debütalben der Labelkollegen Sebastian und Uffie musste die Welt jeweils über fünf Jahre warten. In den vier Jahren seit Justice Rock-DJs zur Umschulung zwangen, wurden andere zu Superstars und verschwanden wieder in der Versenkung. Doch de Rosnay und Augé ignorierten das Beschleunigungsdiktat des Zeitgeists: Als Justice tourten sie anderthalb Jahre um die Welt, nahmen die Dokumentation „A Cross The Universe“ und die dazugehörige Live-CD auf, lieferten Christian Dior den achtzehnminütigen Track „Planisphere“ für dessen Präsentation seiner 2009er-Sommerkollektion, de Rosnay produzierte das Debüt von Jamaica, Augé komponierte zusammen mit Mr. Oizo den Soundtrack der französischen Horrorkomödie „Rubber“. Dazwischen kursierte ein Bild, das Justice mit entstöpseltem Midi-Controller bei einem Konzert zeigt. Obwohl die Band erklärte, das Gerät hätte aus technischen Gründen nur kurz vom Strom gemusst und Beweisfotos mit einwandfrei verkabeltem Equipment vom selben Abend vorlegte, fühlten sich die bestätigt, die sowieso schon immer wussten, dass Justice einfach zu gut aussehen, um so „kranke“ Musik machen zu können. In der Folge hieß es sogar, Justice seien nur Marionetten für die öffentlichkeitsscheuen Daft Punk. Für die einen waren Justice zu den Milli Vanilli der Szene geworden. Die anderen wollten sie als die Sex Pistols der elektronischen Musik abspeichern: ein die Regeln der Clubkultur veränderndes Statement – dann aber bitte weg von der Bildfläche. Bloß nicht das Risiko eines Nachfolgers eingehen! Alles vermeiden, was dem Mythos gefährlich werden kann! Aber Justice sind Justice. Also so mysteriös wie eh und je.

Ihr neues Album wird Fans und DJs vor eine Herausforderung stellen: Wie soll man zu Prog Rock tanzen?

DE ROSNAY: Wir haben nie bewusst Clubmusik gemacht. Wir wollten immer Musik machen, die man sich vor allem gut zu Hause anhören kann. Dass unser Debüt so einschlug auf den Dancefloors, hat am meisten uns selbst überrascht. Diesmal wollten wir einfach ein kraftvolles Album aufnehmen. Aber die Kraft sollte nicht so offensichtlich rüberkommen wie auf †. Die Drums sind beispielsweise weit nach hinten gemischt, du kannst sie kaum hören, aber du spürst sie ganz deutlich. Es ging uns viel mehr um den Groove als um den Beat.

AUGÉ: Das Album ist sehr gitarrenlastig und daher auch songorientierter. Die Kraft kommt diesmal vom Song und nicht von der Snare. Wir haben viel Led Zeppelin gehört.

Aber wohl auch Queen: Der Anfang des Songs „Brianvision“ emuliert „Flash’s Theme“, das Folgestück „Parade“ arbeitet mit dem „We Will Rock You“-Beat. Was bedeuten Ihnen Queen?

DE ROSNAY: Die Parallele zu „Flash“ ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber es stimmt. Wir wollten einfach eine Hommage an Queen aufnehmen – der Titel spielt ja auf Brian May an und wir haben auch versucht, seinen Gitarrenstil zu kopieren. „Flash“ ist unser Lieblingssong von Queen. Der hat sich da wohl selbstständig eingeschlichen.

Audio, Video, Disco – ein Wortspiel, da man die Wörter auch aus dem Lateinischen übersetzen kann und die Platte dann „Ich höre, ich sehe, ich lerne“ heißt. Was haben Sie seit Ihrem Debüt gelernt?

DE ROSNAY: Wir haben gelernt, nicht zu viel lernen zu müssen. Mit das Aufregendste am Musikmachen ist, dass wir eigentlich gar nicht so genau wissen, was wir da tun. Und wir wollen es auch gar nicht wissen. Aber hauptsächlich haben wir den Titel gewählt, weil er cool klingt.

Auf Ihrem Debüt haben sie angeblich mehr als 400 Samples verwendet. Wie viele waren es denn diesmal?

DE ROSNAY: Zunächst möchte ich sagen, dass viele Leute immer noch eine seltsame Vorstellung von elektronischer Musik und daher auch von Samples haben. Viele Leute glauben, dass elektronische Musik auf Turntables erzeugt wird und halten Mr. Oizo für eine gelbe Stoffpuppe. Die glauben auch, dass ein Sample das Fundament eines neuen Songs bildet. Aber nehmen Sie zum Beispiel unser Stück „Genesis“ – da sind weit über zwanzig Samples drin, aber es ist ein völlig eigenständiger Song, der auf nichts zurückzuführen ist. Wir arbeiten meistens mit Microsamples – oft extrahieren wir nur eine Zehntelsekunde aus einem anderen Song. Auf unserer neuen Platte sind so sicherlich wieder an die 400 Miniversatzstücke zusammengekommen.

Die Gewaltszenen in Ihrem Video zu „Stress“ lösten vor drei Jahren einen Skandal aus. Man warf Ihnen vor, nur kontrovers sein zu wollen. Die Beiträge, die Nachrichtensender über die UK-Riots in diesem Jahr brachten, ähnelten dem „Stress“-Video sehr. Verspüren Sie da eine späte Legitimation für den Clip? Weil er vielleicht als Warnung gedacht war?

AUGÉ: Nein, denn hinter dem Video stand keine Botschaft. Die Gewalt, die dort gezeigt wurde, war nichts Neues und die Gewalt, wie sie sich in England zeigte, war es auch nicht. Unsere Kritiker hatten recht: Wir wollten wirklich nur ein aggressives Video drehen. Weil der Song eben reine Aggression ist. Wir hatten keinerlei politische Vision.

Was haben Sie damals eigentlich empfunden, als Kanye West bei den MTV Europe Music Awards 2006 auf die Bühne sprang, als Ihnen die Auszeichnung für das beste Video des Jahres ausgehändigt werden sollte und lautstark die Ungerechtigkeit anprangerte, dass er nicht gewonnen hat?

AUGÉ: Ich habe vor allem Dankbarkeit empfunden. Das war größtmögliche Werbung für uns und wir mussten keinen Cent dafür ausgeben. Dieser Auftritt machte weltweit Schlagzeilen und stellte uns einem völlig neuen Publikum vor. Wenn du das hier liest, Kanye: Danke noch mal! Das werden wir dir nie vergessen!



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