Invitation to the Blues – Julie London


Etwas Altes, etwas Geborgtes und etwas Blaues: MUSIKEXPRESS-Leserin Martina Bähring empfiehlt für nasskalte Herbsttage die Songs der amerikanischen Swing- und Blueslegende Julie London.

Die Blätter fallen ebenso wie die Temperaturen, der Nebel legt sich wabernd über Felder und Straßen und man kann ihn in jeder Faser seines Körpers fühlen, den alljährlichen Herbstblues. Am liebsten möchte man sich nur noch mit einer Tasse Tee und einer Decke auf der Couch ausbreiten, sich vor der Welt verkriechen und seiner inneren Melancholie freien Lauf lassen.Für diese trüb-süßliche Stimmung bedarf es natürlich auch einem ganz besonderen Soundtrack jenseits des üblichen lamentieren- den Songwriter-Indie von Death Cab bis Aimee Mann oder suizidalen Klängen von The Cure bis Nick Cave. Man muss hier schon tief in die alte Plattenkiste greifen um etwas Passendes zu finden, was diesen blauen Stunden musikalisch gerecht wird. Und mit ganz viel Glück stößt man dabei auf eine Künstlerin, die hierzulande leider kaum bekannt ist und die dem Schwermut eine würdige Stimme verleiht: Julie London, die Swing- und Blueslegende aus Kalifornien.Geboren 1926 in Santa Rosa als Gayle Peck machte sich die Solokünstlerin parallel zu ihrer Schauspielkarriere einen Namen als Sängerin. London veröffentlichte bis zu ihrem Tod 1995 be- achtliche 33 Alben voller wunderschöner Songs, von leichtfüßigen Swingstücken bis hin zu elegischen Bluesballaden. Und beson- ders Letztere eignen sich ganz hervorragend zu herbstlichen Tagträumen und stundenlangem Treibenlassen.Mit ihrer samtig-rauchigen Stimme nimmt London ihre Zuhörer mit auf einen Sentimental Journey, von der San Francisco Bay bis nach New Orleans in die Basin Street, zurück in eine Zeit, die es so eigentlich nie gegeben hat, außer vielleicht in den Filmen von Charles Vidor oder Howard Hawks. Begleitet von opulenten Big Band-Arrangements und herzzerreißenden Streicherklängen besingt sie verflossene Liebschaften, schlaflose Nächte, Regen- tage und nun ja, eben den Blues, mit all seinen Facetten. Bitter- süß gehen ihre Songs ins Ohr, mit Texten, die teils mit schnul- zigen Klischees kokettieren, diese aber auch immer wieder mit einem Augenzwinkern brechen: „Now a man is born to go lovin‘ / A woman’s born to weep and fret / To stay home and tend her oven / And drown her past regrets / In coffee and cigarettes“. Neben eigenen Stücken interpretiert London auch Sinatra- Klassiker wie „I Left My Heart in San Francisco“ ebenso wie Marilyn Monroes „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“, und leiht sich „Light My Fire“ von den Doors, um ihm eine völlig neue und erstaunlich passende Note zu geben, weit weg vom hammond- orgel-dominierten Original.Julie Londons Songs sind genau richtig für die nasskalten Herbsttage, sie streicheln einen voller Wärme und Nostalgie und laden beinahe dazu ein, auch noch den gesamten Winter auf besagter Couch zu verbringen. It is hard to decline the Invitation to the Blues…

Martina Bähring – 28.10.2008