Wie Louis Tomlinson nach schweren Verlusten seinen Optimismus fand
Von One Direction zum Madison Square Garden: Louis Tomlinson erzählt, wie er trotz Trauer positiv bleibt & warum sein neues Album Hoffnung schenkt.
Obwohl Louis Tomlinson seit 15 Jahren weltberühmt ist, umgibt ihn kein Hauch von Hollywood – eher vermeint man, den Duft eines Pubs seiner nordenglischen Heimatstadt Doncaster zu wittern. Der Ex-One-Direction-Star ist bestens gelaunt, aus seinem neuen Album HOW DID I GET HERE? strahlt die Sonne. Dabei ist erst vor einem Jahr sein ehemaliger Bandbuddy Liam Payne bei einem Balkonsturz in Buenos Aires gestorben. Woher nimmt Tomlinson diese Positivität?
„Du hast harte Zeiten hinter dir. Dennoch klingt dein neues Album deutlich heller als deine bisherigen. Ist das eine Form von Eskapismus?“
LOUIS TOMLINSON: Vielleicht ein bisschen. Aber ich wollte bewusst eine positive Energie erzeugen – nicht, weil alles so leicht ist, sondern weil es heavy war. Musik kann dich retten, auch wenn sie nur für drei Minuten lang die Welt aufhellt. Ich glaube, diese Leichtigkeit ist die ehrlichste Antwort auf die Schwere der letzten Jahre.
„Ein gutes Leben ist die beste Rache“, sagt man ja.
Genau! Mein neuer Song „From Dark To Light“ steht dafür sinnbildlich – er spiegelt meine letzten Jahre wider und den Versuch, trotz allem positiv zu bleiben.
Zwei Wochen nach deinem letzten Album FAITH IN THE FUTURE wurde ChatGPT der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Manche auf dem Gebiet führende Wissenschaftler gehen davon aus, dass KI bereits 2027 die Menschheit zerstören wird. Können solche Szenarien deinem Glauben an die Zukunft etwas anhaben?
„Faith In The Future“ ist eine Art Lebensmotto für mich. Natürlich gibt es genug Gründe, den Glauben zu verlieren – aber was wäre die Alternative? Zynismus? Ich halte mich lieber an Hoffnung fest. Das Album war für mich damals der erste bewusste Schritt in Richtung Zuversicht, und diese Haltung zieht sich jetzt konsequent weiter.
Optimismus klingt bei dir nie naiv, sondern wie eine Entscheidung.
Ja, total. Ich habe gelernt, dass Optimismus nichts mit Blindheit zu tun hat – sondern mit Mut. Man entscheidet sich, weiterzumachen, obwohl man weiß, dass es schwer ist. Das ist die Haltung, die ich auch mit meinen Fans teilen will.
Gleichzeitig schreibst du Songs wie „Imposter“ – über Selbstzweifel. Wie passt das zusammen?
Ich glaube, echter Optimismus entsteht nicht aus Selbstsicherheit, sondern aus Selbstzweifel. Ich habe definitiv noch immer mit dem Imposter-Syndrom zu kämpfen. Aber das hält mich wach. Ich bin vielleicht sogar ehrgeiziger als früher, gerade wegen dieser Zweifel. Wenn man sich selbst immer wieder überraschen will, bleibt man in Bewegung. Am Ende will ich gar nicht jemand anderem etwas beweisen – nur mir selbst.
Wie hast du den Übergang von deinem Boyband-Fame zur Solokarriere erlebt?
Nach One Direction war ich oft frustriert, wenn mir bestimmte Türen – Radio, große TV-Slots – verschlossen blieben. Ich wollte mich vom Image lösen, vom großen Pop-Apparat, wollte beweisen, dass ich anders bin. Ich komme ja aus dem Indie-Bereich, habe mit meiner ersten Schulband Oasis und Green Day gecovert.
… und auf deiner letzten Solo-Tour „505“ von den Arctic Monkeys gespielt, neben einer Rockversion deines Electropop-Hits mit Bebe Rexha von 2017, „Back To You“.
Genau. Dabei habe ich aber vergessen, dass dieser Pop-Weg auch Teil meiner Geschichte ist. Jetzt fühle ich mich mutig genug, ihn zu akzeptieren. Ich muss nichts mehr abgrenzen – nur noch ehrlich sein. Das fühlt sich an, als würden sich endlich Dinge fügen, die lange nebeneinander existiert haben.
Seit 2021 kuratierst du dein eigenes Festival „Away From Home“, das mit Bands wie The Vaccines, The Cribs und DMA’s eine ordentliche Indie-Schlagseite hat. Das nützt dir doch bestimmt auch zur musikalischen Profilierung.
Klar. Aber das ist auch voll authentisch – ich bin mit dieser Musik aufgewachsen. In Doncaster gab es eine Bar namens „Priory“, da habe ich zum ersten Mal richtig gute Gitarrenmusik gehört – zehn Pfund Eintritt, all you can drink. (lacht) Diese Nächte haben mich geprägt. Und ehrlich gesagt: Ich hätte nie gedacht, dass solch coole Bands irgendwann auf meinem Festival spielen würden. Da schließt sich ein Kreis für mich.
Sehr symbolisch auch mit den Plain White T’s, die 2026 auf dem Line-up deines Festivals stehen. Deren Hit „Hey There Delilah“ hast du bei deinem ersten „X Factor“-Casting gesungen.
Tolle Typen, aber der Song triggert bei mir pure Posttraumatische Belastungsstörung. Ich war so unglaublich nervös damals.
Wenn du als jemand, der im Frühling in den größten deutschen Hallen spielen wird, bevor er dann im New Yorker Madison Square Garden auftritt, auf diese Performance zurückblickst – was würdest du dem unsicheren 18-jährigen Louis sagen wollen?
Ehrlich? Nichts. Hätte mir damals jemand gesagt, wo ich einmal stehe, hätte ich es sowieso nicht geglaubt. Ein bisschen Naivität schützt. Ohne sie wäre ich vielleicht nie so weit gekommen. Ich würde diesen Jungen einfach machen lassen – Fehler, Peinlichkeiten, alles gehört dazu.
Wie wirkt sich dein Dasein als Solokünstler auf deine Kreativität aus? Als Teil einer Band befindet man sich in permanentem Ideenwettbewerb, aber nun bist du der Chef, dem sich vielleicht niemand traut, die Stirn zu bieten. Wie war zum Beispiel deine erneute Zusammenarbeit mit Theo Hutchcraft von Hurts?
Genau deswegen wollte ich diesmal nur mit Künstlern arbeiten, nicht mit professionellen Songwritern. Denn Künstler sagen dir ehrlich „Nein“, wenn etwas nicht funktioniert, weil sie wissen, dass es um den Song geht, nicht um Eitelkeit. Das Kernteam – die schottischen Musiker David Sneddon und Dave Gibson, Theo, Produzent Nico Rebscher und ich – hat sich wie eine Band angefühlt. Genau das wollte ich erreichen: dieses Gefühl von gemeinsamem Schaffen.
Trotz internationaler Karriere hast du deinen nordenglischen Akzent nie abgelegt. Wie viel Doncaster steckt noch in dir?
Total viel. Allein schon, was die Lebenseinstellung angeht. Angeben ist dort das Schlimmste, was du tun kannst. Das ist eine Gegend, in der Bodenhaftung über allem steht. Wenn du dich zu wichtig nimmst, bist du raus. Das habe ich früh gelernt. Ich habe immer viele Freunde von damals – einer von ihnen, Oli, ist heute zum Beispiel auch auf diesem Trip dabei. Diese Typen halten mich geerdet – manchmal auf brutale Art. (lacht) Aber das ist gut so.
Mehr über Louis Tomlinson
Louis Tomlinson (*1991) wurde 2010 durch die Castingshow „The X Factor“ berühmt – als Mitglied der Boyband One Direction. Jene wurde bald darauf zum globalen Popphänomen. Nach der Auflösung 2016 startete er seine Solokarriere. Ende Januar erscheint sein drittes Soloalbum. Sein Privatleben ist von mehreren tragischen Verlusten geprägt: Seine Mutter Johannah starb 2016 an Leukämie, seine Schwester Félicité erlag 2019 mit 18 Jahren einer Überdosis Drogen, 2024 verunglückte sein Ex-Bandkollege Liam Payne.






